Ein klammer Freitagnachmittag im Dezember 2033. Draußen ist es so düster, dass in meinem Büro schon um 16 Uhr die LED-Stromsparbeleuchtung anspringt. Der stündlich aktualisierte Wetterbericht auf meinem Smartphone zeigt einen Eisklotz. Das bedeutet: Heute Abendwird das Thermometer deutlich unter die Null-Grad-Grenze sinken.
Während ich dem scheckkartengroßen PC eine E-Mail diktiere, wecke ich mit einer lässigen Handbewegung meinen virtuellen Assistenten, der auf dem handtuchdünnen Großbildschirm an der Wand im Stand-by- Modus schlummert. „Ich werde in etwa drei Stunden nach Hause kommen und möchte im Wohnzimmer angenehme 20 Grad haben. Und zeichne mir später bitte den Polizeiruf 110 in der ARD auf!“
Der Avatar, den ich wegen seiner umwerfenden Ähnlichkeit mit einem berühmten Hollywood-Schauspieler Brad getauft habe, nickt und gibt mir für den Heimweg noch ein paar Einkaufstipps: „Cola und Schinken sind alle.“ Außerdem verrät mir der digitale Helfer, der über das Internet mit meinem PC, dem Kühlschrank und vielen anderen Gerätschaften im Haus verbunden ist: „Im Kalender steht, dass morgen Klaus und Sara zum Kaffee kommen. Da solltest du noch Schokogebäck besorgen.“
Was wie eine wilde Science- Fiction-Fantasie anmutet, soll einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung zufolge schon bald Realität werden. Die Karlsruher Wissenschaftler haben mehr als 400 Experten zu ihren Zukunftserwartungen befragt. Die herausragende Erkenntnis: 95 Prozent glauben, dass wir in 25 Jahren von einem dreidimensionalen Datennetz umgeben sein werden, dem „Internet der Dinge“.
Die Elektronik von Morgen soll eine künstliche Intelligenz besitzen und per Funk über das World Wide Web steuerbar sein. Die Teilnehmer der Fraunhofer-Studie sehen aber auch Stolpersteine, die der Erfüllung ihrer kühnen Prognose im Weg liegen: Wenn jeder Mensch von einer digitalen Aura umgeben sei, die im Hintergrund Daten mit anderen Personen und Gegenständen austauscht, wären Probleme beim Datenschutz programmiert.
Für den Zukunftsforscher Lars Thomsen, der mit seiner Firma future matters Unternehmen wie Siemens, IBM oder die Deutsche Telekom berät, überwiegen freilich die Chancen des weiterentwickelten Internets: „Wir werden im Kommunikationsbereich viele innovative Anwendungen sehen, die unser Leben angenehmer machen. Und kurzweiliger.“
Ein Anfang ist bereits gemacht: Festplattenrekorder fürs Wohnzimmer, die das TV-Programm aus dem Netz saugen, kann man ebenso kaufen wie einen digitalen Bilderrahmen, der über eine eigene E-Mail-Adresse selbstständig Fotogrüße empfängt. Und im Elektrohandel warten die ersten Strom sparenden Kühlschränke, die mit Internetanschluss plus farbigem Bildschirm ausgestattet sind, um in der Küche E-Mails zu empfangen oder nach Kochrezepten zu suchen.
Vielerorts sind auch schon Computer miteinander verbunden, um Daten auszutauschen oder sich einen Zugang zum Web zu teilen. Thomsen stellt den Rechnern von heute allerdings kein schmeichelhaftes Zeugnis aus: „Sie besitzen die Intelligenz einer Stubenfliege.“ Die ärgerlichen Folgen kennen wir zur Genüge: Um manches Gerät zu verstehen, müssen wir erst eine 250 Seiten starke Bedienungsanleitung studieren. Die Fernsehgeräte, Notebooks oder Waschmaschinen der Zukunft sollen keine Rätsel mehr aufgeben. So stellt der Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, Professor Dr. Wolfgang Wahlster, Produkte in Aussicht, „die den natürlichen Kommunikationsstil von Techniklaien akzeptieren“.
Dieses Versprechen hört Alexander Wild gern. Vor zehn Jahren hat der Deutsche die Internet-Community feierabend.de gegründet, die sich an die Generation 50plus wendet. Durchschnittlich zählt sie etwa 500 000 Besucher pro Monat. Vor allem von Netz-Neulingen erfährt Wild des Öfteren, dass sie mit der komplizierten Technik überfordert sind. „Dabei bringt das Internet, wenn alles funktioniert, auf unkomplizierte Weise Gleichgesinnte zusammen – von Wanderfreunden über Modellbahnsammler bis zu Diabetikern. Für die unerfahrenen Nutzer wäre es ideal, wenn man auf schwer erlernbare Programme oder eine Tastatur verzichten könnte“, meint der 42-Jährige.
Als erster Schritt in die sorgenfreie Bedienwelt gilt die Gestensteuerung: Statt auf Knopfdruck oder sperrige Tastenkombinationen reagiert die Elektronik auf einfachste Handbewegungen.
Apple hat 2007 mit dem iPhone das erste massenmarkttaugliche Mobiltelefon eingeführt, das sich komplett über einen berührungsempfindlichen Bildschirm (im Fachjargon: Touchscreen) befehligen lässt. Noch einen Schritt weiter geht die schwedische Firma Tobii Technology: Ihr „Eye Tracker“- Monitor ist mit einer Augensteuerungs- Software und einer Spezialkamera ausgerüstet. Der Benutzer muss nur den gewünschten Buchstaben auf der Tastatur fixieren – schon erscheint das entsprechende Zeichen auf dem Schirm. Dank dieser Innovation sollen selbst Schwerbehinderte ins Computerzeitalter einsteigen können. Für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen wird es natürlich auch rein sprachgesteuerte Systeme geben.
Technik, die wie von Geisterhand funktioniert: Diesen Traum träumt die Menschheit seit Generationen. Wie schnell die Entwicklung voranschreitet, lässt sich besonders eindrucksvoll am Handy erkennen. 1983 als 800 Gramm schwerer Kommunikations- Knochen gestartet, mutierte es in den letzten 25 Jahren zum kompakten Taschensprecher, der die vielfältigsten Talente in einer schmucken Schale vereint. Die Mobiltelefone des Jahrgangs 2008 können Fotos mit bis zu acht Megapixel Auflösung schießen, Videos aufnehmen, mehrere 100 Stunden Musik zu Gehör bringen – oder neuerdings sogar einen Autoatlas ersetzen: Der integrierte GPS-Empfänger macht Navigation möglich.
Aber es kommt noch besser: „Mobile Kommunikationsgeräte werden in spätestens 20 Jahren komplett unsichtbar sein“, prophezeit Lars Thomsen. „Die Handy-Funktionalität lässt sich dann problemlos in Textilien oder Schmuckstücken wie einem Ohrring verstecken.“ Im Technologie- Traumland Japan wurde sogar schon ein Handy-Prototyp präsentiert, der sich der elektrischen Leitfähigkeit unserer Haut bedient, um Daten an Sensoren in Fahrzeugen, Gebäuden oder technischen Geräten aller Art zu übermitteln. So könnte es in Zukunft ausreichen, das Handy bei sich zu tragen, um die Wohnungstür aufzuschließen oder eine Fahrt mit der U-Bahn zu bezahlen.
Zunächst muss die revolutionäre Technologie jedoch ausgiebig erprobt werden. Textilien mit eingearbeiteter Elektronik sind dagegen schon im Handel. Noch gelten Jacken mit MP3- Player-Steuerung oder Kommunikations- Handschuhe mit Mobilfunk-Modul als futuristischer Schnickschnack. In wenigen Jahren soll aber auch intelligente Kleidung erhältlich sein, die der Gesundheit dient: Wichtige Vitalfunktionen wie Atmung oder Herzschlag werden dann von speziellen Sensoren überwacht. Und im Ernstfall ruft das Handy automatisch den Notarzt.
Solche wegweisenden Ideen werden oft in deutschen Forschungseinrichtungen geboren und mithilfe der Nanotechnologie (nano: griechisch für Zwerg) umgesetzt. Auf diesem Gebiet ist die Bundesrepublik in Europa führend; nicht zuletzt dank einer konsequenten staatlichen Förderpolitik. Im internationalen Wettlauf um die kleinsten elektronischen Bauteile liegt die Region Dresden mit Produktionsstätten führender Halbleiterhersteller wie Infineon hervorragend im Rennen. Mikrochips, die kleiner sind als ein Brotkrümel, lassen sich fast überall einsetzen.
So werden wir bald mit zusammenrollbaren Displays durch die Gegend laufen, die über das Internet mit den neuesten Nachrichten versorgt werden. Oder mit Cyberbrillen, die Videobilder direkt auf die Augen projizieren. Zukunftsforscher Thomsen hat bereits ein Vorserienmodell in die Hand bekommen und war tief beeindruckt: „Ich stand auf einer Felsklippe, und darunter tobte das Meer. Die Simulation war so perfekt, dass ich es nicht geschafft habe, einen Schritt nach vorn zu gehen.“
Digitalen Dienern wie Brad wird dieser menschliche Nervenkitzel wohl für immer verwehrt bleiben. Dafür darf er gerne meinen Kühlschrank überwachen, wenn das „Internet der Dinge“ Wirklichkeit ist, und jeden Tag Bericht erstatten, ob etwas Wichtiges fehlt: Im Jahr 2020 werden winzige Funk-Etiketten, sogenannte RFID-Chips (steht für: Radio Frequency Identification), auf Artikeln des täglichen Bedarfs längst Standard sein. Brad sollte aber auch wissen, wie er mich an einem grauen Winternachmittag aufmuntern kann: mit einem Vorschlag, was ich heute Abend Leckeres in der Küche zaubern könnte, ohne mich vorher durch den Supermarkt quälen zu müssen: „Für Penne all’arrabiata hätten wir alles da!“