Die rote Flut
Katalin Holczer nahm ihr Mobiltelefon und rief ihren Mann Balazs an, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Es war um die Mittagszeit des 4. Oktober 2010, eines strahlenden, sonnigen Herbstmontags.
Balazs arbeitete als Schweißer im 150 Kilometer entfernten Wien. Katalin, von Beruf Hauswirtschafterin, kümmerte sich in Kolontár, einem beschaulichen Dorf im Westen Ungarns, um ihre beiden Kinder. Die Holczers sind fleißige, rechtschaffene Leute und stolz darauf, dass sie es zu etwas gebracht haben. Balazs hatte das Haus selbst gebaut, und sie waren schuldenfrei.
Und nun glaubte Katalin, dass es mit ihrem glücklichen Familienleben zu Ende ging. Sie sagte zu Balazs, dass sie und Bence, ihr dreijähriges Söhnchen, sterben würden – ertrinken in einer Flut roten Giftschlamms.
Zuerst verstand Balazs nicht, wovon seine Frau redete. Als es ihm endlich dämmerte, versuchte er Ruhe zu bewahren. „Ich sagte zu ihr: ‚Mach die Tür zu.‘ Sie antwortete, es sei keine Tür mehr da“, erinnert er sich. „Ich sagte, sie solle ins Auto steigen und wegfahren. Sie sagte, es sei kein Auto mehr da. Da wurde mir klar, wie dramatisch die Lage sein musste.“
Für die Holczers, ihre Freunde und ihre Nachbarn würde das Leben nie mehr so sein wie früher. Der Westdamm von Schlammbecken 10 der ungarischen Aluminiumhütte MAL im nahen Ajka, 165 Kilometer von der Hauptstadt Budapest entfernt, war gebrochen. Eine Flutwelle stark alkalischen roten Schlamms ergoss sich in die Landschaft.
Zwischen 600 000 und 700 000 Kubikmeter Schlamm überfluteten große Teile von Kolontár und den nahen Ortschaften Devecser und Somlovasarhely. Sie bedeckten 800 Hektar Land, vergifteten den Ackerboden, töteten alles Leben in der Torna, dem Bach, der durch Kolontár fließt, und verunreinigten den nahen Fluss Marcal, der in die Donau mündet.
Die Gewalt der Flut spülte Autos fort, auch den VW Golf der Familie Holczer (der schließlich in einem anderthalb Kilometer entfernten See entdeckt wurde), sowie Vieh und Hausrat. Elf Menschen verloren ihr Leben und mehr als 150 mussten ins Krankenhaus. Es war die größte Umweltkatastrophe aller Zeiten in Ungarn, die diesen einstmals schönen Landsrich zerstörte und berühmt machte. Hunderte Feuerwehrleute, Katastrophenhelfer, Soldaten und Polizisten eilten hin. Wasser und Schlamm hatten den pH-Wert 13 – eine Lauge so ätzend wie Rohrreiniger.
Nun bahnte sich also die Flut ihren Weg ins Haus der Holczers, und trotz der vielen Helfer in der Nähe waren Katalin und Bence einsam und verängstigt. Die friedliche Torna hatte sich in einen Sturzbach verwandelt, der seine Uferböschungen sprengte und eine Brücke fortriss. Am anderen Ufer, wo einmal die Brücke hingeführt hatte, standen Polizisten und Feuerwehrleute. Katalin und Bence waren abgeschnitten, die Mutter hielt ihren Sohn fest an sich gedrückt, während sie den Giftschlamm höher und höher steigen sah.
Die Hunde des Dorfes hatten es zuerst gemerkt. Am Abend vor der Katastrophe hatten sie gebellt und geheult und sich über die Maßen unruhig verhalten. Die beiden Hunde der Holczers benahmen sich merkwürdig, berichtet Balazs. Der Foxterrier, der sonst so gern im Dorf herumrannte, blieb im Garten und lief erregt hin und her. Der Labrador, der sich nachts selten nach draußen traute, verschwand für eine Stunde und war, als er wiederkam, von einer grauen Schlammkruste bedeckt.
„Wir haben die Hunde gehört“, sagt Balazs. „Wir haben uns über sie geärgert, aber ich bin ganz sicher, dass sie uns etwas sagen wollten. Sie spürten, dass etwas passieren würde.“
Der Tag hatte so angefangen wie jeder andere: Balazs war früh aufgestanden, um nach Wien zur Arbeit zu fahren. Der ältere Sohn der Holczers, der neunjährige Szabolcs, war nach Devecser zur Schule gefahren. Katalin war mit Bence im Dorfladen einkaufen gewesen und hatte zu Mittag Pfannkuchen gebacken.
Bence spielte im Garten hinter dem Haus. Der Garten ging in eine Wiese über, aber der Kleine wusste, dass er in der Nähe des Hauses zu bleiben hatte. Katalin warf kurz nach Mittag einen Blick aus dem Fenster und wusste gleich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. „Die Wiese hatte eine seltsame, grau-rosa Färbung. Das erschien mir nicht in Ordnung. Und dann sah ich einen Baum vorbeitreiben“, erinnert sie sich. Zum Glück war Bence da schon wieder im Haus.
Plötzlich gingen alle Lichter aus. Katalin schaltete rasch die Gasversorgung ab und ging auf die Terrasse hinaus, um zu sehen, was los war.
Da kam auch schon die Flutwelle. „Als ich hinaussah, stand sie schon auf Höhe der Terrasse. Sie erreichte den Graben entlang des Gartens. Der Garten ist 50 Meter lang und war in Sekunden voll. Das Wasser stand zwei Meter hoch und strömte ins Wohnzimmer. Ich wusste nicht, wohin.“
Katalin versuchte ruhig zu bleiben. Sie rannte mit Bence ins Schlafzimmer. Aber die Flutwelle durchbrach die Haustür und stand Sekunden später schon so hoch wie die Türklinke. Katalin und Bence sprangen aufs Bett, aber das war kein sicherer Ort. Während das Wasser hereinströmte, begannen rundum die Schränke zu kippen, die Türen sprangen auf, und der Inhalt klatschte in den Schlamm.
Im Schlafzimmer waren sie nicht mehr sicher, und Katalin trug Bence ins Wohnzimmer. „Ich bin einfach in den Schlamm gesprungen.“ Katalin sah sich verzweifelt um, wo sie Bence, der jetzt vor Angst weinte, in Sicherheit bringen könnte, aber um sie herum herrschte Chaos. Während das Wasser unaufhaltsam stieg, versuchte Katalin Möbelstücke aufeinanderzustellen, was ihr schließlich gelang. Sie fand ein sicheres Plätzchen für sich und ihren Sohn und es gelang ihr, ihren Mann telefonisch zu erreichen.
In Wien war Balazs außer sich. Soeben hatte seine Frau ihm gesagt, dass sie glaube, sie und ihr Söhnchen müssten sterben. Nach Hause brauchte er zwei Stunden Fahrzeit. Er rief seinen Vater an, der schon vor Ort war, aber auf der anderen Seite des Bachs. Er sei bereit, hinüberzuwaten, doch die Polizei ließ ihn nicht durch, sagte er seinem Sohn. Balazs rief daraufhin seine Freunde Gyula Németh und Sándor Mádli an.
Zu Hause in Kolontár, auf Schränken sitzend, konzentrierte sich Katalin auf einen festen Punkt an der Wand. „Den habe ich immer im Auge behalten, um zu sehen, ob die Flut stieg oder nicht. Nach ein paar Minuten sah ich, dass der Pegel nicht höherstieg.“ Das Haus der Holczers war 1,38 Meter über Grund gebaut, und das rettete ihnen wahrscheinlich das Leben. Aber Katalin und Bence waren noch nicht außer Gefahr.
Katalin schmerzte nach dem Waten durch den Schlamm, der auch auf ihre und Bences Kleidung gespritzt war, schon die Haut an den Beinen. Die Brühe gab zudem ätzende Dämpfe ab, die sie und ihr Sohn, eingepfercht auf engem Raum, einatmeten.
„Ich legte meine Kleider ab, weil ich das Gefühl hatte, meine Beine ständen in Flammen. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus, dann auch Bence. Ich sah, dass zwei Decken irgendwie unberührt geblieben waren, und wickelte sie um uns.“ So saßen Katalin und Bence auf den Möbeln und warteten auf ihre Rettung.
Gyula Németh sah auf dem Display seines Telefons, dass sein Freund Balazs am Apparat war, und nahm den Anruf sofort an. Er und Sándor befanden sich im benachbarten Devecser und wollten gerade zum Mittagessen gehen. „Balazs weinte. Er fragte mich, ob ich Kati helfen könnte, aber ich verstand nicht, warum“, erinnert sich Gyula. „Um die Zeit war die Flutwelle noch nicht in Devecser angekommen, sodass wir nichts davon wussten.“
Als Balazs erklärte, dass Katalin und Bence im Haus in der Falle säßen und sich in Lebensgefahr befänden, zögerten seine Freunde nicht eine Sekunde und machten sich unverzüglich auf den Weg nach Kolontár. Unter normalen Umständen braucht man für die vier Kilometer etwa zehn Minuten, doch die Umstände waren alles andere als normal.
Gyula und Sándor nahmen die Hauptstraße, wurden aber schon sehr bald von Polizeibeamten gestoppt. Als Ortskundige kannten sie jedoch mehr als einen Weg und schlugen eine wenig befahrene Nebenstraße durch die Berge ein. Aber auch dort hielt die Polizei sie an. Kolontár sei abgeschnitten, erklärten die Beamten. Diese Straße führe ins Nirgendwo.
Das wussten Gyula und Sándor besser. Einen Weg ins Dorf gab es immer. „Wir haben ihnen gesagt, dass sie sich irren und dieser Weg der einzige ist, der in den Ortsteil auf der anderen Seite der Brücke führt“, erinnert sich Gyula. Die Polizisten zuckten mit den Achseln und ließen sie durch.
Ein paar Minuten später waren sie in Kolontár. Inzwischen war der Scheitel der Welle schon durch das Dorf geschwappt. Autos türmten sich übereinander, tote Tiere lagen am Straßenrand. Die Torna, ein malerisches Bächlein, das sie so gut kannten, war eine Sintflut aus rotem Schlamm.
Von der anderen Seite dieses Stroms riefen Katastrophenhelfer zu ihnen herüber, sie sollten nicht weiterfahren, das sei gefährlich. Gyula und Sándor beachteten sie nicht. „Wir sind aus dem Auto gestiegen und durch den Schlamm gewatet. Wir konnten immer noch die Gewalt des Wassers fühlen; sie war so stark, als ob die Straße sich unter unseren Füßen bewegte. Dann fingen wir an zu rufen: ‚Kati, Kati.‘“
Im Haus empfand Katalin unbeschreibliche Erleichterung. „Ich habe zu Bence gesagt: ‚Sie sind hier, wir sind gerettet.‘“ Gyula und Sándor wateten ins Haus, wo sie Katalin und Bence, in Decken gehüllt, auf Möbelstapeln sitzend fanden.
Die beiden Männer brachten Mutter und Kind sofort ins Krankenhaus im nahen Ajka, der Stadt, in der die Aluminiumgesellschaft ihren Hauptsitz hat. Das Krankenhauspersonal erschien ihr sonderbar gleichgültig, berichtet Katalin. Deren Hauptsorge schien Katalins Krankenversicherungskarte zu sein. Als sie den Leuten erklärte, dass diese irgendwo in der roten Schlammflut, die sie beinahe umgebracht hätte, verloren gegangen sei, machten sie kaum Anstalten, ihr zu helfen. So ging sie mit Bence zu ihrer Patentante in Ajka, wo sie sich wenigstens den Schlamm abwaschen konnten.
Balazs traf am Nachmittag aus Wien ein und war überglücklich, seine Familie zu sehen. Gegen Abend wurde allerdings klar, dass Katalin und Bence sich in ärztliche Behandlung begeben mussten. Das Brennen auf Katalins Haut wurde immer schmerzhafter. Sie hatte einen eigenartigen Geschmack im Mund, konnte nicht richtig atmen und hatte das Gefühl zu ersticken.
Sie fuhren nach Veszprem, einer nahe gelegenen Stadt, und im dortigen Krankenhaus wurde ihnen endlich die gebührende Aufmerksamkeit zuteil. Ein Spezialistenteam untersuchte Mutter und Sohn und behielt beide über Nacht da. Bences Lungen drohten zu kollabieren.
Noch heute ist Balazs wütend und hat kein Verständnis dafür, dass es seinen Freunden überlassen blieb, seine Frau und sein Kind zu retten. Dutzende von Katastrophenhelfern, Feuerwehrleuten und Polizisten waren nach der Flut ins Dorf geschickt worden, aber keiner hatte den Mut aufgebracht, den Bach zu durchqueren.
„Wir geben für Feuerwehr und Polizei Millionen Forinth aus“, sagt Balazs. „Ich möchte kein Polizist sein, weil ich nicht das Risiko eingehen will, erschossen zu werden. Aber wer eine solche Stelle annimmt, muss sich der Gefahr bewusst sein, und es ist seine Pflicht, das Risiko einzugehen.“ Wenn Sándor und Gyula ins Dorf gelangten, hätten auch die anderen das gekonnt. „Stattdessen haben sie sich alle nur am anderen Bachufer versammelt und der weggespülten Brücke nachgeguckt. Dabei hätten sie einfach hineinspringen sollen.“
Als Sándor und Gyula ins Haus wateten, um Katalin und Bence zu retten, hatten sie keinen Moment an die Gefahr gedacht. Aber sie haben wie Katalin von der Giftbrühe schlimme Verätzungen davongetragen. Fotos von ihren Füßen und Beinen zeigen rote, entzündete Haut, durchsetzt von Blasen und Hautablösungen, wie man das von den Opfern chemischer Kriegführung kennt. Die Genesung dauerte Wochen.
Die psychischen Nachwirkungen dürften sogar noch länger anhalten. Weder Katalin noch Balazs wollen je wieder nach Kolontár zurück. Balazs fuhr noch einmal hin, um zu sehen, was er an Wertsachen aus seinem Haus retten könnte, und fand verschlammte 50 000 Forinth (185 Euro). Die Scheine mussten bei der Bank umgetauscht werden, weil der ätzende Schlamm sich durch die Metallfäden gefressen hatte.
Fotos und sonstige Familienandenken waren von der Sintflut vernichtet worden oder verschwunden. Beide Hunde der Familie waren tot. „Was wir an Wertsachen verloren haben, ist mir egal, aber alle unsere Andenken sind weg – die Fotos von unseren Kindern, als sie noch Babys waren.“
Gleich vielen anderen, die das Unglück überlebt haben, ist Balazs wütend über die dürftige Entschädigung, die MAL, die Aluminiumgesellschaft, zunächst anbot: 100 000 Forinth (370 Euro) pro Familie. Diese Entscheidung sorgte für landesweite Empörung, zumal die Direktoren des Unternehmens zu den reichsten Geschäftsleuten in Ungarn gehören. Der Unternehmensgründer Arpad Bakonyi ist die Nummer 28 unter den reichsten Menschen in Ungarn. Laut einer 2010 von der Wirtschaftszeitschrift Napi Gazdaság erstellten Liste beläuft sich sein Privatvermögen auf 16,5 Milliarden Forinth (61 Millionen Euro).
„Ich nenne das eine Maulhalte-Prämie“, sagt Balazs. „Als wir zum Rathaus gingen, um das Geld abzuholen, kannte ich die Frau, die es ausgab. Sie konnte ja nichts dafür, aber ich hätte es ihr am liebsten ins Gesicht geworfen. Wenn ich in einer besseren Lage gewesen wäre, hätte ich es nie angenommen. Es ist eine Beleidigung.“
Die Aluminiumgesellschaft hat ihr Entschädigungsangebot inzwischen auf 1,5 Milliarden Forinth (5,6 Millionen Euro) über fünf Jahre erhöht. Der ungarische Staat hat weitere 55 Milliarden Forinth (204 Millionen Euro) zugesagt. Mehr als die Hälfte der Einwohner von Kolontár ist nach Hause zurückgekehrt.
Viele, wie Gyula Németh, der mit Sándor Mádli zusammen Katalin und Bence rettete, wohnen im oberen Teil des Dorfs, der von der Schlammflut nicht betroffen war.
Die Holczers werden nie zurückkehren. Ihr Haus ist zerstört. Dieses Leben ist nun für immer vorbei, und es verlangt sie nicht danach, je wiederzukommen, sagen Balazs und Katalin. Bence schreit im Schlaf noch auf und hat Albträume. Heute leben die Holczers in einem Dörfchen nahe der Grenze zu Österreich, wo die Gemeinde ihnen ein Haus mietfrei zur Verfügung gestellt hat.
„Wir haben ein ordentliches Leben geführt“, sagt Balazs. „Wir haben unsere Rechnungen immer pünktlich bezahlt. Nicht einmal eine Hypothek hatten wir. Wir hatten keine Geldprobleme. Wir müssen niemandem leid tun. Gebt mir nur, was unser Haus wert war, und ich werde uns mit eigenen Händen ein neues bauen.“
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1 Kommentare |
| Martin Falley on 21 März 2011 ,22:28 "Das Krankenhauspersonal erschien ihr sonderbar gleichgültig, berichtet Katalin. Deren Hauptsorge schien Katalins Krankenversicherungskarte zu sein." Das ist leider bezeichnend für Ungarn. Insgesamt ein treffender Beitrag. |
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