Menschen

Autor: Emma Taubenfeld und Paul Robert

Die Band der 4 Paul O'Sullivans

Vier Namensvettern, eine Band. Die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft.

Die Band der 4 Paul O'Sullivans

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©istockfoto.com / ipopba

Eines Abends im Jahr 2014 saß Paul O’Sullivan in seiner Wohnung in Baltimore, USA, und langweilte sich. Wie viele andere Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, loggte er sich bei Facebook ein. „Ob es hier noch viele andere gibt, die genauso heißen wie ich?“, fragte er sich. Sekunden später füllte eine Liste mit Dutzenden Paul O’Sullivans aus aller Welt seinen Bildschirm. Aus einer Laune heraus schickte der 27-Jährige allen anderen Männern mit demselben Namen Freundschaftsanfragen.

Viele ignorierten die Anfrage, aber einige wurden neugierig, zum Beispiel Paul O’Sullivan aus Rotterdam. „Mein erster Gedanke war: ‚Was ist das für ein Typ und was will der von mir?‘“, sagte er später. „Ich dachte eine Weile darüber nach.“ Schließlich nahm er die ungewöhnliche Freundschaftsanfrage an. Als Baltimore-Paul sich die Profile der Paul O’Sullivans ansah, die seine Einladung angenommen hatten, fiel ihm auf, dass er mit dreien etwas gemeinsam hatte: Sie waren alle Musiker, entweder beruflich oder hobbymäßig. Paul aus Rotterdam war Sänger und Gitarrist, Paul aus Manchester spielte Bass und Paul aus Pennsylvania Schlagzeug. Vier Männer mit demselben Namen, die alle gern Musik machten? Baltimore-Paul kam eine Idee. Wäre es nicht lustig, wenn sie eine Band gründen würden?, fragte er die anderen drei Pauls. Alle fanden die Idee gut, und so entstand „The Paul O’Sullivan Band“. 

Online Musik einspielen – eine ganz neue Erfahrung

Natürlich war es nicht einfach, eine Band zu gründen, deren Mitglieder in verschiedenen Zeitzonen lebten. „Wir wollten versuchen, einen Song zu schreiben, aber es war unmöglich, live über das Internet zu spielen“, erzählt Baltimore-Paul. Schon eine Verzögerung der Übertragung um eine halbe Sekunde führt zur Kakophonie. Zum Glück wusste Manchester-Paul, 59, ein ehemaliger Profimusiker, Abhilfe. „Ich habe viel im Studio gearbeitet, auch bei einigen Online-Sessions“, sagt er. „So ungewöhnlich ist das nicht. Selbst Stevie Wonder hat auf diese Weise gearbeitet.“ Baltimore-Paul ist derjenige mit den musikalischen Ideen“, sagt Rotterdam-Paul, 54, der in einer psychiatrischen Klinik arbeitet. „Ich habe schon früher Lieder geschrieben, also helfe ich beim Text.“ Baltimore- und Rotterdam-Paul nehmen dann eine einfache Version mit Gitarre und Gesang auf, senden die Aufnahme per E-Mail an Manchester-Paul, der nicht nur Bassgitarre spielt, sondern auch Gitarre, einige Blasinstrumente und Kontrabass.

„Ich höre mir den Song ein paar Tage lang an, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welches Bass-Arrangement am besten passt“, sagt er. Nachdem er die Bass-Spur aufgenommen hat, mailt er sie zurück an Baltimore-Paul, der die Aufnahme in den Song einbaut. Später ergänzt Pennsylvania-Paul noch das Schlagzeug. Die Aufnahmen durchlaufen diesen Kreislauf wieder und wieder und jedes Mitglied feilt an seinem Beitrag, bis alle mit dem Ergebnis zufrieden sind. 

Erster Song: Namesake

Die Paul O’Sullivan Band veröffentlichte im März 2016 ihren ersten eigenen Song, Namesake (Namensvetter), ein temporeicher Poprock-Song über Fernbeziehungen – nicht die der romantischen Art, sondern der Freundschaften wie ihre. Wenige Monate nach der Veröffentlichung bekam Baltimore-Paul gesundheitliche Probleme, die ihn zwangen, eine Zeitlang mit dem Musikmachen auszusetzen. Auch die anderen Pauls beschlossen, eine Pause einzulegen. Ihre Freundschaft legten sie jedoch nicht auf Eis. Anstatt sich gegenseitig beim Musikaufnehmen zu unterstützen, halfen sie einander nun anders. So achteten sie darauf, dass sich Baltimore-Paul nicht allein fühlte. Sie teilten Familienbilder und chatteten online miteinander. „Obwohl wir uns nie persönlich getroffen hatten, entwickelte sich eine Freundschaft“, sagt Manchester-Paul. „Ich glaube nicht, dass wir uns noch näher sein könnten.“ Dem stimmt Rotterdam-Paul zu: „Über Gruppenchats auf Facebook Messenger und Instagram teilen wir unser Leben miteinander. Wenn es bei dem einen mal nicht so gut läuft, dann muntern die anderen ihn auf.“

„Die Pauls sind sanfte, herzensgute und fürsorgliche Menschen“, erklärt Pennsylvania-Paul, 58. „Sie sind ein Quell der Freude.“ Selbst der Altersunterschied – Baltimore-Paul ist zwei Jahrzehnte jünger als die anderen – spielt keine Rolle. „Anfangs hatten wir nur den Namen gemeinsam. Aber dann kam die Freundschaft ins Spiel“, sagt Manchester-Paul. „Musiker hängen gern zusammen herum und das Alter ist dabei nicht wichtig. Bei meiner Arbeit spiele ich mit 30-Jährigen, aber auch mit Leuten, die über 60 sind.“ Nach vier Jahren Pause ging es Baltimore-Paul endlich so gut, dass er wieder Musik machen konnte. Als Erstes produzierte die Band ein Video für Namesake. Es erschien im Februar 2020 auf YouTube und wurde allein in den ersten beiden Wochen nach Erscheinen mehr als 20.000-mal angesehen. Mittlerweile ist die Zahl auf mehr als 50.000 angestiegen. 

Und dann kam die Corona-Pandemie

Nur wenige Wochen nach Erscheinen des Videos begann die Corona-Pandemie, die Welt auszubremsen. Aber die Pauls störte das nicht, schließlich war die Band mittlerweile sehr gut im Zusammenarbeiten aus der Ferne. Ihr Vernetztsein nahm nun allerdings ganz neue Bedeutung an. „Man fühlt sich weniger gefangen, wenn man ein Lied mit jemandem schreibt, der auf der anderen Seite des Ozeans sitzt“, sagt Baltimore-Paul. Die Band nutzte die Pandemie dafür, ihr erstes Album aufzunehmen. Internet Famous: A Retrospective erschien im April 2021. Die Hälfte der Erlöse stellen die vier Musiker der Stiftung „Covid-19 Solidarity Response Fund“ zur Verfügung. Diese unterstützt die Weltgesundheitsorganisation bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.

In dieser Zeit entdeckten die Medien die Band. Die Mitglieder wurden live in US-amerikanischen TV-Sendungen zugeschaltet und von angesehenen Medien wie der Washington Post, CBS News sowie Forbes interviewt. Dabei ging es meist weniger um die Musik, als vielmehr um die ungewöhnliche Art, wie sich die Pauls kennengelernt hatten. Einige Medien schrieben, The Paul O’Sullivan Band sei als Projekt während des Lockdowns begonnen worden, obwohl sich die Bandmitglieder bereits fünf Jahre vor Ausbruch der Pandemie gefunden hatten.

Manchester-Paul genießt die öffentliche Aufmerksamkeit, aber dass man die Band als reine Spielerei hinstellt, ärgert ihn: „Die Musik, die Baltimore-Paul schreibt, ist tatsächlich hervorragend. Es wäre interessant, mehr daraus zu machen.“ Die vier arbeiten inzwischen so viele Jahre zusammen, liebend gern würden sie sich alle mal persönlich gegenübertreten. Bislang ist das nur zwei Pauls vergönnt gewesen. Im Herbst 2020 stattete Baltimore-Paul Pennsylvania-Paul einen Überraschungsbesuch ab (den er vorher mit dessen Verlobter abgestimmt hatte). Erstmals kamen zwei Bandmitglieder zusammen, ohne dass dafür ein Computerbildschirm und eine Internetverbindung erforderlich war. Im Sommer darauf trafen sie sich erneut, und nun hoffen sie, dass auch die anderen beiden Pauls bald dazustoßen können. „Alle Bandmitglieder zu treffen und mit ihnen aufzutreten, das wäre schön“, sagt Rotterdam-Paul. „Wir reden häufig darüber. Ich möchte gern mit meiner Familie Urlaub in den USA machen und die anderen Pauls kennenlernen.“ Bislang haben persönliche Verpflichtungen und die im Rahmen der Pandemie verhängten Einschränkungen die Pläne durchkreuzt.

Manchester-Paul spielt in zwei Profi-Bands und arbeitet bei zahlreichen Studioprojekten mit, aber auch er hätte Lust auf ein Treffen: „Es war bislang eine wunderbare Reise, die bereits seit sieben Jahren andauert. Ich weiß nicht, wohin sie noch gehen wird. Eine Welttournee wäre großartig.“ Genau davon träumt Baltimore-Paul auch: Eine internationale Tournee mit vier Konzerten – eines in jeder ihrer Heimatstädte. Wer hätte das gedacht, dass eine zufällige Anfrage auf Facebook nicht nur zu neuer Musik führt, sondern auch zu dauerhaften Freundschaften, meint Baltimore-Paul. „Wahrscheinlich war es so vorbestimmt.“

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