Körper und Psyche

Autor: Jack Denton Scott

Innere Kraft aus schönen Erinnerungen schöpfen

Was unser Gedächtnis gespeichert hat, kann uns Beschwernisse der Gegenwart erleichtern.
Eine Person hält ein Foto in der rechten Hand. Darauf ist eder Rücken einer Frau zusehen, die einen Hut und einen Rucksack trägt und durch eine Straße in einer Statd geht.

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©iStockphoto.com / FilippoBacci

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Wir wohnten in einer wunderschönen, einsamen Gegend. Das Haus war von Wäldern umgeben und die große Wiese davor ein bevorzugter Treffpunkt für allerlei Tiere, von Rotwild bis zu Jungfüchsen. Aber nach 17 Jahren wurde plötzlich unser Mietvertrag nicht mehr verlängert, und wir mussten umziehen.

Wir glaubten unser Leben lang trauern zu müssen. Aber eines Tages fragte mich meine Frau: „Erinnerst du dich noch, wie ein Reh auf unserer Wiese zwei Kitze zur Welt brachte?“ Und ich fragte zurück: „Erinnerst du dich noch an die Stinktiere, die im Mondlicht tanzten?“ Ganz ohne Absicht war unsere Wiese der Erinnerungen erblüht. Wir erfreuten uns an längst vergangenen Szenen, und uns wurde klar, wie glücklich wir uns schätzen mussten, all das erlebt zu haben. Es war der beste Weg, uns über unseren Verlust hinwegzuhelfen. Wir fanden Ciceros Wort bestätigt, dass die Erinnerung die Schatztruhe und der Wächter aller Dinge sei.

Die Wiesen, die in dem erstaunlichen Speicher namens Gedächtnis entstehen, können uns sogar helfen, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden. Meine Frau und ich übernahmen eine Technik, mit der man Unannehmlichkeiten überbrückt, von einem Freund. Er griff, um seine Dialyse zweimal wöchentlich erträglicher zu machen, auf seine Erinnerungen zurück. Der Arzt hatte ihm geraten: „Machen Sie eine Gedankenpause. Das ist wie eine Kaffeepause; sie entspannt und beruhigt.“ So schloss unser Freund die Augen, während er an die künstliche Niere angeschlossen war, und spazierte in feinem Frühlingsregen durch die Straßen von Paris. Noch einmal entdeckte er voll Freude ein schönes antikes Stück, über dessen Wert sich der Inhaber des Geschäfts nicht im Klaren war. Noch einmal hörte er die Oper Aida, deren Musik ihn aus dem Krankenhauszimmer hinwegtrug.

Wie das Gedächtnis arbeitet oder wo genau im Gehirn die Erinnerungen aufbewahrt werden, ist noch nicht geklärt.  Ganz gleich, wie geheimnisvoll das Gedächtnis sein mag, jedermann weiß, dass es keine Maschine ist, die nur optische Eindrücke registriert. Es schließt Gerüche, Gehörtes – sogar Geschmack und Berührung mit ein.

Wissen Sie noch, wie sich die erste Kaulquappe anfühlte, die Sie aus einem Teich holten? „Wie lebendiges Gelee“, sagte mein jüngerer Bruder. Und welche Erinnerungen kann die Nase aus den Gerüchen von gebrannten Mandeln, brennendem Herbstlaub oder Sägemehl in der Zirkusmanege beschwören!

Das Gedächtnis bewahrt längst vergangene Freuden, und die meisten Forscher stimmen darin überein, dass wir uns eher an gute als an schlechte Ereignisse erinnern. Als Irina Skariatina nach der Russischen Revolution politische Gefangene in Petersburg war, „entfloh“ sie häufig, indem sie die

Augen schloß und an eine frühere Reise nach Neapel dachte. „Im Geist“, erzählte sie später, „sah ich nach und nach Straßen und Schaufensterauslagen, Schilder, Gesichter, kleine Straßenszenen. Und die Stadt war nicht unbeweglich wie auf einem Foto, sondern sie lebte, war voller Farben, Bewegung und Geräusche. Je mehr ich mich konzentrierte, desto deutlicher wurden die Bilder, bis meine tristen Stunden von Vergnügen erfüllt waren.“

Erinnerungen können uns aus der Hektik des Supermarktzeitalters befreien und uns zurückversetzen in die Wohlgerüche von einst. Der Pariser Küchenchef Georges Masraff meint: „Wenn die Menschen Kummer haben, sehnen sie sich nach den Speisen ihrer Kindheit. Ihre Lieblingsgerichte erinnem sie an die Arme der Mutter, die sie beschützt hat.“ Das trifft ganz sicher auf meine Frau zu. Wenn sie pasta e fagioli (Nudeln und grüne Bohnen) zubereitet, eine kräftige Suppe nach dem Rezept ihrer Mutter, sitzt sie wieder am elterlichen Tisch auf dem Land, und die Erinnerung an die fröhliche Zeit ihrer Jugend vertreibt die düsteren Stimmungen, die uns alle hin und wieder heimsuchen. 

Die Erinnerung kann auch durch alte Filme geschärft werden. Der frühere Redakteur Loudon Wainwright sah sich zu Hause einen Film aus seiner Kindheit an, der ihn dick vermummt beim Schlittschuhlaufen zeigte. Und plötzlich spürte er wieder die tiefe Liebe seines Vaters. „Das Kind stürzte, die Kamera schlingerte, weil der Vater ihm zu Hilfe kommen wollte, beruhigte sich aber, als der Junge lächelnd aufstand. Die Kamera ging dichter heran für eine Nahaufnahme, bewegte sich zurück in die Totale und zeigte das Kind, wie es ungeschickt Kreise zog. Noch Jahrzehnte später überwältigte mich die Zärtlichkeit des Mannes hinter der Kamera.“

Mein Freund Richard hat ebenfalls lebendige Erinnerungen an seinen Vater, vor allem während der Weihnachtszeit. Als Richard acht Jahre alt war, lagen wegen der Weltwirtschaftskrise von 1929 auf dem Gabentisch nur ein Apfel, Orangen und etwas Schokolade. Er erging sich damals in Selbstmitleid. Am nächsten Morgen sagte sein Vater, im Garten sei ein Geschenk für ihn. Richard rannte hinaus und sah einen neun Meter hohen Schneeberg, der zu einer Rodelbahn geformt war. Sein Vater hatte den Straßenräumdienst gebeten, einen Teil des seit Tagen fallenden dichten Schnees im Garten aufzuhäufen. Richard weiß noch, wie sehr die anderen Kinder ihn um seinen Schneeberg beneideten. „Sobald es schneit“, sagt er, „überkommt mich jedesmal ein zärtliches Gefühl für meinen Vater.“  

Gemeinsame Erinnerungen in der Familie sind die allerschönsten. „Erinnert ihr euch?“, fängt einer an, und schon fallen alle ein und schöpfen Freude aus der Vergangenheit. Der britische Autor James Barrie fasste den Wert unserer Erinnerungen so zusammen: „Gott gibt uns das Gedächtnis, damit uns im Dezember Rosen blühen.“


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