Sind Sie psychisch gesund?
Psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie körperliches Wohlbefinden.
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Wie geht es Ihnen? Damit meine ich nicht Ihre verstopfte Nase oder die Schmerzen in Ihren Knien. Im Augenblick passiert so viel auf der Welt, dass wir uns oft gestresst, besorgt oder verängstigt fühlen. In Umfragen zu den Sorgen der Menschen nennen die Teilnehmer eine lange Liste von Themen: Sicherheit der Familie, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Identitätsdiebstahl, Geldsorgen, Drogenmissbrauch, Einsamkeit, soziale Medien, Sorge um den Arbeitsplatz, die Auswirkungen neuer Technologien, Politik und politische Polarisierung, Klimakatastrophen, Klimawandel, aktuelle Ereignisse und der Zustand der Welt. Kein Wunder, dass wir uns so viele Sorgen machen!
Das rasante Tempo der Veränderungen in so vielen Bereichen trägt entscheidend zu diesem Problem bei. „Veränderungen verursachen Ängste und können Depressionen auslösen“, erklärt Linda Rosenberg, die einen Master in Sozialer Arbeit hat. Sie hat ihre Tätigkeit an der Psychiatrischen Fakultät der Columbia University, USA, kürzlich aufgegeben, um private und öffentliche Unternehmen zu beraten, die in die psychische Gesundheitsversorgung einsteigen. „Auf Instagram schauen junge Leute anderen zu, die angeblich ein tolles Leben führen, was ihre eigenen Ängste noch vergrößert. Oder sie machen sich Sorgen, dass die KI ihnen die Arbeitsplätze wegnimmt. Ältere Menschen sind einsam. Sie leben länger und leiden unter dem Verlust von Freunden und Familienangehörigen“, erläutert Rosenberg. In der Corona-Pandemie gewöhnten sich die Menschen daran, ihr Leben online zu führen, was das Gefühl von sozialer Isolation und Einsamkeit in allen Altersklassen verstärkt hat.
Neujahr steht vor der Tür: ein weiterer Indikator für die allgemeine Stimmungslage. Abnehmen, Sport und gesundes Essen gehörten immer schon zu den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Während die körperliche Gesundheit jahrelang an erster Stelle stand, legen US-Amerikaner heute zunehmend Wert auf innere Werte. Laut der American Psychiatric Association nimmt sich im neuen Jahr sogar jeder Dritte US-Amerikaner vor, sich vorrangig um seine psychische und emotionale Gesundheit zu kümmern: Sie wollen meditieren, mehr Zeit in der Natur verbringen, sich mit spirituellen Dingen beschäftigen, Tagebuch schreiben, eine Auszeit von den sozialen Medien nehmen oder einen Therapeuten oder Psychologen konsultieren.
Der Spruch „Du bist nicht allein“ klingt zwar abgedroschen, ist aber heute aktueller denn je. Dr. Ken Duckworth, Chief Medical Officer der National Alliance on Mental Illness (NAMI), der größten US-amerikanischen Organisation für psychische Gesundheit, erklärt, dass dieser Sinneswandel teilweise in der Pandemie begann, als Stress und Ängste zur Normalität gehörten: „Plötzlich waren wir alle betroffen, die meisten von uns kannten jemanden, der in dieser Zeit Schwierigkeiten hatte, mit der Situation klarzukommen. Und mehr Menschen waren bereit, darüber zu reden.“ Als sich Stress und Ängste auf den Alltag und das Wohlbefinden auswirkten, wurde es gesellschaftlich mehr akzeptiert, bei psychischen Problemen Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Angststörungen und Depressionen gehören derzeit zu den größten psychischen Problemen in den USA: Etwa jeder vierte US-Amerikaner – rund 60 Millionen Menschen – hatte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr mindestens eine psychische Störung. Die Zahlen sind so hoch, dass die USA mitten in einer psychischen Gesundheitskrise stecken, stellt die US-Gesundheitsbehörde fest. „Die psychischen Erkrankungen und der Drogenmissbrauch nehmen zu. Ja, wir stecken in einer psychischen Gesundheitskrise“, warnt Dr. Marketa Wills, CEO und medizinische Leiterin der American Psychiatric Association. „Und der Anteil der von Angststörungen und Depressionen betroffenen jungen Menschen steigt steil an.
Die Krise hat sich langsam entwickelt
Es stimmt, dass einige Veränderungen mit der Pandemie begannen. Viele aktuelle psychische Gesundheitsprobleme in den USA konnten bereits vor Corona beobachtet werden. „Während der Pandemie traten Depressionen und Angststörungen in der ganzen Bevölkerung gehäuft auf. Aber schon vorher warnten viele Stimmen vor einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit“, berichtet Madeline Reinert, Direktorin des Ressorts Bevölkerungsgesundheit bei Mental Health America, einer US-amerikanischen gemeinnützigen Organisation, die sich Menschen widmet, die an seelischen Krankheiten leiden. „Die Pandemie hat die Entwicklung nur beschleunigt und die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht.“
Tatsächlich gab es während der Pandemie Verbesserungen in bestimmten Bereichen der mentalen Gesundheit. Das mag zwar widersinnig erscheinen, doch Experten erklären, dass Menschen in Krisenzeiten – wie Kriegen, Naturkatastrophen oder Pandemien – häufig damit beschäftigt sind, den Alltag zu meistern und zu überleben. Beispielsweise sind die Selbstmordraten während der COVID-19-Pandemie leicht gesunken.
Mittlerweile haben die meisten Gesundheitsindikatoren jedoch wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. „In den letzten zehn Jahren sind Depressionen und Angststörungen bei US-amerikanischen Erwachsenen und Jugendlichen um ca. 60 Prozent gestiegen“, so Dr. Wills. Selbstmord und Drogen-Überdosis gehören in den USA nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen. „Es ist nur natürlich, dass Ihnen die aktuelle Weltlage Sorge bereitet. Doch wenn Stress und Ängste Ihren Alltag bestimmen und Sie sich unwohl fühlen, suchen Sie sich bitte Hilfe“, empfiehlt Dr. Wills. „Ihre psychische Gesundheit ist wichtig.“
In guter Gesellschaft
„Das Positive an der Pandemie war für mich, dass sich die allgemeine Einstellung zur psychischen Gesundheit grundlegend gewandelt hat“, erklärt Dr. Duckworth. „Corona hat in Millionen von Haushalten dafür gesorgt, dass über psychische Gesundheit und Suchtprobleme gesprochen wurde.“ Dr. Wills fügt hinzu: „Mit dem Thema wird jetzt viel offener und transparenter umgegangen als noch vor der Pandemie. Immer mehr Menschen suchen nun Hilfe, wenn sie ein psychisches Problem haben - weitaus mehr als noch vor fünf oder zehn Jahren.“
Auch die Popkultur und Menschen des öffentlichen Lebens üben einen großen Einfluss aus. „Wenn Prominente öffentlich über ihre eigenen Erfahrungen und ihre Genesung sprechen, hat das eine enorme Wirkung“, verrät Rosenberg. Der britische Prinz Harry, die Turnerin Simone Biles, die Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez und viele andere haben genau das getan.
Andrea Paquette, eine junge Frau, die sich Bipolar Babe nennt, ist Vorsitzende und Mitgründerin der Stigma-Free Mental Health Society, die sich für eine stigmafreie Gesellschaft einsetzt. Sie hat ihre Geschichte auf mehr als 850 Veranstaltungen, in Schulen und Unternehmen erzählt und damit Tausende Menschen erreicht, die ebenfalls an einer psychischen Erkrankung leiden. Diese Offenheit trägt zu der Erkenntnis bei, dass psychische Erkrankungen jeden treffen können. Die Entstigmatisierung ermöglicht es den Betroffenen nicht nur, ihre Scham zu überwinden, sondern ermutigt sie auch, sich Hilfe zu suchen und bestärkt Regierungen, Arbeitgeber und Gemeinden darin, diese Hilfe anzubieten. Nach einer aktuellen gemeinsamen Studie des US-amerikanischen Marktforschungs- und Analyseunternehmens Harris Poll und der American Psychiatric Association sind fast neun von zehn Erwachsenen in den USA der Meinung, dass niemand sich für eine psychische Störung schämen muss. Das heißt jedoch nicht, dass psychische Erkrankungen nicht mehr stigmatisiert werden. Mehr als ein Drittel der Befragten gaben zu, psychisch erkrankte Menschen mit anderen Augen zu betrachten. Es gibt also noch viel zu tun.
„Psychische Erkrankungen unterscheiden sich von anderen Krankheiten, weil sie hinter geschlossenen Türen behandelt werden “, erklärt Rosenberg. „Wenn jemand körperlich krank ist, bringen Besucher Süßes zur Aufmunterung mit. Bei psychisch Kranken tut man das nicht. Es wurde nicht darüber gesprochen.“ Jetzt fängt man zumindest damit an.
Schwere psychische Erkrankungen
Auch wenn Angststörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch die Statistiken anführen und die meiste öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, verschwinden weniger häufige psychische Erkrankungen wie bipolare Störungen oder Schizophrenie nicht einfach. Vielleicht finden sie weniger Beachtung, weil es keinen direkten Zusammenhang mit externen Faktoren wie Pandemien oder politischer Polarisierung gibt.
Da beide Erkrankungen schwerwiegender und auch seltener sind, hat ihre Stigmatisierung möglicherweise nicht so stark nachgelassen wie die von Angststörungen und Depressionen. Wissenschaftler und Therapeuten betonen, dass neue Methoden zur frühzeitigen Erkennung dieser schweren psychischen Störungen Priorität haben, ebenso wie die Bereitstellung wirksamer Behandlungsmethoden oder die Aufklärung der Öffentlichkeit.
Verschiebung der Prioritäten
Derzeit sind nur rund 50 Prozent aller US-Amerikaner mit einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Das hat verschiedene Gründe: „Weniger als die Hälfte aller Bezirke in den USA hat nur einen Psychiater“, sagt Reinert. „Viele dieser Gebiete sind ländliche Regionen. Landesweit kommen auf jeden Psychiater 340 Menschen, das heißt, viele Betroffene müssten sehr weit fahren, um sich behandeln zu lassen, was nicht immer machbar ist.“
Auch Geld spielt eine große Rolle: Jeder vierte Erwachsene, der häufig unter psychischen Problemen leidet, kann sich aufgrund der Kosten keinen Arztbesuch leisten. Viele Maßnahmen in diesem Bereich zielen darauf ab, diese Ungleichheiten bei Zugang und Bezahlbarkeit abzubauen.
Eine Möglichkeit, den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung zu erleichtern, bestünde darin, dass Hausärzte und andere Gesundheitsdienstleister diese Leistungen in Zusammenarbeit mit Experten für psychische Gesundheit erbringen. „Bei einer solchen gemeinschaftlichen Versorgung würden sich Hausärzte mit Fachleuten für psychische Gesundheit beraten und könnten ihren Patienten eine psychische Betreuung anbieten“, erklärt Dr. Wills. Wenn Sie also mit Halsschmerzen zu Ihrem Hausarzt gehen, könnte er Ihnen auch helfen, Ihre Ängste zu bewältigen. „Tatsächlich werden die meisten leichten bis mittelschweren psychischen Probleme heute bereits von Hausärzten behandelt“, fügt sie hinzu.
Experten für psychische Gesundheit arbeiten auch daran, die Frage nach psychischen Störungen beim jährlichen Gesundheitscheck einzubauen und neben körperlichen Symptomen auch Angaben zu Stimmung und Gefühlen abzufragen. „Wenn Sie routinemäßig zu Ihrer psychischen Gesundheit befragt werden, ist es nicht so unangenehm, ein Problem anzusprechen“, sagt Reinert.
Eine weitere große Veränderung bei der psychischen Gesundheitsversorgung hängt mit neuen Technologien und künstlicher Intelligenz (KI) zusammen. Während der Pandemie haben sich viele Menschen an eine psychische Betreuung per Telemedizin gewöhnt, und dieser Trend hält an: Immer mehr Menschen nutzen psychologische Online-Beratungen.
Zahlreiche webbasierte Unternehmen unterstützen Betroffene dabei, passende Online-Therapeuten zu finden. Dies sorgt für einen besseren Zugang zu Angeboten insbesondere in ländlichen und medizinisch unterversorgten Gebieten. Einige dieser Unternehmen bieten zudem sogenannte KI-Begleiter an, mit denen Menschen reden können, und nutzen KI-Tools, um große Datenmengen zu sammeln mit dem Ziel, Diagnose und Versorgung zu verbessern. Bei einer aktuellen Studie der Dartmouth University, USA, setzten die Ärzte einen Therapie-Chatbot ein, mit dem Ergebnis, dass die Beschwerden der Probanden erheblich gelindert wurden.
Auch wenn die neuen Technologien sehr vielversprechend sind, mahnen einige Experten zur Vorsicht: „Die Branche hat noch keinen Rechtsrahmen, und der Datenschutz ist oberstes Gebot“, betont Dr. Duckworth. „Wir sind offen für die neuen Technologien, und vielleicht werden sie einige Bedürfnisse abdecken können. Aber es muss Schutzmaßnahmen und Richtlinien geben.“
Dr. Wills fügt hinzu: „Die Technologien werden in Zukunft ganz sicher eine wichtige Rolle bei der Behandlung psychischer Erkrankungen spielen - von der Diagnose über die Behandlung bis hin zu Forschung und Qualitätsverbesserung. Aber ich glaube nicht, dass die KI die menschliche Interaktion ersetzen wird. Die menschliche Verbindung ist einfach zu wichtig.“
Nicht alles ist positiv
Leider werden einige positive Entwicklungen in diesem Bereich durch neue Herausforderungen und Hindernisse für die Behandlung zunichte gemacht. Gewinnorientierte Krankenhäuser legen den Schwerpunkt weniger auf psychische Gesundheitsversorgung, weil sie nicht so lukrativ ist wie andere medizinische Behandlungen: „Herz- und Wirbelsäulenchirurgie oder Onkologie bringen viel Geld ein“, erklärt Rosenberg. „Mit der Behandlung von psychischen Störungen lässt sich nur wenig verdienen.“ Und anhaltende Tabus in Bezug auf psychische Gesundheit sowie die hohen Kosten und fehlender Versicherungsschutz machen eine Therapie für viele Menschen nach wie vor unerschwinglich.
Am besorgniserregendsten, so die für diesen Artikel befragten Experten, sind jedoch die Kürzungen der Mittel für das National Institute of Mental Health und das Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid. Medicaid finanziert derzeit etwa 25 Prozent der gesamten psychischen Gesundheitsversorgung in den USA. „Die Kürzungen betreffen rund 15 Millionen Menschen, und die psychische Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten ist bereits jetzt in einer Krise“, warnt Dr. Duckworth. „Die Kürzungen bei Medicaid und der Abbau der ländlichen Infrastruktur werden im Laufe der Zeit zu einer schleichenden Krise in der psychischen Gesundheitsversorgung führen.“
Wenn Sie Hilfe brauchen
Wenn Stress und Sorgen in Ihrem Leben überhandnehmen oder Sie andere beunruhigende psychische Symptome haben, stehen Ihnen viele Hilfsangebote zur Verfügung, unabhängig davon, wo Sie leben oder wie Ihre persönlichen Umstände sind.
Fragen Sie Familienangehörige, Freunde und Nachbarn um Rat. „Oft kommen die besten Informationen von Menschen, die Sie kennen“, weiß Rosenberg. Sie können Ihnen vielleicht neue Perspektiven eröffnen oder auf Hilfsangebote hinweisen, von denen Sie noch nichts wussten.
Wenden Sie sich an Ihren Hausarzt. Für die meisten Angststörungen oder bei leichten bis mittelschweren Depressionen müssen Sie keinen Psychiater konsultieren. Benötigen Sie eine Überweisung, kann Ihr Hausarzt Ihnen helfen, den richtigen Therapeuten zu finden.
Große Unternehmen verfügen häufig über Programme für psychische Gesundheit. Fragen Sie in Ihrer Personalabteilung nach.
Prüfen Sie Ihre Krankenversicherungsleistungen und fragen Sie nach Empfehlungen für eine Behandlung. Einige Krankenkasse übernehmen die Kosten für eine Therapie oder andere Behandlungen. Manche Therapeuten und Kliniken bieten auch gestaffelte Preise an, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Scheuen Sie sich nicht nachzufragen.
Informieren Sie sich über Programme zur psychischen Gesundheitsfürsorge in Ihrer Region. Viele davon sind für die Einwohner kostenlos. Egal, in welcher Verfassung Sie sind, es gibt Hilfe. Sie müssen nur den ersten Schritt tun.
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