Allerdings ist Ihnen nicht klar, dass Sie mit dieser simplen Handlung Ihren Körper einem mikroskopisch kleinen Eindringling aussetzen, der so mächtig ist, dass Sie zwölf Stunden später schachmatt im Bett liegen.
Der Kunde nämlich, der diesen Einkaufswagen vor Ihnen benutzt hat, war erkältet. Er musste niesen und hat sich höflich die Hand vor Mund und Nase gehalten. In den Tröpfchen, die aus seinem Mund geschleudert wurden, befanden sich Abertausende von Viruspartikeln, die dann auf den Griff des Einkaufswagens gelangt sind. Und nur Minuten später haben Sie sie von dort auf Ihr Gesicht übertragen.
In der feuchten Umgebung Ihrer Nasenschleimhäute werden die Partikel zu den Mandeln weit hinten im Rachen geschwemmt, wo sie in Zellen eindringen und diese so umprogrammieren, dass sie den Viren bei der Vermehrung helfen. Schließlich platzen diese Wirtszellen auf und setzen Tausende neuer Viren frei.
Keinen halben Tag später haben Sie einen wunden Hals, Ihr Kopf hämmert, und Sie wissen, dass Sie jetzt ins Bett gehören. Sie verlassen Ihren Arbeitsplatz, aber auf dem Weg nach draußen müssen Sie niesen. Sie schnäuzen sich und fassen die Türklinke an …

Ein hollywoodreifer Stoff: Außerirdische Heere fallen über Ihre Zellen her. Filme wie I Am Legend oder Outbreak – Lautlose Killer haben die Folgen eines Virenausbruchs zwar ins Extreme gesteigert; doch im Grunde läuft jedes Mal, wenn ein Virus sich festsetzt, in unserem Körper ein Horrorfilm ab.
Der neueste weltweite Alarm wegen der Schweinegrippe hat uns allen bewusst gemacht, wie schnell Viren um die ganze Welt reisen können. Aber die Wahrheit ist, dass sich Viren aller Art ständig in der Luft, auf allen möglichen Oberflächen und selbst auf unserem eigenen Körper befinden.
Über 200 von ihnen sind allein für die gewöhnliche Erkältung verantwortlich – darunter Rhinoviren, Coronaviren, Adenoviren und RS-Viren (Erreger von Atemwegsinfektionen bei Kindern). Und kaum ist Ihr Körper gegen eine Art immun, fällt eine andere über ihn her, und schon liegen Sie wieder flach.


Gute und Böse

Viele Viren sind gut an ein Leben in unserem Körper angepasst und machen nie Probleme. Noch ehe wir 50 sind, erkranken etwa 80 Prozent von uns am Drüsenfieber. Das Herpes-simplex-Virus, der Verursacher von Lippenbläschen, lebt still in den Nervenwurzeln hinten im Gehirn und macht sich nur dann bemerkbar, wenn Sie gestresst sind. Dann wird es in Ihren Speichel abgegeben und kann so auf den nächsten Körper überspringen.
Andere Viren sind gefährlicher. Während die für das tödliche Ebolafieber, SARS und Vogelgrippe verantwortlichen Viren regelmäßig Schlagzeilen machen, sterben jährlich Millionen Menschen durch Viren, die Atemwegs- oder Magen-Darm-Beschwerden auslösen. Das Aidsvirus HIV hat Teile der Weltbevölkerung dahingerafft, und die Regierungen bereiten sich auf die nächste große Grippepandemie vor – drei davon hatten wir im vorigen Jahrhundert.
Aber gemessen an den gewaltigen Auswirkungen, die das winzige Virus auf die Menschheit hat, wissen wir immer noch sehr wenig darüber. Und trotz der Fortschritte in der Entwicklung antiviraler Medikamente während der letzten zehn Jahre sind Virusinfektionen immer noch kaum zu behandeln.
Das ist für Ärzte frustrierend. Die Patienten wollen geheilt werden, aber gegen Virusinfektionen ist mit Antibiotika nichts auszurichten. „Die sagen dann: ‚Ich dachte, wenn ich früh zu Ihnen komme, können Sie noch etwas machen‘“, klagt die Allgemeinärztin Ruth Ratner aus Sydney.


Bekanntes Drehbuch

Die australische Familie Fitzpatrick kennt sich aus mit Viren. Bei drei Kindern in Tagesstätte oder Schule sind Erkältungen fast normal. Kürzlich war die Familie auf der Heimfahrt von Melbourne nach Sydney, als ein besonders gemeines Magen-Darm-Virus zuschlug.
Sie waren bei einer Familie zu Besuch gewesen, deren Sohn in eine Kindertagesstätte ging. Er erkrankte am Mittwoch, sein Vater am Freitag, und am Montagmorgen erbrachen sich Karin Fitzpatrick und ihr Sohn Tim. Nach der langen Autofahrt erkrankten der ältere Sohn und Karins Mann, das Baby übergab sich am Morgen darauf. „Man kann zusehen, wie das Virus durch die Familie wandert. Sehr bald kennt man die Inkubationszeit – ich kann recht genau vorhersagen, wen es wann als Nächstes trifft“, sagt Karin.
Viren sind erst dann zum Problem geworden, als die Menschheit anfing, in großen Gemeinschaften zu leben – kleine, isolierte Gruppen sind relativ gut geschützt. Aus diesem Grund sind Kinder besonders anfällig – sie kommen mit vielen anderen Menschen in Berührung, und ihre Hygiene ist nicht immer auf dem Standard der Erwachsenen. Die gute Nachricht: Kinder erkranken meist weniger schwer als Erwachsene, wenn sie demselben Virus zum ersten Mal ausgesetzt sind.
Viren sind winzigste Stückchen Erbinformation, die von einer schützenden Eiweißhülle umgeben ist. „Ihr einziger Daseinszweck ist es, sich zu vermehren“, sagt Professor Chris Burrell, Leiter des Labors für ansteckende Krankheiten am Institut für Medizin- und Veterinärwissenschaft im australischen Adelaide.
Viren sind bis zu 100-mal kleiner als Bakterien und können sich außerhalb lebender Körper nicht vermehren. Sowie sie aber in eine Wirtszelle eindringen, impfen sie diese mit ihrer DNS oder RNS, sodass sie sich wie lebende Organismen verhalten und sich reproduzieren und mutieren können.
„Virale Nukleinsäure ist wie ein Computerprogramm“, erklärt Professor Burrell. „Sie ist der genetische Bauplan. Das Virusteilchen kann man mit einer CD vergleichen, die das Kunststück gelernt hat, von einem Computer auf den anderen überzuspringen und alle nötigen Hilfsmittel zu benutzen. Einmal im Computer, programmiert sie diesen, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Das Entscheidende dabei ist die Information, die in dem Programm enthalten ist.“
Man wird nicht immer sofort krank, wenn ein Virus in den Körper eindringt. Nach einer Ansteckung mit HIV bekommen die Betroffenen erst einmal einen Ausschlag und Fieber, dann erholen sie sich wieder. Aber ohne ihr Wissen beginnt das Virus sich zu vermehren und T-Lymphozyten zu vernichten, während der Körper wie verrückt daran arbeitet, diese Blutkörperchen zu ersetzen. Erst wenn sie dem Körper ausgehen, was manchmal Jahre dauert, legt die Krankheit wieder richtig los.

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1 Kommentare

Dieter Schaal on 21 Mai 2010 ,05:45

Sehr informativ und verständlich dargestellt. Ich würde es begrüßen wenn weitere Beiträge zum Thema Gesundheit folgen und für Otto - Normalverbraucher geschrieben werden. Danke

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