Menschen

Autor: Sabine Oberpriller

Fast schon ein Wunder

Ein Junge wird leblos aus dem Whirlpool gezogen. Johannes Rolle belebt ihn wieder: das Kind beginnt zu atmen, spricht und bewegt sich ganz normal. 

Fast schon ein Wunder
Johannes Rolle

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©Jonas Ginter

Johannes Rolle hat es bereits vor Wochen bemerkt:  Am Pumpenzulauf des Whirlpools fehlt das Sicherheitsgitter. Im Frühjahr 2020 absolviert der heute 33-Jährige eine Ausbildung zum Seenotretter in Portland an der englischen Südküste. Während der Olympischen Spiele 2012 fanden dort die Segelwettkämpfe statt. Untergebracht sind der Kapitänleutnant und ein Kamerad in einem der damals errichteten Sportler-Wohnkomplexe. Im Keller befinden sich noch der Fitnessbereich mit Trainingsgeräten und Whirlpool. Zuständig für alles ist ein Hausmeister. Den haben Rolle und sein Kamerad mehrmals auf die fehlende Sicherung angesprochen. Ohne Erfolg.

An diesem Samstagabend sucht der Kapitänleutnant den Fitnessbereich auf. Dabei geht er am Whirlpool vorbei, in dem ein Mann mit seinen Söhnen spielt. Rolle schätzt die Kinder auf etwa neun und fünf Jahre. Der Soldat setzt sich ans Rudergerät. Die Mechanik des Apparates produziert laute Geräusche. Dem Soldat fällt trotzdem auf, dass im Nebenraum jemand zu schreien beginnt. „Der Vater wird mit den Kindern schimpfen“, denkt er sich. Das Geschrei hört nicht auf. Er geht nachsehen.

Im Whirlpool steht der Mann und zerrt an etwas unter der Wasseroberfläche. „Help!“, schreit er verzweifelt um Hilfe. Am Beckenrand kauert zitternd und weinend das jüngere Kind. Daneben steht wie erstarrt eine Frau. An ihrer Seite ein Teenager. Der Mann im Pool schreit und zerrt immer weiter. Johannes ist sofort klar, was passiert ist: Der ältere Junge ist in den Pumpenzulauf geraten. Der Kapitänleutnant, selbst Familienvater, ruft der entsetzten Frau zu, dass sie die Rettungskräfte verstän­digen und den Hausmeister suchen soll. Dann springt er in den Whirlpool. Ein Arm des Kindes steckt bis zur Achsel im Pumpenzulauf. Der Junge ist unter Wasser gefangen!

Rolle und der Vater verständigen sich mit wenigen Worten: „Let’s try it this way.“ (Lassen Sie es uns so versuchen.) Beide umfassen den Oberkörper des Jungen, stemmen ihre Füße gegen die Sitzgelegenheiten im Becken. „One, two, three!“ Auf drei ziehen die Männer mit aller Kraft. Aber auch zu zweit schaffen sie es nicht, das Kind zu befreien.

Der Soldat sieht, wie der kleinere Junge losläuft, die Sachen der Familie durchwühlt. Im nächsten Moment steht er mit einem Schnorchel in der Hand vor ihnen. Eine geniale Idee! Doch in diesem Moment spürt Rolle, wie der Körper des Kindes unter seinen Händen erschlafft. Gut fünf Minuten ist es jetzt unter Wasser.  Der Schnorchel kommt zu spät. 

Der Kapitänleutnant verlässt das Becken, läuft los. Irgendwo muss ein Technikraum sein, mit dem Schalter für die Pumpe des Pools. Er findet die richtige Tür. Sie ist abgeschlossen, der Hausmeister nicht in Sicht. Das Gelände ist groß, alles abzulaufen würde zu lange dauern. Rolle eilt zurück. In der Zwischenzeit hat es der Vater doch geschafft seinen Sohn zu befreien und sitzt am Beckenrand, das leblose Kind im Arm.

Der Körper des Jungen ist blau angelaufen. Mindestens acht Minuten ist er ohne Luft gewesen. Heute kann Rolle nicht mehr sagen, ob er die Entscheidung, dennoch wiederzu­beleben, bewusst getroffen hat. „Ich schätze, in solchen Situationen ruft man einfach ab, was man gelernt hat“, sagt er. Wie alle Soldaten der Bundeswehr hat er eine Ausbildung in medizinischer Erstversorgung. 

Rolle legt den Jungen auf den Boden und beginnt mit der Herzdruckmassage. Bei jedem dreißigsten Stoß auf den Brustkorb gibt er dem Vater das Kommando, zu beatmen: „Breathe!“ Ob die Wiederbelebung noch Aussicht auf Erfolg hat, oder nicht – darüber macht er sich keine Gedanken. Auch nicht darüber, ob er zu heftig auf den zarten Körper drückt. Einfach das Blut in Bewegung halten, damit der Arzt später vielleicht noch etwas ausrichten kann. Mit allem, was sie jetzt tun, können sie nur die Chancen verbessern. 

Bei jedem Stoß quillt Wasser aus dem Mund des Kindes. Nach einigen Minuten zucken seine Augenlider, es hustet, beginnt zu atmen. Rolle beendet die Wiederbelebung. Der Junge schlägt die Augen auf, erkennt seinen Vater, spricht mit ihm, kann sich ganz normal bewegen. Er hat offenbar keinen Schaden davongetragen!

Als Notarzt und Sanitäter eintreffen, weint der kleine Bruder so herzzerreißend, dass der Arzt im ersten Moment nicht weiß, welches Kind den Unfall hatte. Während die Rettungskräfte den Älteren für die Fahrt ins Krankenhaus vorbereiten – nur zur Sicherheit – nimmt sich der Kapitänleutnant des Jüngeren an. Er rubbelt ihn trocken, zieht ihn an, fragt nach seinem Namen, wie alt er ist, ob er schon zur Schule geht. Diese Normalität beruhigt den Kleinen.

Dann ist Rolle allein im Apartment. „Ich war aufgekratzt, froh, aber auch überfordert und überwältigt“, erzählt er. „Ich hätte gern abends bei einem Bier geredet, aber mein Kamerad war an dem Tag unterwegs.“ Er fügt hinzu: „Es ist ja auch gut gegangen. Aber ich bin heute noch aufgewühlt, wenn ich davon erzähle.“

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