Die Zukunft des Ackerbaus?
Graues Nieselwetter im Süden der englischen Grafschaft Devon. Im Zoo von Paignton suchen schlaue Tiere Schutz vor dem Regen, doch ein paar Menschen drücken sich an der Plastikwand eines außergewöhnlich luftigen Gewächshauses die Nase platt.
Vor Erstaunen steht ihnen der Mund offen, aber ihre Augen trügen sie nicht: Die 11 000 Pflanzen im Innern bewegen sich tatsächlich! In dem Treibhaus kreisen auf acht Ebenen große, flache Schalen mit Rucola, Spinat, Mangold, Pok Choi, Chicorée und Kräutern umeinander. In regelmäßigen Abständen hält jede Pflanzenschale an einer computergesteuerten Versorgungsstation an, wo durch einen Trichter nährstoff- und sauerstoffreiches Wasser zugefügt wird. Anschließend gleiten die Pflanzen wie auf der Fertigungsstraße einer Autofabrik weiter.
Europas erstes vertikales Gewächshaus sieht zwar futuristisch aus, doch schon bald könnte der Anblick ähnlicher Konstruktionen in ganz Großbritannien zur Normalität werden.
„Indem wir auf einer Fläche, die nur halb so groß ist wie ein Tennisplatz, in die Höhe bauen und dabei die Temperatur kontrollieren, ernten wir dieselbe Menge wie sonst auf einem Feld von 12 000 Quadratmetern“, sagt Kevin Frediani, im Zoo zuständig für die Pflanzen und Grünanlagen. „Wir verbrauchen übrigens auch nur 5 Prozent der üblichen Wassermenge – und das Wasser ist wiederaufbereitet.“
Im Jahr 2050 werden Landwirte weltweit vor dem Problem stehen, drei Milliarden Menschen zusätzlich ernähren zu müssen. All diese Menschen müssen trinken, wodurch der Landwirtschaft 18 Prozent weniger Wasser zur Verfügung stehen werden. Das Wachstum der Weltbevölkerung hat seit dem Jahr 1970 die pro Person zur Verfügung stehende Anbaufläche um fast die Hälfte auf nur mehr 1000 Quadratmeter reduziert.
„Der Anbau auf Äckern und Feldern hat ausgedient“, sagt Professor Dr. Dickson Despommier, der am Institut für Umweltschutz und Gesundheit an der Columbia-Universität im US-Bundesstaat New York die Möglichkeiten der vertikalen Landwirtschaft erforscht. Frediani und er glauben, dass die neue Anbaumethode eine Schlüsselrolle für unseren Planeten spielen wird. Kevin Frediani, 43, schloss sich im August 2008 dem Projekt an. Im Zoo fand gerade das alljährliche Green Solutions Festival statt, bei dem sich alles um Umweltthemen drehte. Das Unternehmen Valcent Products aus Kanada stellte das Modell eines vertikalen Anbausystems für Blattpflanzen mit dem Namen VertiCrop vor. In der texanischen Stadt El Paso betreibt das Unternehmen bereits ein Pilotprojekt, mit dem es Algen für die Biokraftstoffproduktion erzeugt.
Frediani brauchte sich das System gar nicht zu Ende erklären zu lassen, so überzeugt war er: Der Zoo würde es einführen. Ihm war klar, dass diese Anbaumethode nicht nur die Zootiere mit nährstoffreichen Pflanzen versorgen würde, auch die Bedeutung für die Versorgung von Menschen mit frischen Agrarprodukten lag auf der Hand – nicht zu vergessen die verringerten Transportkosten und den reduzierten CO2-Ausstoß.
„Ist man der Mehrheit einen Schritt voraus, gilt man als Genie. Sind es zwei Schritte, wird man für verrückt erklärt“, lächelt Gartenbaufachmann Frediani. „Aber ich wollte beweisen, dass es eine neue Möglichkeit gibt, die Menschheit zu ernähren.“
Von seiner Begeisterung ließ sich auch der Zoodirektor anstecken, und so wurde im September 2009 auf dem Gelände eines ehemaligen Elefantengeheges für rund 32 000 Euro das Gebäude mit einer Grundfläche von 140 Quadratmeter errichtet. Die Pflanzen-zuchtanlage im Wert von etwa 57 000 Euro stellte Valcent zur Verfügung.
Obwohl die Anlage komplett automatisiert zu sein scheint, ist doch auch der Mensch gefordert. Stecklinge setzen und Gemüse ernten geschieht mit Gartengeräten und -scheren, und ein Gabelstapler hebt die Pflanzenschalen hoch und holt sie herunter.
Das Projekt ist auch wirtschaftlich gesehen ein großer Erfolg. Weil die Anlage überdacht ist, gibt es keine witterungsbedingten Ernteausfälle, und es sind keine Herbizide oder Pestizide nötig. Sämtliche Pflanzenfresser des Zoos werden mittlerweile so versorgt, und die Futterkosten konnten um 10 Prozent reduziert werden. Die Verantwortlichen hoffen, bald schon bis zu 25 Prozent einsparen zu können – ohne Qualitätsverlust.
Frediani ist überzeugt: „Krankenhäuser, Schulen, Bürogebäude und Supermärkte, sie alle könnten vertikale Gewächshäuser betreiben, in denen vom Samen bis zur Ernte die frischesten Produkte gleich an Ort und Stelle gezüchtet würden. Das wäre nicht nur billiger, es würde auch lange Transportwege überflüssig machen, vor Ort Arbeitsplätze schaffen und mehr Verbrauchern Zugang zu einer gesunden Ernährung bieten. So wären gesundheitliche Beschwerden wie Diabetes Typ 2 und Übergewicht besser beherrschbar.“
Heruntergekommenen Stadtteilen könnte durch die Umwandlung von alten Lagerhäusern oder Fabriken in Vertikalfarmen neues Leben eingehaucht werden, wobei solarenergiegespeiste LED-Beleuchtung das direkte Sonnenlicht ersetzen würde.
Erstaunlich, aber wahr: Die Verwirklichung dieser Vision ist heute schon zum Greifen nah. Das Paignton-Projekt hat bereits eine Vielzahl von Unternehmensvertretern angelockt, und Valcent steht in Verhandlungen mit einem der führenden Supermarktzulieferer für Fertigsalat. Derzeit lässt der britische Salatverarbeiter seine Produkte noch per Lkw aus Spanien importieren, erwägt aber den Bau eines großen vertikalen Treibhauses in Südengland. Sogar aus Australien, Singapur, Indien und Hongkong haben Besucher schon den Weg nach Paignton gefunden.
Die Firma Sky Vegetables im kalifornischen Berkeley plant, Pflanzen hydroponisch (ohne Erde) in Gewächshäusern auf den Dächern von Lebensmittelgeschäften anzubauen, was bis zu 80 Prozent der Kosten für Erzeugung, Verpackung und Vertrieb einsparen würde. Und Professor Dr. Despommier sucht Geldgeber für den Bau einer knapp 14 Millionen Euro teuren, 33-stöckigen Vertikalfarm mitten in New York, die 50 000 Menschen ernähren könnte.
Die Fachartikel, die Frediani in mehreren Fachzeitschriften veröffentlicht und beim Weltkongress der Botanischen Gärten in Dublin vorgetragen hat, veranlassten über 500 Schüler und Studenten zu einem Besuch in Paignton. Ihre Begeisterung für das Projekt lässt vermuten, dass die Nachwuchsgeneration tatsächlich bereit ist, dieser neuen Anbaumethode eine Chance zu geben.
„Sie sind zutiefst beeindruckt und begeistert, wenn sie das Steuerungsprogramm für die Nährstoffzufuhr sehen und begreifen, wie viele Pflanzen auf einer solch kleinen Fläche angebaut werden können“, sagt er.
„Derzeit gibt es in England keine Universität, an der hydroponische Anbautechniken studiert werden können“, bedauert Frediani. „Aber in Malaysia kann man sich anschauen, wie Leute ihr frisches Gemüse mit hydroponischen Methoden auf Fensterbrettern und Dächern anbauen.“
„Die vertikale Landwirtschaft und andere hydroponische Agrartechniken vermögen vielleicht den herkömmlichen Ackerbau noch nicht vollständig zu ersetzen“, so Frediani. „Dennoch bleibt uns gar nichts anderes übrig, als der landwirtschaftlichen Monokultur zugunsten eines integrativeren Ansatzes, bei dem die Anbauflächen effizienter genutzt werden, den Rücken zu kehren. Bislang zählte der Gartenbau nicht wirklich zu den attraktivsten Berufen – aber das könnte sich jetzt ändern.“
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2 Kommentare |
| wintgen on 28 August 2011 ,08:47 Find ich eine gute bzw. hervorragende Art um die Weltbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber auch tierische Produkte müssen her, denn nur mit pflanzlicher Nahrung ist es nicht allein getan. |
| Schwarz Helmut on 19 August 2011 ,15:23 Ein Lichtblick, weiter so! |
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