Starke Stimme
Die Sängerin Annie Lennox will helfen
By MATHEW SCOTTFür Annie Lennox war Musik immer schon der Stoff, der ihr Leben zusammenhält. Musik hat die 54-Jährige stets begeistert – seit ihrer Schulzeit im schottischen Aberdeen, später im London der 70er- und 80er-Jahre, wo sie Musik studierte, bis zu ihrer Karriere als Sängerin des Pop-Duos Eurythmics (zusammen mit Dave Stewart) sowie als Solistin.
Dank ihrer Musik konnte sie etwas zurückgeben.
Lange bekannt als glühende Verfechterin vieler guter Zwecke, gründete sie 2007 SING, eine Initiative, mit der sie sich für HIV-positive Frauen und Kinder in Südafrika engagiert.
Kraft ihres Ruhmes – und ihrer Stimme – verkündet Annie Lennox weltweit ihre Botschaft. Mit dem Geld von SING versucht sie die weitere Ausbreitung des HI-Virus in Südafrika zu stoppen und Infizierte zu unterstützen. Bei einem Zwischenaufenthalt in Hongkong nahm sich Annie Lennox die Zeit für ein Gespräch mit Reader’s Digest über ihre Hilfsaktion, ihre Musik und ihre Visionen.
Reader’s Digest: Woher rührt Ihr Engagement gegen HIV/AIDS?
Annie Lennox: Als ich 2003 nach Südafrika reiste, fand ich mich in einem Land voller Elend wieder, in dem fürchterliche Greueltaten geschehen waren und in dem viele unschuldige Menschen sterben mussten.
RD: Was haben Sie empfunden, als Sie HIV-infizierte Familien und Kinder besuchten?
Lennox: Es ist, als ob man in tiefes Wasser hinabsteigt, in eine ganz andere Welt, in der man selbst nicht lebt, und wenn man herauskommt, muss man all das Gesehene verarbeiten. Vor diesen Menschen darf man nicht sentimental werden, es wäre fast respektlos. Man muss das, was man sieht, für sich behalten und sich damit auseinandersetzen, wenn man wieder in seiner Welt ist.
RD: Gibt es eine Hürde, auf die Sie stoßen, wenn Sie mit Menschen über HIV/AIDS reden oder sie zur Einsicht und zum Handeln bewegen wollen?
Lennox: Die Stigmatisierung – sie ist genauso schuld daran, dass diese Krankheit verschwiegen und versteckt wird. Ich bin ja keine Expertin, ich kann nur aus meiner persönlichen Sicht sprechen. Aber ich würde sagen: Solange es keinen Impfstoff gibt und keine Therapie, haben wir den Kampf noch nicht gewonnen.
RD: Sie haben Ihre ganze Karriere hindurch leidenschaftlich für andere gekämpft. Warum?
Lennox: All das Schreckliche, was auf diesem Planeten geschieht, hat mich schon, seit ich denken kann, belastet. Zwar ist es im Grunde fast unmöglich, sich gegen die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit abzuschotten, aber wenn man etwas findet, wofür man sich einsetzen kann, kommt man sich nicht mehr ganz so hilflos vor. Engagiert zu sein gibt mir in gewisser Weise das Gefühl, dass ich aktiv etwas beitrage.
RD: Stärkt es Ihr Selbstgefühl?
Lennox: Nun, ein guter Mensch werde ich dadurch nicht, aber ich kann mich sehr gut in andere einfühlen. Ich reagiere da sehr empfindlich. Und mich hat Ungerechtigkeit schon immer gestört.
RD: War es entscheidend für Ihren Weg, dass Sie selbst Mutter sind?
Lennox: Mein erstes Kind starb als Baby. Danach schaute ich mich in der Welt um und sah, wie so viele Kinder ums nackte Überleben kämpfen und welche entsetzlichen Dinge Kindern zustoßen. Also dachte ich mir, zumindest kannst du versuchen, etwas zu verändern.
RD: Sie bekamen zwei Töchter (Lola, 18, und Tali, 16). Hat Sie das in Ihrer Entschlossenheit bestärkt?
Lennox: Ganz sicher hat es mein Verhältnis zu Kindern stark geprägt. Ich finde, alle Kinder haben von Geburt an ein Recht auf ein Leben in einer Welt, die ein Stück weit mehr Sicherheit bietet.
RD: Haben Sie diese Tatkraft stets gespürt? Sind Sie deswegen von Aberdeen nach London gezogen, als Sie mit der Schule fertig waren?
Lennox: Andere Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Und meine eigene fand ich ein bisschen öde. Ich wollte weg aus Schottland, wollte nach London, denn dort – so dachte ich – wäre alles ganz toll, aber die Realität war anders. London war schon damals eine raue Stadt.
RD: War die Musik auch eine Flucht für Sie?
Lennox: Sie war wohl eher ein Ventil. Ich glaube, wenn Sie in sehr engen Zwängen und Konventionen leben, hat Ihre Persönlichkeit nur ganz wenig Ausdrucksmöglichkeiten. Es ist nicht erwünscht, aus sich herauszugehen. Künstler dagegen können sich leichter mitteilen, wir können das Wesen unserer Persönlichkeit – oder was man als solche bezeichnet – ausloten. Und das hat mir gefallen.
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