Ein kleiner Junge stolpert, schürft sich das Knie auf und weint. Seine Mutter nimmt ihn in die Arme und tröstet ihn. Bald hat er den Schmerz vergessen, hört auf zu weinen und rennt wieder los. Das ist die einfachste Art einer Placeboreaktion; sie demonstriert die Kraft eines liebevollen Wortes und des Gefühls, sicher und umsorgt zu sein.

Sie gilt als älteste Form des Heilens und bewirkt bei erwachsenen Patienten manchmal Erstaunliches: Zwischen 35 und 75 Prozent der Probanden profitieren bei Medikamententests von Placebos – Scheinmedikamenten. Bei einer Versuchsreihe gab die Hälfte der Patienten, die ein Placebo gegen Darmentzündung erhalten hatten, an, sich besser zu fühlen; die Heilung hatte bereits eingesetzt.

Doch die Wissenschaft gerät durch den Placeboeffekt in die Klemme. Viele Schulmediziner schreiben Erfolge alternativer Behandlungsmethoden wie Akupunktur und Homöopathie gern dem Placeboeffekt zu und verurteilen sie als nicht „echt“. Als ernst zu nehmende Behandlungsmethode könne nur die gelten, die in klinischen Tests wirksamer sei als ein Placebo.

Aber die Behauptung, der Placeboeffekt sei Trickserei oder Einbildung, wird von neuen Forschungsergebnissen infrage gestellt. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, die Medizin solle Placebos akzeptieren und lernen, sie auf die wirksamste Weise zu nutzen.

Computertomografien des Gehirns beweisen, dass Placebos dort eine genauso „echte“ Wirkung entfalten wie ein Medikament. Forscher am Johns-Hopkins-Hospital in Baltimore fanden vor Kurzem heraus, dass eine bestimmte Region des Gehirns als Reaktion auf ein Placebo morphiumartige schmerzstillende Substanzen freisetzt. Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Helen Mayberg hat festgestellt, dass sowohl ein Antidepressivum als auch ein Placebo die Aktivität im Frontalkortex, dem Sitz des Denkens und Planens, erhöhen und in den Regionen, die den Gefühlen zugerechnet werden, reduzieren.

Placebos können nicht nur die gleichen Veränderungen im Gehirn bewirken wie Medikamente. Sie stehen auch mit Medikamenten in einer komplizierten Wechselbeziehung.

Der Versuch, bei einer Doppelblindstudie die Ergebnisse vorherzusagen, hat zwei wichtige Resultate ergeben. Erstens: Wer glaubt, er habe das Medikament eingenommen, bei dem setzt der Placeboeffekt ein. Selbst wenn der Proband das Medikament wirklich bekommen hat, verstärkt der Placeboeffekt dessen Wirkung. Gleichzeitig verschwimmt die klare Unterscheidung zwischen einer Placebo- und einer Nicht-Placeboreaktion. Zweitens: Nebenwirkungen liefern einen Hinweis darauf, dass sich Medikamente mit den stärkeren Nebenwirkungen als effektiver erweisen könnten, da sie wiederum eine gesteigerte Placeboreaktion auslösen.

Bei vergleichenden Tests mit Antidepressiva schneiden echte Medikamente kaum besser ab als aktive Placebos (mit Wirkstoff, aber in unwirksamer Dosis), die ähnliche Nebenwirkungen haben wie das Medikament.

Die Studien von Dr. Fabrizio Benedetti von der Universität Turin zeigen noch deutlicher, wie wichtig die Erwartungen sind, die in ein Heilmittel gesetzt werden. Benedetti behandelte Patienten, die nach einer Operation unter Angstzuständen litten, „versteckt“ mit Valium. Sie spürten keine Besserung, solange sie nicht wussten, was sie einnahmen.

Mit anderen Worten: Die Erwartung in die Wirkung eines Medikaments ist mit ein Grund, weshalb es wirkt.

Wenn also die Trennlinie zwischen echtem Medikament und Placebo nicht klar ist, warum sollten wir dann den Placeboeffekt nicht nutzen? Tatsächlich wenden ihn Mediziner bereits in größerem Umfang an. Mehr als die Hälfte der im Herbst 2008 befragten amerikanischen Ärzte räumten ein, regelmäßig Placebos zu verschreiben, am häufigsten rezeptfreie schmerzstillende Mittel und Vitamine. Sie erklärten gleichzeitig, dass sie ihre Patienten darüber meistens im Unklaren ließen.

Mit Placebos lassen sich zwar beachtliche Erfolge erzielen, aber sie sind keine Allheilmittel. Bei Krebs, bakteriellen Infektionen oder Osteoporose helfen sie nicht viel weiter. Dagegen wirken sie bei Depressionen, Kopfschmerzen oder nach Operationen, besonders wenn es um die subjektiven Empfindungen des Patienten geht.

„Um herauszufinden, wie sich der Placeboeffekt maximieren lässt, muss weiter geforscht werden“, erklärt Professor Ted Kaptchuk von der medizinischen Fakultät der Universität Harvard, USA. Er hat festgestellt, dass eine Scheinakupunktur gegen Schmerzen rund 10 Prozent wirksamer ist als ein Placebo. Anders gesagt: Je aufwendiger eine Scheinbehandlung ist, desto effektiver kann sie wirken.

Etwas Ähnliches entdeckte Benedetti bei der Behandlung von Patienten mit Reizdarm-Syndrom: Eine Gruppe wurde mit Scheinakupunktur behandelt, eine zweite erhielt Scheinakupunktur und besondere Zuwendung, eine dritte blieb auf der Warteliste. Beiden behandelten Gruppen ging es besser. Die Gruppe mit der zusätzlichen Zuwendung schnitt genauso gut ab wie eine vierte Gruppe, die ein Medikament einnahm, das in einem placebokontrollierten Versuch positiv getestet worden war.

Um den Einsatz von Placebos zu unterstützen, kann man mit einem Medikament beginnen und es dann unauffällig gegen ein Placebo austauschen. Mit dieser Methode kommt man eher ans Ziel, als wenn man nur auf das Placebo setzt. Benedetti versuchte das bei Parkinsonpatienten. Um das Zittern auszuschalten, verabreichte er ihnen ein Medikament, das er direkt ins Gehirn injizierte. Die Wirkung ließ auch nicht nach, als er später Kochsalzlösung verwendete.

Es ist unwahrscheinlich, dass Ärzte demnächst mit Zuwendung „angereicherte“ Placebos verabreichen werden. Aber wer hätte gedacht, dass der Mechanismus, der hinter einer schlichten Umarmung steckt, so kompliziert sein könnte?

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2 Kommentare

Kurt Dvorak on 21 April 2010 ,09:30

schon im neuen testament lesen wir von wunderheilungen, die jesus vollbracht hat. seine worte dabei waren: DEIN GLAUBE HAT DICH GEHEILT. wir alle besitzen selbstheilungskräfte, die nur genützt werden wollen, die aber dann einsetzen, wenn wir glauben etwas wirkungsvolles gegen eine krankheit gefunden zu haben.

Jürgen Rehdorf on 20 April 2010 ,19:21

Ich glaube, das es das Sprichwort, der Glaube versetzt Berge nicht von der Hand zu weisen ist. Im frühen Mittelalter hat man zum Beispiel den eigentlichen Schmerz durch einen anders erzeugten Schmerz beseitigt, wenn auch nur für kurze Zeit,aber es hat wohl funktioniert.

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