König Georg VI. kämpft in dem Film The King’s Speech gegen sein Stottern. Darin gibt es eine Szene, in welcher der König in spe – gespielt von Colin Firth – seinem neuen Sprachtherapeuten Lionel Logue gegenübertritt. Der in Australien geborene Therapeut – dargestellt von Geoffrey Rush – erklärt ihm: „Wir müssen Ihre Kiefermuskeln lockern.“ Firth schluckt nervös. Seine völlig verkrampften Kiefermuskeln lassen die angespannten Sehnen an seinem Hals hervortreten. Das Grauen steht ihm ins Gesicht geschrieben, schließlich bringt er ein bellendes „gut“ hervor.

Firth spielt diese Rolle perfek: Man spürt die Angst, die unerträgliche Anspannung, man sieht das trockene, panische Schlucken. Ich weiß, wovon ich rede: Ich bin selbst Stotterer. Willkommen in meiner Welt.

Lionel Logue hatte seit 1946 eine Praxis in der Londoner Harley Street. 1953 starb er. Ein Jahrzehnt später, mit fünf Jahren, fing ich an zu stottern. Ich habe keine Ahnung, woher es kam. Zeitlich fiel es zusammen mit dem Verlust meiner Milchzähne und dem Schulanfang.

Es folgten Jahrzehnte des Spotts und der Selbstquälerei. Die kleinste Interaktion mit meiner Umwelt verursachte bei mir genau die Panik, die Firth so ausgezeichnet darstellte. Als ich aufs Gymnasium wechselte, war mir klar, dass ich etwas tun musste, um nicht mit wehenden Fahnen unterzugehen. Mich zu prügeln war keine Lösung an einer Schule, an der der Direktor selbst ungestraft den Stock schwang. Also verlegte ich mich darauf, im Unterricht still zu sein und nicht zu antworten.

Meine Noten waren gut – Einsen und Zweien –, aber wenn ich nicht ganz gezielt dazu aufgefordert wurde, weigerte ich mich, vor der Klasse zu sprechen. Vermutlich gab es Lehrer, die gar nicht wussten, dass in den hinteren Reihen ein panischer Junge saß, für den jede Unterrichtseinheit eine Stunde Angst bedeutete.

Einer der Lehrer empfahl meiner Mutter einmal einen Besuch beim Psychiater. Sein Vorschlag blieb unberücksichtigt. Meine Eltern hatten weder die Absicht noch das Geld, mich zu einem Seelenklempner zu schicken – außerdem war das nur etwas für Verrückte.

Mein Schulabschluss in Französisch und Deutsch war die reinste Tortur. Während der mündlichen Prüfungen hefteten sich die unsicheren Blicke meiner armen Prüfer auf mein Gesicht und versuchten einen Sinn in dem zu erkennen, was dieser gurgelnde, stotternde, zähneknirschende, verspannte Dummkopf von sich gab.

Ich musste einfach in den schriftlichen Prüfungen ganz besonders gut sein, dachte ich mir. Das war ich dann auch. Aber es war nicht leicht, und am Ende meiner Schulzeit reichte es mir. Ich wollte nicht zur Universität und das Ganze noch einmal von vorn durchmachen. Ich hatte keine Lust, mich wieder ganz besonders ins Zeug legen zu müssen, nur weil das Zusammenspiel von Kehle, Kiefer und Gehirn bei mir nicht reibungslos lief. Ich entschied mich deshalb, in einem Laden zu arbeiten, in dem ich seit meinem 13. Lebensjahr immer mal wieder gejobbt hatte. Dort kannte man mich, das Stottern störte niemanden, und man akzeptierte mich, wie ich war.

Mit 20 wurde mir von unserer Lokalzeitung eine Ausbildung zum Redakteur angeboten. Inzwischen war es mir gelungen, das Stottern zu kontrollieren. Wenn ich nicht müde war oder unter großer Anspannung stand, hatte ich nur mit wenigen Worten Probleme, zum Beispiel mit „Frauen“ und „sieben“. Ich weiß bis heute nicht, warum das so ist. Ich konnte „Fremde“ sagen und „fragen“, aber bei „Frauen“ geriet ich ins Stocken. Das Gleiche galt für das „s“ in „sieben“. „Sicherheit“ und „senden“ dagegen bereiteten mir keine Schwierigkeiten.

Damals fing ich an, Wörter auszutauschen. Ich stellte mir meine Sätze geschrieben vor, ehe ich sie aussprach. So wusste ich, welches Wort schwierig war, und konnte es durch ein anderes ersetzen, das ich aussprechen konnte. Zahlen stellten ein Problem für sich dar. Können Sie sich vorstellen, wie verzweifelt ich über meine neue Telefonnummer im Büro war: 7 29 14 14. Gleich zu Beginn die gefürchtete „Sieben“! Ein Wort, das ich nicht sagen konnte, ohne dabei wie eine Schlange zu zischen. Wer kann sich nach 32 Jahren noch an seine Telefonnummer erinnern?

Jeder Anruf bei Pressereferenten, Polizeibeamten oder Feuerwehrleuten war ein Albtraum. Es war klar, dass die betreffende Person sich die gewünschten Informationen besorgen und dann zurückrufen würde. „Wie ist Ihre Nummer?“

„Ssssssssssssieben- zwei-neun-eins-vier-eins-vier“, brachte ich hervor und rang dann wie ein Ertrinkender um Luft.

„Wie bitte?“, kam es vom anderen Ende. Ich hätte heulen können. Eines Tages brach ich nach einem besonders „zischenden Zwischenfall“ wirklich in Tränen aus und wurde prompt von einem Kollegen ausgelacht. Das nächste Mal wechselte ich die Taktik. „Es klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber ich bin Stotterer, und ein besonders schwieriges Wort ist die erste Ziffer meiner Telefonnummer. Es ist die Ziffer nach der Sechs.“

„In Ordnung“, erwiderte mein Gesprächspartner, „welche Nummer soll ich nun wählen?“

„Schauen Sie doch nach“, knurrte ich und legte auf.

Ich habe inzwischen mein Stottern bezwungen: durch Austauschworte und die Veränderung meines Sprechrhythmus, der jetzt zahlreiche Unterbrechungen enthält, verbale Ablenkungsmanöver und unterstreichende Gesten mit den Händen. Wenn man jemanden mit diesen Tricks konfrontiert, fällt ihm das Stottern nicht mehr auf.

Es funktioniert in den meisten Fällen, außer wenn ich müde oder gestresst bin. Mit der „Sieben“ habe ich nach wie vor Probleme und muss mich sehr darauf konzentrieren, wenn ich sie in einem Satz „sehe“.

Im vergangenen Jahr hat das Michael Palin Centre für stotternde Kinder in Großbritannien ein Informationsprogramm entwickelt. Dazu gehört eine DVD, auf der sich junge Stotterer präsentieren. Sie sind im Alter von zwei bis 18 Jahren und fürchten sich davor, dass man sie drängt, ihre Sätze zu Ende zu sprechen. Sie empfinden alle dieselbe Angst, in der Schule ignoriert oder übersehen zu werden.

Was der zehnjährige Samuel Zack über sich sagt, klingt wie die Beschreibung meiner eigenen Schulzeit: „Ich kann nicht vor anderen Leuten reden. Aus diesem Grund beantworte ich viele Fragen nicht, selbst wenn ich die Antwort weiß.“

Leider ist die DVD – wegen ihrer Hauptdarsteller – s-s-s-sieben Stunden lang. Eigentlich zum Lachen – wenn es nicht so traurig wäre.

 

15
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?Dann erhöhen Sie hier seine Punktzahl!

Am Beliebtesten in Gesundheit

  1. Was Krankenpfleger verschweigen
  2. Retten Sie Ihre Haut
  3. Ist Ihre Schilddrüse gesund?

Mehr Ratgeber & Tipps

Kommentar abgeben

Name*
Email*
Kommentar*
Mehr spannende Reportagen und Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt?
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!