Sarajevos Wiedergeburt
Touristen und kulturelle Vielfalt helfen der bosnischen Stadt, die Folgen des Krieges zu überwinden
By JOSHUA HAMMERAn einem strahlenden Sonntagmorgen geleitet mich mein Freund Senad Slatina durch Fußgängermassen auf Sarajevos Hauptpromenade. Australische Rucksackreisende, bettelnde Roma, islamische Frauen mit Kopftuch, uniformierte EU-Soldaten und junge weltliche bosnische Muslime, gut gekleidet, bummeln an betürmten und überkuppelten europäischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert vorüber. Jenseits der dicht gedrängt stehenden Speiseeisläden, bekannt als „Süße Ecke“, verengt sich die Straße zu einem kaum vier Meter breiten Durchgang mit Kopfsteinpflaster. Unvermittelt treten wir aus einem Stück habsburgischem Wien ins Osmanische Reich über: baufällige Häuser mit roten Ziegeldächern, Messingwarengeschäfte, türkische Kaffeebuden, steinerne Minarette und Moscheen.
Ich bestaune die Szenerie. Man vermutet nicht, dass hier vor wenig mehr als einem Jahrzehnt ein Krieg gewütet hat. Damals nahmen serbische Heckenschützen dieses alte Viertel am Fluss Miljacka aufs Korn, hockten Granatwerferschützen in den grünen Hügeln über der Stadt – und die Toten wurden zu Hunderten wöchentlich im Kovači-Park begraben, einem Friedhof, der sich längs der Straße ausbreitet. Heute erscheint einem das alles wie ein schlechter Traum. Seit Jahren hat es in Bosnien und Herzegowina keine ethnischen Konflikte mehr gegeben; Sarajevo ist zum Leben zurückgekehrt. Schnäppchenjäger in großer Zahl stöbern nach Teppichen und T-Shirts, amerikanische Touristen nippen am Cappuccino und blättern den Herald Tribune durch, Kinder flitzen mit Eistüten durch die Straßen – es könnte die Einkaufsgegend fast jeder pulsierenden europäischen Stadt sein.
Heute ist Sarajevo wieder ein Leckerbissen für Hobby-Historiker. Architektur und Atmosphäre erinnern an die lange Reihe der Herrscher: Osmanen, Habsburgerfürsten, Alexander, König der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem Ersten Weltkrieg, und die Kommunisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Macht übernahmen. Am meisten überrascht einen vielleicht das Gefühl, sich auf einer historischen und geografischen Verwerfungslinie zu befinden: Mit wenigen Schritten haben wir gerade eine kulturelle und religiöse Kluft überquert, wie sie keine andere Stadt aufweist, eine Kluft zwischen dynamischem Europa und zeitlosem Asien, zwischen christlichem Westen und islamischem Osten.
Doch nur ungern vertieft sich der 41-jährige politische Berater und Ex-Journalist Slatina in Sarajevos reiches Kultur- und Religionserbe. Es erinnert ihn zu sehr an jüngst geschlagene Wunden. Slatina taucht zwar gern in die ottomanische Atmosphäre ein, gibt aber zu: „Ich hege einen Widerwillen gegen Religionen, angesichts all der Kriege, die in ihrem Namen losgetreten worden sind.“
Mehr als ein halbes Jahrtausend lang war Sarajevo für ethnische und religiöse Toleranz bekannt, und genau das hatte Slatina vor 16 Jahren angezogen. 1461 von einem türkischen General gegründet, diente die Stadt als Kapitale der von den Osmanen beherrschten Provinz Bosnien im Herzen des Balkans, eingekeilt zwischen dem orthodoxen Serbien im Osten und dem römisch-katho-lischen Kroatien im Norden und Westen. Unter den Osmanen und ihren Habsburger Nachfolgern lebten Muslime, Kroaten, Serben und Juden in diesem balkanischen Schmelztiegel harmonisch zusammen. Marschall Josip Broz Tito, kommunistischer Revolutionär im Zweiten Weltkrieg, hielt Bosnien und Herzegowina nebst den ethnisch gemischten Staaten Serbien, Kroatien, Mazedonien, Slowenien und Montenegro in einem Groß-Jugoslawien zusammen, das er unter eine Ideologie der „Einheit und Brüderlichkeit“ stellte.
Titos Tod 1980 und der anschließende Aufstieg von Slobodan Miloševič beschleunigte das gewaltsame Ende Jugoslawiens. Der Serbe Miloševič festigte seine Machtstellung, als die Berliner Mauer fiel und Osteuropa die Fesseln der kommunistischen Herrschaft abwarf. Nationalismus und Unabhängigkeitsdrang erstarkten in den verschiedenen Republiken Jugoslawiens; Miloševič wurde 1989 Präsident der Jugoslawien dominierenden Teilrepublik Serbien und drängte nun die Serben, aus dem zerfallenden Land ethnisch homogene Enklaven herauszulösen.
Slatina, geboren und aufgewachsen in einem überwiegend muslimischen Gebiet Serbiens, setzte sich im März 1992 über die Grenze nach Sarajevo ab, um nicht zur jugoslawischen Armee zu müssen. Mit einer Mischung aus Muslimen – etwa die Hälfte der Bevölkerung – und zumeist katholischen Serben und Kroaten hatten Bosnien-Herzegowina und seine Hauptstadt als Muster friedlicher Koexistenz gegolten. Doch Slatinas Zeitpunktwahl erwies sich als Fehler. Bei der Auf-lösung Jugoslawiens war das Land anfällig für Uneinigkeit, Furcht und Gewalt. Im selben Monat erklärte Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit von Jugoslawien. Die Serben akzeptierten die Regierung des Muslims Alija Izetbegović nicht, wollten gewaltsam eine eigene Regierung durchsetzen und belagerten Sarajevo.
In den nächsten dreieinhalb Jahren beschossen sie die Stadt mit einer Million Granaten und töteten 12 000 Menschen. Slatina hauste im Keller eines Wohnblocks, von wo aus er als Fernsehreporter Streifzüge durch die Stadt unternahm. Er lernte mit Motoröl kochen. „Man bringt es zum Sieden, die giftigen Chemikalien steigen nach oben. Man schöpft sie ab; was übrig bleibt, ist verwendbar“, erläutert er. Einmal kauerten er und ein Nachbar unter Beschuss an einer Ecke, unschlüssig, ob sie die Straße überqueren sollten. Slatina riskierte es schließlich, der Nachbar blieb erstarrt hocken. „Ich kam davon, er starb ein paar Sekunden später“, erinnert er sich, „ein Granatsplitter traf ihn in die Kehle.“
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