Neulich war wieder so ein Tag. „Ich konnte mit niemandem reden.“ Simone öffnet die Tür zum Hasenstall, hockt sich auf den Boden ins Stroh, ihr Lieblingslangohr Rambo mustert sie aus sicherer Entfernung. Neulich war es anders. Da sei Rambo gleich zu ihr hergekommen. Obwohl sie sich fröhlich gegeben hätte. Menschen könne man etwas vormachen, meint Simone, die jede freie Minute hier auf der Jugendfarm in München-Aubing verbringt. Tieren nicht. Die hätten einfach viel feinere Antennen.
Tanja, Simones Schwester, ist anderweitig beschäftigt. Die Wollschweine Weißpfötchen und Schwarzpfötchen brauchen neues Stroh. Und Lulu, das trächtige chinesische Hängebauchschwein, eine Bauchmassage. „Ich bin die Farmälteste“, sagt sie, die allein füttern, führen, ausmisten darf. Tanja, die mit ihrer Kinderstimme und dem Liebmädchen-Lächeln längst nicht wie eine 17-Jährige wirkt, darf sich wenigstens in Gegenwart der Vierbeiner mal wie eine Große fühlen. Die 16-jährige Simone, die mit den roten, fransigen Haaren und den burschikosen Gesten, fühlt sich nach den Plaudereien mit Rambo zwar nicht sorgenfrei, aber verstanden.
Pflegevater Herbert Grillenbeck ist stolz auf seine Mädchen. Dass aus den Kindern „solche Persönlichkeiten“ geworden sind, kommt ihm manchmal unwirklich vor. Diese Mädchen, die vor elf Jahren gebissen, gekratzt und gespuckt hätten. „Wir haben alles versucht, vergeblich. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir entschieden, mit Tanja und Simone die Jugendfarm zu besuchen“, erzählt der 52-Jährige.
Dort lernen die Mädchen den Umgang mit Tieren, sie zu füttern und zu putzen – Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Simone und Tanja nehmen auch an einer Reittherapie teil, die die Farm anbietet. Als Tanja ein Pferd über den Reitplatz führt, sehen Charlotte und Herbert Grillenbeck erste Erfolge. „Tausendmal hatten wir Tanja ermahnt, sie solle die Füße heben beim Laufen. Jetzt klappte es auf einmal. Denn wenn sie beim Gehen die Füße hinter sich herzog, fing auch das Pferd an zu schlurfen“, sagt Herbert Grillenbeck. Doch der Spiegeleffekt sei nicht alles gewesen, sagt Pflegemutter Charlotte Grillenbeck. „Da ging eine unbeschreibliche Wärme von diesem Tier aus. Sofort wusste ich: Diese Wärme ist es, die die Wunden der Mädchen heilen kann.“
Wie vernachlässigt Kinder sein können, davon hat die 43-jährige gelernte Hauswirtschafterin lange keine Vorstellung. Bis sie diese Familie sieht, vor zwölfeinhalb Jahren, im Supermarkt. Zwei Kinder sitzen im Einkaufswagen, drei weitere gehen neben dem Wagen her. Charlotte Grillenbeck erinnert sich heute noch an verfilzte Haare, fleckige Kleider, leere Blicke. Und die Worte ihres Gatten, der den Vater der Kinder offensichtlich von früher kennt: „Dem ist die Frau gestorben. Ist einfach auf der Autobahn in einen Wagen gerannt.“ Die alkoholabhängige Frau hatte den Freitod gesucht.
Eine schicksalhafte Begegnung, findet Charlotte Grillenbeck. „Tage- und nächtelang hat mich die Szene nicht losgelassen.“ Fast zwei Jahre später sei dann dieser Anruf gekommen, vom Jugendamt. „Wir haben da einen Witwer mit fünf Kindern, der völlig überfordert ist“, heißt es. Drei der Kinder seien bereits untergebracht, für die Jüngsten würde noch ein Platz zur Tagespflege gesucht. Charlotte Grillenbeck, die seit Jahren Kinder berufstätiger Mütter bei sich aufnimmt und nachmittags noch Kapazitäten frei hat, notiert die Namen. „Das sind die beiden, die wir damals gesehen haben“, weiß ihr Mann sofort.
Es ist ein Freitag, als die Kinder für ein Kennenlernen durch die Wohnungstür der Familie stürmen. „Habt ihr Hunger?“, fragt Charlotte Grillenbeck. Und ob. Tanja und Simone greifen mit den bloßen Händen in den Spaghettitopf. Schlingen gierig alles herunter.
Die Entscheidung fällt nach dem Treffen sehr schnell. Die Grillenbecks übernehmen die Teilzeitpflege der vier- und fünfjährigen Mädchen. Tagsüber sind sie von nun an bei den Grillenbecks, abends und am Wochenende bei ihrem Vater. „Sie haben mich Mama genannt“, erzählt Charlotte Grillenbeck mit dieser für sie typischen Warmherzigkeit im Unterton. „Klammerten sich bei mir am Hosenbein fest. Fragten: Dürfen wir bei dir schlafen?“
Den Söhnen der Grillenbecks, dem damals elfjährigen Andreas und dem 13-jährigen Maximilian, ist das alles suspekt. „Das sind mein Papa und meine Mama, für euch sind es Charlotte und Herbert“, stellt der Ältere klar. Trotzdem sind die Buben damit einverstanden, dass die beiden Mädchen in Zukunft auch weiter nach dem Kindergarten kommen. „Was dieser Entschluss konkret bedeutete, war uns damals selbst nicht klar“, sagt Charlotte Grillenbeck.
Die Mädchen haben nie richtig gelernt, eine Toilette zu benutzen – setzen sich zum Pinkeln einfach hin. Kein Tag, an dem nicht irgendetwas kaputtgeht. Mal kracht ein Bett. Dann ist ein Schrank zerkratzt. „Es brauchte seine Zeit, bis ich begriff, dass bei diesen Kindern wirklich alles anders ist“, sagt Charlotte Grillenbeck. Sie übt mit den Mädchen das Zählen, erklärt die Farben. Bringt ihnen das Spielen bei. Tanja und Simone wissen nicht, wie man eine Puppe hält. Dass man Puppen sprechen lassen, ihnen eine Umgebung bauen kann. Charlotte Grillenbeck nimmt einen Kochtopf, stülpt ein Tuch drüber – „ein Puppentisch“.
Nach wenigen Wochen dann die ersten kleinen Fortschritte. Keine erstaunten Blicke mehr, wenn die Tagesmutter Wäsche wäscht, Hemden bügelt, die Spülmaschine ausräumt. Stattdessender Versuch mitzuhelfen. Auch zu erleben, wie sich das anfühlt: Ordnung. Gemütlichkeit. Die Grillenbecks, die in einem Mehrfamilienhaus leben, lieben bayerische Gemütlichkeit: Viel Holz, Blumen am Fenster, Kissen auf der Eckbank zieren ihre Wohnung. „Bei euch duftet es immer so“, sagt Tanja. Umso enttäuschender, wenn am anderen Tag wieder verfilzte, stinkende Kinder in der Tür stehen, obwohl man sie doch gestern erst gebadet und neu eingekleidet hat.
Wieso tut ihr euch das an?“, fragen Bekannte. Die Grillenbecks fragen sich etwas anderes: Was wird diesen Mädchen angetan, wenn wir nicht dabei sind? Bald gibt es eine Ahnung. „Können Sie die Mädchen auch samstags betreuen, in deren Wohnung?“, fragt eine Frau vom Jugendamt. Was Charlotte Grillenbeck dort vorfindet, übertrifft ihre schlimmsten Vorstellungen. Berge von verschimmelter Wäsche. Hunde, die überall hin pinkeln. Tote Mäuse. Charlotte Grillenbeck putzt und wäscht. Das ganze Wochenende lang. Entsetzt über den Zustand der Wohnung, verfassen die Grillenbecks ein Schreiben an das Jugendamt und bitten um Hilfe für die Familie. Der Sachbearbeiter handelt sofort: Der Witwer und die Kinder bekommen tagsüber eine Haushaltshilfe. Aber unter der Woche, abends? Wenn die Kinder mit dem Vater alleine sind?
Charlotte Grillenbeck sitzt beim Abendbrot, denkt laut nach: In der eigenen Wohnung gibt es nur zwei Kinderzimmer, für jeden Sohn eines. Den Gedanken, die beiden damals knapp fünf- und sechsjährigen Mädchen zu adoptieren, schieben die Grillenbecks schnell zur Seite. Aus dem Gefühl heraus, den Jungs das nicht antun zu können. Zu dem Entschluss, aus der Tages- eine Vollzeitpflege zu machen, gab es aber spätestens nach dem Anruf vom Jugendamt keine Alternative. „Die Mädchen kommen noch heute ins Heim“, informiert eine Dame. In der Wohnung seien zweideutige Fotos von Simone und Tanja gefunden worden.
„Kommt nicht in Frage“, hört Charlotte Grillenbeck sich sagen. Ihr Mann ist einverstanden, den Teilzeitpflegevertrag mit sofortiger Wirkung in einen Vertrag über Vollzeitpflege umzuwandeln. Da passiert es. Maximilian steht auf, geht in sein Zimmer. Wortlos trägt er sein Bettzeug in das seines Bruders. Eine Szene, die das Ehepaar bis heute bewegt.
Auf einmal müssen unzählige Entscheidungen getroffen werden. Mit vier Kindern und Gepäck in einem Auto an die Ostsee? Unmöglich. Kurzerhand wird für den anstehenden Urlaub ein zweites Fahrzeug organisiert.
Es folgen drei unbeschwerte Wochen. Obwohl die Mädchen inzwischen wissen, dass dem Vater das Sorgerecht entzogen worden ist, die Geschwister im Heim sind. „Bei euch ist’s eh viel cooler“, sagt Tanja. Überhaupt lösen sich viele Bedenken der Grillenbecks in Luft auf. „Was für wohlerzogene Kinder“, bemerken ältere Pensionsgäste. „Und wie schön sie miteinander spielen.“ Tatsächlich. Wie junge Hunde toben die Jungs und Mädchen zusammen durch die Dünen. Eifersucht? Kommt bei den Jungs kein einziges Mal auf. Eher Beschützerinstinkt. „Lass meine Schwester in Ruhe“, geht Maximilian dazwischen, als ein fremder Junge Tanja am Strand unter den Rock greift. Das ist der Moment, in dem Charlotte Grillenbeck merkt: „Auch unsere Söhne haben die Mädchen ins Herz geschlossen.“
Erst nach dem Urlaub kommen sie, die Situationen, in denen Tanja und Simone von der Vergangenheit eingeholt werden. Etwa, als eine entfernte Verwandte der Grillenbecks stirbt. Obwohl Tanja sie gar nicht gekannt hat, bricht sie bei der Beerdigung regelrecht zusammen. „Ein Durchleben der Trauer um die eigene Mutter“, glaubt Charlotte Grillenbeck. Für Simone ist der Papa plötzlich ein „total Lieber“, „einer, der das alles nicht so gewollt hat“. Außenstehende wundern sich: Die müssen doch froh sein. Endlich klare Verhältnisse. Kinderseelen aber funktionieren anders. „Charlotte und Herbert haben sich nie wirklich negativ über meinen Vater geäußert“, sagt Simone. „Und das war gut so.“ Stattdessen hat Charlotte ihr dieses Kissen gegeben. Einen symbolischen Papa. An dem man all seine Gefühle auslassen konnte. Indem man mit ihm kuschelte. Oder es gegen die Wand knallte.
Seine Frau sei in dieser Zeit über sich hinausgewachsen, findet Herbert Grillenbeck. Vor allem, als Simone beginnt, die verstorbene Mutter zu idealisieren: sie, die Hübsche, Schlanke. „Das hat mich verletzt“, gibt die Pflegemutter zu. Ein schwacher Trost, die Erklärung einer Therapeutin: Tote hätten nun mal kein Korrektiv.
Nicht nur die Grillenbecks, auch Tanja und Simone bekommen viele Jahre und bis heute professionelle Unterstützung. Ergo-, Mal-, Sprachund Spieltherapie sollen helfen bei der Konfrontation mit der Realität. Da sind die Geschwister von Tanja und Simone, die auf Briefe und Anrufe nie reagieren. Da gibt es Besuche bei ihnen im Heim, „bei denen wir wie Luft für die waren“, wie Tanja sagt.
Den Vater sehen die Mädchen in all den Jahren nur zweimal. Einmal fährt er im Auto an ihnen vorbei, einmal steht er am Bahnhof, sagt aber kein Wort, sondern dreht sich um und geht. Eine Phase, in der Simone ziemlich oft das Papa-Kissen verhaut. Doch dann kommt dieser Brief: Er wolle nun wieder öfter Kontakt. „Ein Hoffnungsschimmer“, sagt Simone. „Ein Horrorszenario“, sagen die Grillenbecks.
Schon sieht man die Mädchen wieder in Lumpen, auf obszönen Fotos. „Erst muss er beweisen, dass er echtes Interesse hat, durch weitere Briefe zum Beispiel“, beruhigt Tanjas und Simones Vormund, ein älterer, verständnisvoller Herr, der das fehlende Sorgerecht für die Pflegeeltern „mehr zu einer Sache auf dem Papier“ macht. Aber es kommt kein weiterer Brief.
Ausgerechnet in dieser Zeit schreibt eine Tante der Mädchen dem Jugendamt einen Brief. Die Grillenbecks würden dem Vater die Kinder wegnehmen, behauptet sie. Obwohl schon zuvor Versuche fehlgeschlagen sind, mit der Familie der Kinder Kontakt aufzunehmen, bittet Charlotte Grillenbeck das Jugendamt zu vermitteln. Mit Erfolg. Außerdem besitzt die Tante Familienfotos, und tatsächlich schickt sie auf Charlottes Bitten hin einen Umschlag. Ein Foto von Simone als Baby, auf dem Arm der Mutter. Bilder der Geschwister, wie sie zusammen auf einem Sofa sitzen. Simone freut sich über die Bilder, weiß nun endlich, wie ihre Mutter aussieht.
„Die Fotos sind mir egal“, sagt Simone heute. „Meine alte Familie existiert für mich nicht mehr“, behauptet Tanja. „Purer Selbstschutz“, weiß die Pflegemutter. Eure Eltern haben euch gewollt, erst später ist es so schlimm geworden, lautet ihre Botschaft an die Mädchen. Erst, wenn die eigene Vergangenheit weder rosarot gezeichnet noch komplett verdrängt würde, könnten Menschen wie Tanja und Simone sich selbst annehmen. Gäbe es eine Chance für sie, erwachsen zu werden. Simone will Schauspielerin werden, Tanja träumt von einem Job als Tierpflegerin. „Zukunftsmusik“, sagen die Grillenbecks. Aber man habe jetzt schon weit mehr hingekriegt als von vielen prophezeit. Die Mädchen sind nicht auf eine Förderschule gekommen. Tanja hat den Hauptschulabschluss geschafft, geht inzwischen auf die Hauswirtschaftsschule.
Noch wichtiger ist aber das über die Jahre gewachsene Vertrauen. Das die Mädchen inzwischen sogar in Worte fassen können.
Wie im Sommer 2006, als das „Zehnjährige“ gefeiert wurde. 15 Leute waren gekommen, der inzwischen ausgezogene Sohn Maximilian, Tanten, Schwager. Charlotte Grillenbeck hatte Schweinebraten und Semmelknödel gekocht. Da stand Simone auf, klopfte mit der Gabel ans Glas und sagte: „Danke, dass ihr uns aufgenommen habt, so, wie wir damals waren. Und danke, dass ihr uns dahin gebracht habt, wo wir heute sind.“