Die Kinder sind aus dem Haus – oder zumindest aus dem Gröbsten heraus –, und Sie freuen sich auf etwas wohlverdiente Muße. Bis das Telefon klingelt und Ihr Einsatz wieder gefragt ist: diesmal von Ihren Eltern und Schwiegereltern. Mindestens rund 2,34 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, in Österreich sind es etwa 540 000 Männer und Frauen. Die meisten Hilfs- und Pflegeleistungen

erbringen Familienangehörige. Als Sohn und Tochter sind Sie in diesem Fall nicht nur mit Gehhilfen und Windelhosen konfrontiert, sondern oft auch mit einer beunruhigenden Menge an Tabletten, Pillen und Kapseln, die Ihre Eltern schlucken.

BRISANTE MISCHUNG

„Zehn oder mehr Arzneimittel täglich sind für viele Senioren nichts Besonderes“, erklärt Ulrich Thiem, Altersmediziner am Klinikum der Universität Bochum. Patienten, die älter als 70 Jahre sind, nehmen im Durchschnitt sechs verschiedene Medikamente pro Tag ein. Das zeigt eine breit angelegte Untersuchung, an der Thiem mitgewirkt hat. „Der Spitzenreiter in unserer Studie kam sogar auf 26“, erinnert sich der Experte. „So mancher Senior landet nicht trotz, sondern wegen all der eingenommenen Arzneimittel im Krankenhaus. Denn bei einem Mix verschiedener Wirkstoffe können die sich gegenseitig aufheben oder riskante Nebenwirkungen hervorrufen.“

Guten Gewissens darf ein Arzt eigentlich nicht mehr als fünf Medikamente gleichzeitig verschreiben, erklärt Clemens Grupp, Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie am Zentrum für Altersmedizin Bamberg. „Das ist aber in der Praxis kaum durchzuhalten.“ Bei Patienten, die an mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig leiden, steht der Behandelnde zudem oft vor einem echten Dilemma. So können etwa Schmerzmittel, die gegen Arthrose verordnet werden, die Nierenfunktion verschlechtern. Das wiederum steigert den Blutdruck, der womöglich ohnehin schon erhöht war und nun noch stärker gesenkt werden sollte. Unter Umständen mit Medikamenten, die bereits vorhandene depressive Verstimmungen verschlimmern. Die dann mit einem weiteren Medikament behandelt werden – und so fort.

Ein Teufelskreis, der für immer mehr Experten Anlass zur Sorge ist.

MANCHES IST ENTBEHRLICH

Eine dieser Expertinnen ist Dr. Dee Mangin, die an der Medizin-Fakultät der Universität Christchurch in Neuseeland über medizinische Grundversorgung forscht. „Allem Anschein nach geht eine der größten Bedrohungen der Gesundheit älterer Menschen von den Medikamenten aus, die Ärzte ihnen verordnen“, sagt sie. „Das Risikopotenzial, das im Konsum von vielen verschiedenen Mitteln zugleich liegt, wird kaum wahrgenommen.“

Mangin hat erforscht, was passiert, wenn Senioren statt immer mehr Medikamenten weniger einnehmen. Das Ergebnis: Oft bessert sich der Gesundheitszustand. Für ihre Untersuchung befragte Mangins Team 500 Männer und Frauen über 75. Mehr als die Hälfte von ihnen litt an drei chronischen Krankheiten, bei einem Viertel waren es fünf oder mehr. Entsprechend viele Arzneien nahmen sie ein.

Die Wissenschaftler untersuchten bei jedem Studienteilnehmer, wie nötig die einzelnen Präparate tatsächlich waren. Entbehrliches empfahlen sie abzusetzen – im Durchschnitt 4,4 Tabletten täglich. Im Anschluss beobachtete das Forscherteam die Patienten 19 Monate lang. In dieser Zeit mussten nur 2 Prozent ein abgesetztes Mittel doch wieder einnehmen. „Ansonsten gab es keinerlei negative Auswirkungen“, sagt Mangin. „88 Prozent der Testpersonen berichteten sogar, dass es ihnen gesundheitlich besser ging.“

Noch eindrucksvoller sind Ergebnisse einer Studie, die Ärzte vor einigen Jahren in Israel durchführten. Sie untersuchten 70 alte und schwer kranke Patienten und fanden heraus, dass diejenigen, deren Medikationen man vorsichtig reduzierte, länger lebten. Innerhalb eines Jahres starben 45 Prozent der Patienten einer Vergleichsgruppe, deren Medikamentendosis gleich geblieben war. Von denjenigen, die nun weniger Arzneien nahmen, starben nur 25 Prozent.

NICHT WIRKLICH GETESTET

Nicht nur Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamentencocktails sind schwer einzuschätzen, in vielen Fällen ist es sogar unklar, inwiefern alte Menschen von einzelnen Arzneien überhaupt profitieren.

„Die große Mehrheit der Mittel, die Senioren bekommen – beispielsweise gegen Osteoporose, Schmerzen, Entzündungen oder auch Cholesterinsenker –, werden so gut wie nie gezielt an Menschen über 80 erprobt“, erklärt Clemens Grupp vom Zentrum für Altersmedizin Bamberg. Der Grund: Ältere werden erfahrungsgemäß schneller krank, die testenden Unternehmen möchten aber positive Resultate erhalten. Außerdem sind die Auswirkungen von Medikamenten schwieriger zu erforschen, wenn die Testpersonen noch andere Mittel einnehmen. Bei Senioren ist dies häufig der Fall. Schließlich nimmt der Körper eines älteren Menschen manch ein Mittel nicht mehr so gut auf wie der eines jungen. Oder er reagiert empfindlicher auf schädliche Stoffe.

PRIORITÄTEN SETZEN

Was können Sie als Sohn oder Tochter tun, wenn der Medikamentenkonsum Ihres Vaters oder Ihrer Mutter Sie beunruhigt? Besprechen Sie mit ihnen und dem Arzt, worauf der Schwerpunkt der Behandlung liegen soll, empfiehlt Ulrich Thiem aus Bochum.

„Generell wollen ältere Leute vor allem die Beschwerden behandelt wissen, die sie im Alltag einschränken“, beschreibt der Altersmediziner seine Erfahrungen. „Ein 80-Jähriger mit Arthrose und Bluthochdruck wünscht sich meist in erster Linie, seinen Alltag weiterhin alleine bewältigen zu können. Dafür braucht er vor allem Schmerzmittel. Ob sein Bluthochdruck über mehrere Jahre betrachtet sein Schlaganfallrisiko erhöht, ist ihm oft nicht so wichtig. Leidet ein Arthrose-Patient aber gleichzeitig an einer Herzschwäche, die ihm Atemnot verursacht und ihn in Todesangst versetzt, hat für ihn in der Regel die Behandlung der Herzprobleme Priorität.“

Es geht also vor allem ums Wohlbefinden. Oft kann schon eine einfache Maßnahme große Wirkung zeigen. „Wir wissen aus Studien, dass viele ältere Menschen nicht mehr vollwertig essen und daher ihre Versorgung mit einigen Nährstoffen kritisch ist. Das betrifft vor allem Vitamin D, aber auch die Vitamine B 12, E und C sowie Folat und die Mineralstoffe Calcium und Magnesium“, erklärt Ökotrophologin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Dazu kommt, dass der Körper sich im Alter schwerer tut, Vitamine und Mineralstoffe aus der Nahrung aufzunehmen. Deshalb ist es für Senioren besonders wichtig, ausreichend davon zu verzehren, denn eine gute Vitamin- D-Versorgung beispielsweise beugt dem Verlust an Knochenmasse vor und senkt so das Risiko von Knochenbrüchen. Vitamin B 12 fördert das geistige Leistungsvermögen und mindert das Schlaganfall-Risiko.

Am besten ist es, den Bedarf mit abwechslungsreicher Kost zu decken. Unter Umständen genügt das aber nicht. Dann muss eine ausreichende Nährstoffzufuhr individuell durch Nahrungsergänzungsmittel erfolgen, so Expertin Gahl. Sie nennt ein Beispiel: „Das fettlösliche Vitamin D bildet der Mensch nur mithilfe von Sonnenbestrahlung. Bei gebrechlichen Senioren kann es durchaus passieren, dass sie einfach nicht mehr oft genug draußen sind.“

Es lohnt sich also, einmal mit der Apothekerin oder dem Arzt die Medikamentenliste von Mutter oder Vater durchzugehen und dabei auch das Thema Ernährung anzusprechen. Denn in mancher Hinsicht ist weniger mehr – aber eben nicht in jeder.

NACH EINEM ARTIKEL VON JEROME BURNE

 

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1 Kommentare

Konrad Ben Koethner on 12 Juni 2012 ,21:17

Kritisch ist die Medikamentierung, wenn sie unabgestimmt von mehreren Aerzten "verordnet" werden, dann ist man selbst in der Verantwortung, d.h. jedem der in Frage kommenden Aezten, ueber die uebrigen Behandlungen berichten!

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