Gesundheit

Autor: Reader's Digest

Schmerz – die körpereigene Alarmanlage

Schmerz ist eine der unangenehmsten Körperempfindungen. Aber er hat eine lebenswichtige Funktion, denn er warnt und schützt den Organismus vor drohenden Schäden.

© iStockphoto.com / lebanmax

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Schmerz hat viele Gesichter. Er kann schneidend, klopfend, stechend oder auch drückend, dumpf, lähmend und nervtötend sein. Er kann ganz plötzlich auftreten, oder periodisch wiederkehren. So viele Ursachen es für den Schmerz gibt, so viele verschiedene Schmerzempfindungen gibt es. Doch in welcher Form dieses unangenehme Körpergefühl auch immer auftritt, es erfüllt in der Regel für den Organismus eine zentrale Funktion: Der Schmerz ist ein Warnsystem, das Alarmsignale aussendet, wenn mit dem Körper etwas nicht stimmt – er ist also lebenswichtig für uns. Ob man sich am Bügeleisen verbrennt, beim Fußball einen Tritt gegen das Schienbein erhält, sich beim Kartoffelschälen in den Finger schneidet oder sich an Brennnesseln unangenehme Hautrötungen holt: All diese Einwirkungen auf unseren Körper lösen einen mehr oder weniger starken Schmerz aus.

Doch nicht alle thermischen, mechanischen und chemischen Reize verursachen die gleichen Schmerzen, denn das Schmerzempfinden arbeitet selektiv und leitet nur stärkere Erregungen weiter, sonst würden die meisten Menschen fast ständig wie im Veitstanz herumspringen. Die Reizaufnahme erfolgt über winzige Empfänger, die sogenannten Schmerzrezeptoren oder Nozizeptoren (vom lateinischen Wort noxa für Schaden). Etwa 3 Mio. dieser freien Nervenenden sind in unterschiedlicher Dichte über unseren Körper verteilt, der größte Teil sitzt in der Haut, der Rest in Muskeln, Bändern, Knochen und Organen. Sie werden durch Hitze, Druck, Dehnung oder Verletzungen direkt aktiviert.

Doch auch chemische Stoffe, die im Körper gebildet werden, können die Nozizeptoren erregen und ihre Empfindlichkeit erhöhen. So werden bei Schädigungen des Gewebes oder Entzündungen Prostaglandine und Histamin freigesetzt. Die Stoffe Bradykinin und Serotonin gehören ebenfalls zu diesen Substanzen, die Schmerzempfänger sensibilisieren und stimulieren. Der Einfluss dieser Schmerzmediatoren führt z. B. dazu, dass bei Sonnenbrand schon ein kratzendes Hemd erhebliche Schmerzen verursachen kann. Und damit wird aus dem Schmerzsignal auch ein Erziehungssignal: Vermeide unbedingt den nächsten Sonnenbrand! Manchmal schmerzt es an Körperstellen, die selbst gar nicht der Auslöser dieser Empfindung sind. Vor allem Rückenschmerzen im Lendenbereich werden mitunter durch Erkrankungen der inneren Organe hervorgerufen. Diese liegen oftmals in der Nähe der Wirbelsäule, Schmerzen strahlen dann bis zum Rücken aus.

Langsame und schnelle Leitung

Es gibt zwei Arten von Schmerznerven, die sich in ihrer Dicke und Reizleitungsgeschwindigkeit unterscheiden. Die stärkeren Fasern leiten Schmerzsignale schneller und lösen einen hellen starken Schmerz aus, der sich gut lokalisieren lässt. In ihnen springt der Schmerzimpuls immer wieder von einer Nervenzelle (Neuron) zur nächsten. Das geht zwar unerhört schnell, denn ein akutes Schmerzsignal springt mit 11 m/s von Neuron zu Neuron, erreicht aber das Gehirn erst Millisekunden nach einer Verletzung. Bis dahin hat der Körper meist schon reflexartig auf eine Gefahr reagiert. Dieser Schmerz lässt bei wiederholter Stimulation nach und klingt auch relativ rasch wieder ab, wenn der Reiz aufhört. Dumpfer Schmerz, wie er z. B. von einem vereiterten Zahn ausgeht, wird dagegen durch dünnere marklose Nervenfasern übertragen. Er hat eine Geschwindigkeit von nur etwa 1 m/s und ist viel schwieriger zu lokalisieren. Das Bewusstsein registriert das Signal erst 1/2 Sekunde nach seinem Aufbruch. Dolorologen, also Schmerzforscher, unterscheiden deshalb zwischen diesen beiden Schmerzarten.

Schmerz oder kein Schmerz?

Ob ein Schmerz wichtig genug ist, um ans Gehirn weitergeleitet zu werden, entscheidet eine Schaltstation im Rückenmarksbereich. Ist er zu schwach, verhindert diese Schmerzschleuse, dass die Signale weiterwandern. Sind sie hingegen stark genug, dann wird der Weg zum Thalamus im Zwischenhirn freigegeben. Auch im Gehirn ist nicht nur eine Stelle für den Empfang der Signale zuständig. Offenbar arbeiten mehrere Hirnteile zusammen, um die Schmerzen zu registrieren – und zu entscheiden, was dagegen getan werden muss. Erst wenn die Signale im Großhirn ankommen, bemerkt ein Mensch den Schmerz. In manchen Fällen regt das Gehirn zunächst die Produktion von Endorphinen an. Das sind morphiumähnliche Stoffe, mit denen der Körper versucht, sich erst einmal selbst zu betäuben, um nötige Gegenmaßnahmen, z. B. die Flucht, zu ergreifen. Bei Gebärenden hat man eine sehr hohe Endorphinproduktion festgestellt – ein Beweis dafür, dass Geburtswehen ganz oben auf der Schmerzskala stehen.

Lebensgefahr: Schmerzlosigkeit

Es gibt auch Menschen, die ein verringertes Schmerzempfinden haben. Bei ihnen sind gefäßverengende Substanzen wie Adrenalin dafür verantwortlich, dass nicht alle Informationen zum Gehirn durchkommen. Menschen, bei denen die Schmerzempfindlichkeit fast aufgehoben ist, leiden meist an kongenitaler Analgesie, einer seltenen angeborenen Schmerzunempfindlichkeit. Eine solche Störung ist lebensgefährlich, denn da die Betroffenen keine Schmerzen fühlen, merken sie nicht, wenn mit ihrem Körper etwas nicht stimmt. Früher wurden Schmerzen in Dol (von lat. dolor = Schmerz) gemessen. An der untersten Stufe stand der Schmerz, wie er etwa bei einer leichten Schürfwunde entsteht. An der Spitze der Skala standen mit 10 Dol Geburtswehen und Nierenkoliken. Von so pauschalen Bewertungen ist man inzwischen jedoch abgekommen. Denn es hat sich herausgestellt, dass Schmerz ganz individuell empfunden wird. Wie stark jemand Schmerzen verspürt, hängt u. a. von Alter und Gesundheit ab sowie von der seelischen Verfassung. Außerdem scheinen kräftige, untersetzte Typen mit athletischem Körperbau für Schmerzen weniger empfindlich zu sein als schlanke, schmale, sogenannte leptosome Typen.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Im Lauf der Jahrtausende hat sich das Verhältnis zum Schmerz geändert. Im Altertum galt es als mutig, ihn klaglos zu ertragen. Auch heute gibt es zwischen den einzelnen Kulturkreisen noch recht unterschiedliche Reaktionen auf den Schmerz, denn seine Intensität hängt u. a. davon ab, wie er erlebt und seelisch verarbeitet wird. So erleiden z. B. Indianer qualvolle Mutproben und Initiationsriten, ohne mit der Wimper zu zucken. Ebenso scheinen Asiaten Schmerzen besser ertragen zu können als Angehörige westlicher Kulturkreise. Im Fernen Osten leiden auch viel weniger Menschen an chronischen Schmerzen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt: Angst und Sorge verstärken Schmerzen, vor allem dann, wenn man die Ursachen nicht kennt. „Schmerz entsteht im Kopf“, behaupten deshalb einige Schmerzforscher. Starke Gefühle hingegen und die Gelassenheit, wie sie ein Fakir an den Tag legt, können Schmerzen vermindern. Denn wer sich darauf einstellt, empfindet Schmerzen weniger stark als jemand, der sich von vornherein davor fürchtet. Und auch wenn man all seine Kräfte begeistert auf ein Vorhaben lenkt, beispielsweise in einem sportlichen Wettkampf, ist man oft zu beschäftigt, um sich von Schmerzgefühlen von seinem Ziel ablenken zu lassen.

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