Gesundheit

Autor: Lisa Bendall

Jahre voller Schmerzen

Chris spielte Hockey und Golf, er fuhr Ski und trainierte in To­ronto die Mannschaft seiner Kinder. 2008 erkrankte der 38-Jährige an einem Virus.

© iStockphoto.com / SARINYAPINNGAM

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Es dauerte den ganzen Sommer, bis Chris genesen war. Zurück blieben extreme Kopfschmerzen. Sie traten auf, sobald er aufstand oder sich im Bett aufsetzte. Nur flaches Liegen schaffte Erleichterung, vor allem wenn der Kopf tiefer gelagert war als der übrige Körper. Sobald er sich nach unten beugte, spürte er qualvolle Schmerzen. Selbst ein Jubelschrei bei einer Sportveranstaltung verschlimmerte die Schmerzen. Deshalb schickte ihn sein Hausarzt zu einem Neurologen. Der diagnostizierte Migräne und verschrieb Medikamente, die jedoch nicht halfen. Chris, der als Jugendlicher ab und zu Migräne-Anfälle gehabt hatte, wusste, dass sich Migräne anders anfühlt. Computer-Tomografie- und Magnetresonanzaufnahmen (MRT) des Gehirns zeigten, dass kein Tumor vorlag. Auch ein weiterer Neurologe fand keine Ursache.

Besuch bei der Kopfschmerz-Spezialistin

Dann erzählte ihm ein Freund von Dr. Christine Lay, einer Neurologin am Women’s College Hospital, die auf Kopfschmerzen spezialisiert war. Die Wartezeit betrug allerdings 15 Monate. „Kopfschmerzen sind weltweit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit, doch es gibt nur eine Handvoll Ärzte, die diese Patienten behandeln“, erklärt Dr. Lay. Chris’ Leben hatte sich komplett verändert. Er konnte zwar arbeiten, musste aber dabei die meiste Zeit des Tages flach liegen. Anfang 2010 hatte Chris endlich einen Termin bei Dr. Lay. Sie kam zu dem Schluss, dass Chris an Niederdruck-Kopfschmerzen litt, die durch Verlust von Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) entstehen. Als Folge sackt das Gehirn ab und zieht an der Hirnhaut, was zu den heftigen Schmerzen führt.

Dr. Lay ordnete ein auf Blutgefäße spezialisiertes MRT an. Darauf erkannte sie kein Loch, durch das Flüssigkeit abfloss, aber geschwollene Venen. Diese sind ein Anzeichen dafür, dass der Körper versucht, mehr Blut ins Gehirn zu pumpen, um den Liquorverlust auszugleichen. Nun gab es zwar eine Erklärung für Chris’ Kopfschmerzen, doch noch keine für den Flüssigkeitsverlust. Dr. Lay und Dr. Richard Farb, ein auf Liquorverlust spezialisierter Neuroradiologe, versuchten, mit Myelogrammen (Röntgenaufnahmen des Rückenmarks mit Kontrastmitteln), das Leck zu lokalisieren – vergeblich. Doch Dr. Lay gab nicht auf und schlug Chris zunächst Behandlungsmethoden wie Meditation, Akupunktur und Medikamente vor, die bei anderen Schmerzpatienten mitunter helfen. 2014 wurde Chris dann in Los Angeles operiert. Der Chirurg verkleinerte den das Rückenmark umgebenden Duralsack, sodass der Liquor vermehrt zum Gehirn gedrückt wurde. Der Eingriff linderte die Symptome zwei Jahre lang.

Endlich Gewissheit: das ist die Ursache

Dr. Farb hatte Chris nach Los Angeles begleitet und beobachtet, wie das Team Myelogramme an Patienten nicht nur in Rücken-, sondern auch in Bauchlage vornahm. So konnte sich das Kontrastmittel in verschiedene Richtungen ausbreiten. Als Chris’ extreme Kopfschmerzen zurückkehrten, hatte Dr. Farb das Verfahren weiterentwickelt und führte Myelogramme auch in Seitenlage durch. Im März 2018 glaubte Dr. Farb auf Chris’ letzter Aufnahme ein winziges Loch zu erkennen. Daraufhin bestellte er Chris erneut ein. „Ich werde nie vergessen, wie er sagte: ‚Da ist es!‘“, erzählt Chris.

In der rechten Spinalkanalseite in der Mitte seines Rückens war ein kleines Loch, auch Liquorfistel genannt. Von dort gelangte Liquor durch eine nicht normal verlaufende Vene in den Kreislauf und verursachte die starken Kopfschmerzen. Im Mai desselben Jahres ließ Chris das Loch operativ schließen. Anfangs hatte er noch Kopfschmerzen, weil der Liquordruck zu hoch war. Sein Körper hatte zwölf Jahre lang zu viel Liquor produziert. Durch die Einnahme von Diuretika verschwanden die Schmerzen schließlich. Heute erkennt man Liquorfisteln bei 90 Prozent der Patienten. Chris ist dankbar, dass seine Geschichte positiv ausging. „Wegen der Schmerzen war ich lange kein guter Ehemann und kein guter Vater, heute bin ich das wieder“, sagt er.

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