Ende September 2008 kehrte in das Haus von Anneliese und Georg Heinen ungewohnte Ruhe ein: kein morgendlicher Stau mehr vor dem Bad, keine Musik aus den Kinderzimmern, keine neuen Geschichten über Schule und Freunde beim Essen. Innerhalb eines Jahres waren die Kinder der Heinens aus dem Elternhaus im Eifeldorf Hoffeld nahe des Nürburgrings (siehe Seite 96) ausgezogen: Sohn Michael, 21, begann im April sein Studium in Koblenz, Beate, 18, wechselte im August auf ein Gymnasium in Trier, und Edith, 20, studiert seit Oktober in Wiesbaden. „Im Haus ist nichts mehr zu hören, das ist manchmal schon komisch“, erzählt die 44-jährige Anneliese Heinen.

Es war dem Ehepaar klar, dass sich das Nest rasch leeren würde, hätten die Kinder erst einmal die Schule beendet. Trotzdem unterstützten sie die drei beim Entschluss, für eine qualifizierte berufliche Ausbildung auszuziehen. „Ich habe mich am Anfang sogar richtig darauf gefreut“, gesteht Georg Heinen. Ein Freund hatte dem 54-Jährigen einmal scherzhaft gesagt: Wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind, fängt das Leben neu an. „Diesen Gedanken des Neubeginns hatte ich im Kopf“, erklärt Heinen. „Ich wusste ja nicht, was für Sorgen ich mir machen würde.“

Wenn ihre erwachsenen Kinder flügge werden, beginnt für Eltern ein neues Kapitel im Leben. Schritt für Schritt haben sich die Töchter und Söhne seit der Pubertät von ihnen gelöst, fahren nicht mehr mit in den gemeinsamen Familienurlaub und sind im Elternhaus oft nur noch auf der Durchreise zu Freunden.

Der Auszug markiert dann den vielleicht wichtigsten Meilenstein auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Danach werden die Karten der Beziehung neu gemischt, und Kinder und Eltern begegnen sich immer mehr auf Augenhöhe. Die meisten Mütter und Väter sind zwischen 55 und 65 Jahre alt, wenn Töchter und Söhne endgültig das Elternhaus verlassen. Die Paare treten nun in die „nachelterliche Phase“ ein, die im Durchschnitt zwischen 30 und 35 Jahre dauert – oft der längste Abschnitt in ihrem Lebenslauf!

Daran ändert auch nichts, dass die nachelterliche Phase immer später beginnt, weil der Nachwuchs tendenziell immer später auszieht. Für die Geburtsjahrgänge 1929 bis 1957 ermittelten Forscher noch ein stetiges Absinken des Auszugsalters auf 20 Jahre bei Töchtern und 22 Jahre bei Söhnen. Bei den Jüngeren hat sich dieser Trend umgekehrt. Heute leben Kinder im Durchschnitt bis zum Alter von 25 Jahren im elterlichen Haushalt.

Experten machen dafür die längeren Ausbildungszeiten und den unsicher gewordenen Arbeitsmarkt verantwortlich. Söhne bleiben im Schnitt zwei bis drei Jahre länger im Nest als Töchter. Manche halten es dort noch viel länger aus: Mit 30 Jahren wohnen 14 Prozent und mit 40 Jahren noch 4 Prozent der Männer bei den Eltern, bei den Frauen haben nur 5 Prozent der 30-Jährigen und 1 Prozent der 40-Jährigen den Absprung noch nicht geschafft.

In den ersten Wochen nach dem Auszug stand Georg Heinen innerlich oft unter Spannung. „Rief eines der Kinder an, dachte ich sofort, jetzt ist etwas passiert“, erzählt er. Hatte eines einen Unfall? Hat es gebrannt? Sind alle wohlauf? „Als die Jüngste mit damals gerade 17 Jahren ausgezogen war, hätte ich anfangs am liebsten jeden Abend gefragt: Warum ruft sie nicht an?“ Heinens Gedanken drehten sich um bange Fragen: Kommen die Kinder in der neuen Umgebung zurecht? Leben sie sich in ihren Wohngemeinschaften gut ein, oder geraten sie womöglich in schlechte Gesellschaft?

Die Gelassenheit seiner Frau und die allmähliche Gewissheit, dass alle drei Kinder mit der neuen Situation sehr gut klarkamen, beruhigten ihn mit der Zeit. Auch die Erinnerung an die eigene Jugend half ihm, die Situation besser zu verarbeiten. Er erinnerte sich an seinen eigenen Freiheitsdrang, mit dem er damals seine Mutter viel unverblümter konfrontiert hatte, als seine Kinder es jetzt bei ihm tun. „Heute finde ich es schön so. Ich freue mich über die Ruhe im Haus und die freie Zeit mit meiner Frau. Aber ab und zu packt mich doch eine Welle von Wehmut und Sorge“, erzählt Heinen. „Dann muss ich mir noch mal deutlich selber sagen, dass das mit dem Auszug der Kinder schon in Ordnung ist.“

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