Plácido Domingo – „Die goldene Stimme“ ist 70

 
Vor kurzem ermittelte das englische BBC Music Magazine in einer Umfrage die zwanzig besten Tenöre der Welt. Zum größten Tenor aller Zeiten wurde Plácido Domingo gewählt. In einer mehr als ein halbes Jahrhundert andauernden Karriere bescherte er, der am 21. Januar 2011 seinen 70. Geburtstag feierte, seinem Publikum unzählige unvergessliche Momente.
 
Die Geburt einer Legende
 
Übersetzt bedeutet der Name Plácido Domingo „friedlicher Sonntag“ – vielleicht ein wenig ironisch für solch eine treibende Kraft der Musik des 20. Jahrhunderts. José, wie er eigentlich heißt, wurde 1941 in Madrid geboren. Seine Eltern Plácido und Pepita, beide selbst Sänger, förderten das musikalische Talent ihres Sohnes nach Kräften. 1946 landete die Familie nach einer Tournee in Mexiko, wo die Eltern ihr Leben lang blieben. Mit acht Jahren bekam der kleine José Klavierstunden und verbrachte viel Zeit mit der elterlichen Theatergruppe. Dadurch lernte er wichtige Elemente des Musiktheaters, aber auch dessen harte wirtschaftliche Realität kennen.
 
Ein Mann für alle Fälle
 
Am Konservatorium traf Domingo 1957 im Alter von 16 Jahren seine Kommilitonin Anna Maria Guerra Cue und heiratete sie wenig später. Sohn José wurde 1958 geboren, doch die Ehe hielt nicht lange und Domingo musste schon früh den Lebensunterhalt mit allen möglichen Bühnenjobs verdienen. Immerhin ließ er sich bei dem berühmten Dirigenten Igor Markevitch zum Dirigenten ausbilden. All diese Erfahrungen sollten sich für ihn auszahlen.
 
Bariton? Nein, Tenor!
 
1959 bewarb sich Domingo an der mexikanischen Staatsoper als Bariton. Man konnte ihn jedoch davon überzeugen, dass er ein Tenor war und als solcher bekam er einen Vertrag. Zwei Jahre später erhielt er mit Alfredo, der Hauptfigur aus „La Traviata“, seine erste Opernhauptrolle. Wenig später folgte sein amerikanisches Debüt bei der Dallas Civic Opera an der Seite von Joan Sutherland, zu dieser Zeit bereits Diva von Weltrang. Groß, gut aussehend, charismatisch und von einer unübersehbaren Bühnenpräsenz, entsprach er voll dem Bild eines Operntenors und Heldendarstellers. Im August 1962 heiratete er die mexikanische Sängerin Marta Ornelas, damals ebenfalls ein Star in ihrer Heimat.
 
Domingo und die „Met“
 
Er trat auf allen großen Bühnen auf! 1965 etwa an der New York City Opera, wo er auch mit seinen Schauspielkünsten beeindruckte. Drei Jahre später sprang er an der Metropolitan Opera in New York, der berühmten „Met“, für den erkrankten Franco Corelli ein. Der Rest ist Geschichte. Großartig sang er die männliche Hauptrolle in Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“. Die Musikkritiker lobten ihn überschwänglich. Seitdem hat Domingo 21 Mal die Saison an der „Met“ eröffnet und damit sogar den früheren Rekordhalter Enrico Caruso übertroffen.
 
Der Taktstock-Virtuose
 
Spätestens ab jetzt galt er als einer der größten Sänger aller Zeiten. Auch die Musikverlage standen Schlange, um seine goldene Stimme auf Platten zu pressen. Doch in Domingos Leben begann bald ein neues Kapitel: als Dirigent. In rund 450 Aufführungen stand er am Pult. Seine erste Inszenierung leitete er 1973 mit „La Traviata“ an der New York City Opera. Das Los Angeles Music Center wurde von Domingo mitgegründet, bis ins Jahr 2000 war er dort künstlerischer Berater und wichtigster Gastdirigent.
 
Neue populäre Wege
 
Der 7. Juli 1990 ging in die Musikgeschichte ein: Am Abend vor dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft traten in Rom zum ersten Mal „Die drei Tenöre“ auf. Das Konzert sollte zum einen Geld für José Carreras’ Internationale Leukämie-Stiftung sammeln. Und zum anderen wollten Domingo und Pavarotti ihren Freund und Kollegen nach seinem erfolgreichen Kampf gegen die Leukämie auf der Bühne zurückbegrüßen. Der Auftritt wurde in alle Welt übertragen und angeblich von mehr als einer Milliarde Zuschauer gesehen. Er erhob die drei Tenöre in den Rang internationaler Superstars und machte unzählige Menschen mit Musik bekannt, zu der sie vorher oft keinen Zugang hatten. Der Plattenmitschnitt wurde zum meistverkaufte Klassik-Album aller Zeiten. Das Trio begleitete musikalisch auch die drei nächsten Fußball-WM-Endspiele in Los Angeles, Paris und Yokohama.
 
Ein Mann der Rekorde
 
Plácido Domingo kann mit –zig Rekorden aufwarten. Unter anderem nahm er mehr als 100 komplette Opern auf, für die er insgesamt elf Grammys gewann. Sieben seiner Aufnahmen waren in den amerikanischen Billboard-Charts vertreten und von acht wurden mehr als eine Million Exemplare verkauft. 17 seiner Alben waren in den britischen Hitparaden zu finden. Er hat über 130 verschiedene Opernrollen gesungen, mehr als jeder andere Sänger. Seine Ehrungen aufzuführen würde hier den Rahmen sprengen.
 
Wanderer zwischen den Welten
 
Für Domingo war die Balance zwischen Klassik und populärer Musik nichts Ungewöhnliches, denn er war ja bereits in Musicals aufgetreten und hatte auch mit einer Popgruppe gearbeitet. Nun gelangen ihm auch Hits in Duetten mit dem Country-Sänger John Denver und der Pop-Diva Jennifer Rush. Auch mit Diana Ross und Dionne Warwick arbeitete er zusammen. In seiner Eigenschaft als künstlerischer Leiter fördert Domingo neue Stücke, die seiner Meinung nach nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.
 
Großes soziales Engagement
 
Plácido Domingo ist sozial stark engagiert und sammelt Millionenbeträge mit Benefizkonzerten. Sich auf traditionelle Weise zur Ruhe zu setzen – etwa mit einer Abschiedstournee – kann er sich nicht vorstellen. „Stattdessen werde ich einfach eines Abends nach einem Auftritt sagen ‚Das war’s dann.’“, erzählte er der New York Times. Hoffen wir, dass dies noch lange nicht der Fall sein wird.