Gunter Demnig kniet auf dem Bürgersteig einer belebten Straße in der Kölner Altstadt und löst einen Stein aus dem Pflaster. In das entstandene Loch lässt er einen mit einer glänzenden Messingplatte versehenen Betonwürfel gleiten, den er mit einem Gummihammer festklopft. Als Demnig fertig ist, steht er ächzend auf. Dann nimmt er seinen Schlapphut ab und tritt ein Stück zurück, damit die neugierigen Passanten die Worte auf der soeben vor dem Haus Roonstraße 33 verlegten Platte lesen können. „Hier wohnte Herbert Josef Rotschild/JG 1905/Deportiert 1943/Auschwitz/Ermordet im März 1945“ steht darauf. Ein bis dahin anonymes Opfer des Holocaust hat endlich sein eigenes Denkmal erhalten.

Demnig, der selbst kein Jude ist, packt sein Werkzeug zusammen, als eine modisch gekleidete junge Frau mit Kinderwagen vor der Platte stehen bleibt. Das Haus, in dem sie früher wohnte, habe einer jüdischen Familie gehört; die Mehrzahl ihrer Mitglieder sei vermutlich im Konzentrationslager umgekommen. Sie frage sich, ob man vielleicht mehr über die Familie herausfinden könne, um auch sie mit einer Gedenkplatte zu ehren.

Vor 15 Jahren fing Demnig, ein kräftiger Mann Mitte 60, an, die von ihm selbst hergestellten Erinnerungssteine zu installieren. Seither kamen an die 28 000 sogenannte „Stolpersteine“ in mehr als 600 Städten und Gemeinden in Deutschland wie auch anderswo zusammen. Gefertigt wurden sie ohne Ausnahme in Demnigs leicht chaotisch anmutender Atelierwohnung. Dort kann man den Künstler dabei beobachten, wie er über eine hölzerne Werkbank gebeugt den Text in eine neue Messingplatte schlägt.

Für jeden Gedenkstein braucht Demnig etwa eine halbe Stunde. Seine muskulösen Oberarme verraten, dass es keine leichte Arbeit ist. Dann und wann macht er eine Pause und gönnt sich ein paar Schlucke von seinem geliebten Kölsch.

„Stolpersteine“ nennt Demnig die Platten, „weil sie aufmerksam machen und die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse der NS-Zeit unter den Lebenden wecken sollen“. Er ist fest davon überzeugt, dass die zehn mal zehn Zentimer großen Tafeln es eher schaffen, das Grauen des Holocaust mit Einzelschicksalen zu verbinden, als offizielle Gedenkstätten wie das große Jüdische Museum in seiner Geburtsstadt Berlin. Denn die Menschen sehen sie auf dem Weg zu ihren ganz alltäglichen Beschäftigungen.

Die Vernichtung von sechs Millionen Menschen ist begrifflich kaum fassbar“, sagt Demnig. „Doch wenn die Leute stehen bleiben, weil ihnen die in der Sonne glänzenden Tafeln aufgefallen sind; sie dann den Namen auf dem Gedenkstein lesen und sich das Haus betrachten, in dem der Namensträger gelebt hat, bekommt der Holocaust für sie ein Gesicht. Und das einzelne Opfer erhält dadurch seine Identität zurück.“

Während wir auf dem Weg zur nächsten Installation an einem Wohnblock vorbeikommen, vor dem Demnig schon früher 22 Gedenksteine in den Gehweg eingelassen hat, erzählt er uns, wie das Stolperstein-Projekt aus seiner Arbeit als Performancekünstler hervorging.

„Ich zog eine breite Kreidespur durchs Kölner Zentrum, um den Weg zu markieren, den Hunderte von Sinti und Roma 1940 vor ihrem Eisenbahntransport in die Todeslager gehen mussten“, erzählt Demnig. „Es war so etwas wie die Generalprobe für den Holocaust, mit der die Nazis testen wollten, wie die Deutschen reagieren würden. Als das Verschwinden einer ganzen Bevölkerungsgruppe hingenommen wurde, war der Weg frei für die Massendeportationen.“

Beim Erneuern der Markierung drei Jahre später mit Messingplatten wurde Gunter Demnig von einer älteren Frau angesprochen: „Ich finde es gut, was Sie da machen, aber Zigeuner gab es bei uns nicht.“ Er erinnert sich, wie schockiert die alte Dame war, als er ihr Fotos und Unterlagen zeigte, die das Gegenteil bewiesen. „Sie hätte sich niemals vorgestellt, dass Menschen, die ihre Nachbarn gewesen waren, direkt unter ihrer Nase verschleppt wurden.“

In jenem Moment sei ihm die Idee für das Projekt gekommen, so Demnig. „Ich wollte die Namen der in den Lagern verschwundenen Menschen und die Erinnerung an sie zurückbringen.“ Seine Stimme klingt rau, als er das sagt.

Den ersten Erinnerungsstein verlegte Demnig 1995 in Köln heimlich ohne das Wissen der Stadtverwaltung. Ein Jahr später tauchten mehrere Stolpersteine im alten Jüdischen Viertel Berlins auf. Auch für sie fehlte eine offizielle Genehmigung. Nachdem sich die deutschen Medien für das Projekt zu interessieren begannen, erhielt der Künstler immer neue Anfragen von Menschen im In- und Ausland, die an ihre ermordeten Verwandten, Freunde oder Bekannten erinnern wollten.

Besonders freute sich Demnig, als ihn mehrere deutsche Schulen darum baten, die „Patenschaft“ für ein Opfer übernehmen zu dürfen. Die 95 Euro, die der Künstler für eine Gedenktafel berechnet, brachten sie durch Spendensammlungen und Kuchenbasare zusammen. „Abgesehen von Einzelspenden stellt dies meine einzige Einnahmequelle dar, wobei die Materialkosten noch nicht einmal gedeckt sind“, sagt Demnig.

Während die meisten deutschen Kommunen Demnigs Installationen mittlerweile nicht nur zulassen, sondern teilweise sogar begrüßen, hat das besonders tief in die NS-Vergangenheit verstrickte München bisher keine einzige Gedenkplatte genehmigt. Eine Reihe heimlich installierter Stolpersteine ließen die Behörden, die eine Schändung durch Rechtsextreme fürchteten, mit Zustimmung der jüdischen Gemeinde wieder entfernen.

Jenseits deutscher Grenzen „stolpern“ Passanten unter anderem in Antwerpen, Rotterdam, Rom, Budapest und Prag über Demnigs Erinnerungstafeln. Auch von hier gab es während der Besetzung durch die Nationalsozialisten Deportationen. Steine liegen zudem in Braunau am Inn, Hitlers Geburtsort.

„Ich wurde sogar gefragt, ob ich nicht ein paar Stolpersteine für den deutschen Pavillon auf die Expo 2010 nach Schanghai mitnehmen könnte“, erzählt Demnig, während er aus einem Papierstapel ein Foto fischt, das ihn im Gespräch mit chinesischen Journalisten zeigt. „Was die alles wissen wollten!“

Den Künstler, der in guter körperlicher Verfassung ist, stört es nicht, kreuz und quer durchs Land zu reisen, um neue Gedenksteine zu verlegen. Die Liste der „Vorbestellungen“ ist lang. Er gibt jedoch zu, dass durch das häufige Arbeiten auf allen vieren seine Knie in Mitleidenschaft gezogen sind. „Meine Handgelenke machen noch so halbwegs mit“, fügt er hinzu. Allerdings habe er nicht vor, seinen Rekord von 40 neuen Platten an einem Tag zu brechen.

Demnig ist zufrieden damit, dass Deutschland überwiegend offen mit dem schrecklichen Erbe des Holocaust umgeht. Was ihn umtreibt, ist die Tatsache, dass so viele der sechs Millionen Toten – Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten und Widerstandskämpfer – auf grausame Weise auch noch um ihre Identität gebracht wurden.

„Ich sehe meine Platten nicht als Grabsteine“, sagt er. „Aber nachdem so vielen Holocaust-Opfern ein anständiges Begräbnis verwehrt blieb, sind sie für Angehörige ein Ort, an dem sie beten, Blumen niederlegen oder sich einfach erinnern können.“

 

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3 Kommentare

H. Ottomar on 16 August 2011 ,17:14

Wunderbar - mir sind beim Lesen die Tränen gekommen ...

Regina Hannke on 20 Juli 2011 ,08:03

Die Stolpersteine sind eine ausdrucksvolle Mahnung. Auch bei uns im kleinen Dorf Rössing in der Gemeinde Nordstemmen liegen die Stolpersteine vor dem Haus einer deportierten und umgebrachten Familie. Es sollten viele Orte davon Gebrauch machen und ein Mahnmahl setzen.

Mathias Schmitz on 20 Juli 2011 ,06:23

...eine ungeheuer wichtige Arbeit des Künstlers, die an die echten Helden unseres Landes erinnert und ihr Schicksal auch für kommende Generationen wachhält...

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