Menschen

Autor: Annette Lübbers

"Das ist nicht okay!"

Ein Mann belästigt im Zug eine Frau. Jaqueline Simdorn schreitet ein.

Jaqueline Simdorn

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©Jonas Ginter

Eine schöne Urlaubswoche liegt hinter Jaqueline Simdorn. Die 19-Jährige aus Oldenburg war mit ihrer Tante im Berliner Umland campen. Jetzt fährt die angehende Zweiradmechatronikerin im IC von Berlin zurück Richtung Heimat und hört Musik. Da fällt ihr ein Mann auf: Sie schätzt ihn auf etwa 40 Jahre. Er hat kurze Haare, trägt Jeans und T-Shirt und verhält sich eigenartig. Schon mehrfach ist er durch den Wagen gegangen. Jedes Mal beugt er sich kurz in die Sitzreihen und schaut den Reisenden ins Gesicht. Irgendwie prüfend.

„Sucht der vielleicht jemanden?“, fragt sich Simdorn. „Aber wieso kommt er dann immer wieder hier vorbei?“ Eine Reihe vor Simdorn hat eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren auf der anderen Seite des Ganges Platz genommen. Ihr Gesicht ist dem Fenster zugewandt. Ihre Tasche hält sie auf dem Schoß. Der Platz neben ihr ist frei. Ganz ruhig sitzt die Frau da. Schläft sie? Da taucht der seltsame Mitreisende wieder auf. Er beugt sich zu der schwarzhaarigen Reisenden hinunter und tippt ihr leicht auf die Schulter. Dabei murmelt er etwas. Simdorn kann die Worte nicht verstehen, aber sie sieht, wie die Angesprochene zusammenzuckt.

„Darf ich Ihr Tattoo sehen?“, fragt der Mann jetzt laut auf Englisch. Die Frau trägt ein kurzes Sommerkleid, das im Sitzen etwas höher gerutscht ist. Unter dem Saum ist der Ansatz eines Tattoos zu erkennen. „Ja“, sagt die Frau. Auf Simdorn wirkt sie erschrocken und verunsichert. Der Mann legt seine linke Hand auf den Oberschenkel der Frau und schiebt den Saum des Kleides hoch.

Ruckartig zieht die Reisende die Tasche an ihre Brust und drückt ihre Knie aneinander. Der Mann lässt seine Hand in Richtung Schritt der Frau wandern. Kurz richtet er sich auf, öffnet seine Hose, schiebt seine rechte Hand hinein, beugt sich erneut zu seinem Opfer hinunter. Jaqueline Simdorn hat genug gesehen. Sie steht auf. „Möchten Sie das? Ist das okay für Sie?“, fragt sie die Bedrängte mit lauter Stimme. „Nein“, antwortet diese und bricht in Tränen aus. Simdorn streckt einen Arm aus und greift an ihr vorbei nach dem Griff des Vordersitzes. Nur so kann sie den Mann von der Frau trennen – ohne ihn anfassen zu müssen.

„Es ist alles okay. Wir reden nur“, sagt der Mann, erneut auf Englisch. „Gar nichts ist okay. Die Frau will das nicht!“, erklärt Simdorn schroff. Der Mann nimmt die Hand aus der Hose, schiebt sich an der Auszubildenden vorbei und geht seelenruhig zum Ausgang des Wagens. „Ich hole einen Schaffner“, sagt die Helferin zu der weinenden Frau. Nur einige Waggons weiter findet sie einen Bahnmitarbeiter. Simdorn schildert ihm die Situation. „Gehen wir“, sagt er. Unterwegs schließt sich ihnen eine Schaffnerin an.

Die drei müssen nicht lange suchen: In einem Durchgang steht der 40-Jährige und unterhält sich mit einem anderen Reisenden, als wäre nichts gewesen. Die beiden scheinen sich zu kennen. Auf sein Verhalten angesprochen, erklärt der Mann erneut: „Wir haben nur geredet.“  

Der Schaffner schickt die 19-Jährige zurück an ihren Platz. Sie setzt sich zu der Frau, die noch immer weint und erfährt, dass diese aus Indonesien stammt. „Ich habe geschlafen und mich sehr erschreckt, als der Mann mich angefasst hat“, erzählt sie auf Deutsch. „Sie müssen den Mann anzeigen“, erklärt Simdorn.  

Wenig später hält der Zug im Bahnhof Stendal. Simdorn tritt hinaus auf den Bahnsteig. Dort warten bereits vier Polizisten. Ein Schaffner bringt den Mann, der nichts getan haben will. Weiterhin behauptet er, er spreche nur Englisch. Die Aus­zubildende erzählt, was sie beobachtet hat. Der Mann fällt ihr ins Wort, mehrmals. Bis ihn eine Polizistin anherrscht: „Es ist mir völlig egal, welche Sprache Sie sprechen. Sie sind jetzt einfach mal ruhig.“

Der Mann wird abgeführt, Simdorn steigt zurück in den Zug. Die junge Indonesierin will keine Anzeige erstatten. Simdorn insistiert: „Aber das müssen Sie. Der Mann darf mit diesem Verhalten nicht davonkommen.“ Schließlich willigt die Frau ein. Einer der Polizeibeamten steigt zu und nimmt Simdorns Daten und ihre Aussage auf. Geduldig erklärt er der jungen Indonesierin das Anzeigeverfahren. Bestärkt von Simdorn erstattet sie Anzeige.

Längst sind andere Reisende aufmerksam geworden. Einige wollen die Tat jetzt auch beobachtet haben. Eine Frau entschuldigt sich: „Ich habe geschlafen und leider gar nichts mitbekommen. Das tut mir leid.“ 20 Minuten später rollt der Zug wieder an. „Gut gemacht“, ruft ein Passagier, als Simdorn in Hannover nach ihrem Gepäck greift. Hier muss sie umsteigen. Auch die junge Indonesierin verlässt den Zug. Auf dem Bahnsteig bedankt sie sich noch mal bei Simdorn. Auch die Bundespolizei spricht der 19-Jährigen wenig später eine Anerkennung für ihren Einsatz aus und ehrt sie mit einer Urkunde.

An jenem Tag fällt Simdorn erst, als sie alleine ist, auf, dass es nur dem Zufall zu verdanken ist, dass sie in der Nähe war, als die andere Frau Hilfe benötigte. „Eigentlich hatte ich in jenem Abteil gar nicht reserviert. Aber in meinem Waggon fiel an diesem heißen Tag die Klimaanlage aus“, erzählt sie. „Und da musste ich mir einen neuen Platz suchen.“

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