Ein echter deutscher Urwald
Einst bedeckten Buchenwälder zwei Drittel Europas. Im hessischen Kellerwald hat sich ein Buchenurwald erhalten.
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Die Teilnehmer trauen ihren Augen nicht. Ranger Markus Daume nimmt ein Stück modriges Holz, presst es aus wie einen Schwamm und trinkt die gelbrote Flüssigkeit. „Alles Natur“, sagt er, „kein Problem.“ Totholz ist ein vorzüglicher Wasserspeicher, es kühlt den Wald und bleibt auch noch feucht, wenn sonst bereits alles zu vertrocknen beginnt. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee liegt jede Menge Totholz auf dem Boden. Übereinandergetürmte Buchenstämme, die der Blitz traf, Sturmholz, das der Wind aus dem Boden riss, verwitterte Stämme, die eines natürlichen Todes starben. Hier dürfen Bäume alt und schwach werden und schließlich einknicken. Während Buchen sonst mit 120 Jahren gefällt werden, stehen sie hier schon deutlich länger.
Seit 19 Jahren arbeitet Markus Daume (53) im nordhessischen Nationalpark Kellerwald. Ein Forstwirt, der zum Ranger wurde, ein Waldbewirtschafter, der den Besuchern begeistert erzählt, was passiert, wenn ein Wald nicht mehr gehegt und gepflegt wird: „Hier gibt es alles, was es anderswo nicht mehr gibt.“
Steile Hanglagen bewahrten den Wald vor Abholzung
Den Schwarzspecht zum Beispiel. Mit Vorliebe hämmert er seine Höhlen in dicke alte Buchenstämme. Manchmal so dicht untereinander, dass der Baum wie eine Flöte aussieht. Dann wäre da noch der seltene Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer, ein lilablaues Insekt, das in den Verästelungen alter Bäume wohnt. Steile, unzugängliche Hanglagen haben den Kellerwald einst vor der großflächigen Nutzung bewahrt. Dann war er fürstliches Jagdrevier, schließlich ein Waldschutzgebiet. 2004 wurde er nach langem Hin und Her zum Nationalpark erklärt. Seither dürfen hier keine Bäume mehr gefällt werden.
Erhalten blieb eine Buchenwaldvegetation, wie sie in weiten Teilen Deutschlands längst verschwunden ist. Die Fichte hat den Charakterbaum Mitteleuropas verdrängt, und erst allmählich dämmert es den Forstleuten, welche ökologischen Folgen das hat: vom Borkenkäfer befallene Monokulturen, die großflächig absterben und wie im Harz ein verheerendes Landschaftsbild hinterlassen.
Die Unesco hat die letzten alten Buchenwälder in Europa deshalb zum Welterbe erklärt. Das begann 2007 mit den Karpaten in der Slowakei und in der Ukraine. Vier Jahre später kamen fünf alte Buchenwälder in Deutschland dazu: der Grumsiner Forst in der brandenburgischen Schorfheide, Jasmund auf der Insel Rügen, Serrahn im Nationalpark Müritz, der Hainich in Thüringen sowie der Kellerwald in Hessen.
In Deutschland gibt es eigentlich keinen reinen Urwald mehr. „Also fast nicht mehr“, sagt Ranger Markus Daume. Dann führt er seine Gruppe einen schattigen Hang entlang, über moosweiche Pfade hin zu ein paar verkrüppelten Bäumen inmitten steiler Felsen. Sie sehen definitiv nicht aus wie Buchen, doch ihre Blätter lassen keinen Zweifel: „Fagus sylvatica“, wie die Rotbuche mit ihrem lateinischem Namen heißt, wächst hier nicht mit einem stolzen glatten Stamm, sondern gebückt und knorrig.
Erfolgsrezept: Buchen kommen ohne Sonne aus
Die Bäume sind mit ihren rund 400 Jahren eine absolute Rarität in deutschen Wäldern und haben überlebt, weil die Stellen nie bewirtschaftet wurden. Urwaldrelikte nennt man das, und Markus Daume ist schon ein bisschen stolz, dass sich solche Inseln der Ursprünglichkeit in seinem Kellerwald befinden.
Die Gäste hängen an seinen Lippen. Staunen über das, was er über eine Baumart zu berichten weiß, die sie doch eigentlich zu kennen glaubten, sie ist ein Schattengewächs, das im Dunkel des Waldes zu stattlicher Größe heranreift. „Das war das Erfolgsrezept der Buche“, sagt Daume, „dass sie auch ohne Sonnenlicht nach oben kam.“ Die Sonne schadet ihr vielmehr. Wächst die Buche allein auf einer Wiese, bekommt sie einen Sonnenbrand: Ihre Rinde wird rissig, sie platzt auf, und der Baum trocknet aus.
Vom Mittelmeer breitete sich die Rotbuche einst fast über den gesamten europäischen Kontinent aus, bedeckte zwei Drittel der Landflächen und dominierte wie kein anderer Baum auf der Welt das Erscheinungsbild einer ganzen Waldlandschaft. „Buchonia“ nannten die Römer deshalb auch das Gebiet jenseits des Limes, in rund 1500 deutschen Ortsnamen steckt bis heute das Wort Buche: Bad Buchau in Oberschwaben, Buch am Buchrain in Bayern, selbst Bocholt und Bochum im Ruhrgebiet gehen auf diesen Baum zurück. Ein goldgelbes Dach beginnt sich über den Wanderern im Kellerwald auszubreiten. Ganz allmählich wird aus dem satten Grün ein bräunlicher Herbstton. Es tut gut, die frische Waldluft einzuatmen, den Geräuschen der Natur zu lauschen, die hier sich selbst überlassen ist.
Wildkatze und Uhu sind in Buchenwäldern zu Hause
Die Blicke sind auf den Weg gerichtet: Hatte man im Nationalparkzentrum in Vöhl-Herzhausen nicht das große Bild eines Feuersalamanders gesehen? Wenn es regnet, kommt Lurchi heraus, doch die Amphibie verbirgt sich tagsüber auch gerne unter den feuchten Totholzresten. Alte Buchenwälder sind ein Lebensraum für Tausende von Tieren, nicht wenige von ihnen stehen unter strengem Schutz. Die Wildkatze etwa, die seit Jahren auch wieder durch den Kellerwald schleicht. Der Uhu, dessen Stimme die Nacht im hessischen Mittelgebirgsland erfüllt. Fledermäuse, die in den verborgenen Waldwinkeln ihren Lebensraum finden. Die Hälfte aller Buchen im Kellerwald ist über 130 Jahre alt, auf mehr als 1000 Hektar stehen schlanke Stämme, die seit 170 Jahren und mehr im tonigen Waldboden wurzeln. Ihre Wuchshöhe ist stattlich, auch weil es bisher genug Feuchtigkeit gab. „Wie viel Wasser braucht denn so ein Baum pro Tag?“, fragt ein Besucher aus Brandenburg. „Mehrere Hundert Liter“, entgegnet der Ranger, und im Kopf beginnen nun alle zu rechnen, wie viel es wohl regnen muss, bis alle Bäume richtig gut versorgt sind.
Die Buchenwälder des Nationalparks bedecken die Hügel südlich des Edersees. Die zweitgrößte Talsperre in Deutschland zieht sich wie ein blaues Band durch die Landschaft. Im Sommer verkehren Fährschiffe, in einem Wildpark sieht man einige der Tiere, die eines Tages vielleicht auch hier wieder in freier Natur zu finden sein werden: der Luchs und der Wolf zum Beispiel, die vereinzelt schon in nordhessischen Wäldern gesichtet wurden.
In großer Zahl hingegen gibt es den Rothirsch. Im Herbst hallen seine Brunftschreie durch den dichten Kellerwald. Stück für Stück verwandelt sich der Nationalpark zurück in eine Wildnis. Markus Daume zeigt auf ein paar lichte Stellen, die einst von Fichten bevölkert wurden. Der Sturm Kyrill hat 2007 viele von ihnen entwurzelt und Platz für junge Buchen geschaffen. Die sprießen nun in den Waldinseln, saugen Nährstoffe aus dem Totholz und führen ihr bescheidenes Schattendasein, bis sie schließlich so hoch sind, dass sie selbst ans Licht kommen. Ob künftige Buchen auch noch so groß werden wie die ausgewachsenen Stämme von heute, bezweifelt Markus Daume: „Der Klimawandel! Vielleicht werden die Bäume in Zukunft nicht mehr ganz so hoch, weil nicht genug Wasser im Boden ist.“ Am besten mit der Trockenheit kommen die knorrigen alten Urwaldbuchen zurecht: „Die haben in 400 Jahren so viel mitgemacht, das kann denen nichts mehr anhaben“, sagt der Ranger.
Welterbe: Kellerwald-Edersee
Das Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen in Europa“ umfasst heute 94 Waldgebiete in 18 europäischen Ländern mit einer Gesamtfläche von über 90 000 Hektar. 2007 wurde der Titel erstmals an die Buchenurwälder in den slowakischen und ukrainischen Karpaten vergeben, 2011 kamen fünf deutsche Buchenwälder hinzu. 2017 und 2021 folgten die Buchenwälder in weiteren 15 europäischen Ländern. Rotbuchenwälder gibt es nur in Europa, sie bedeckten einst den Großteil des Kontinents, heute sind in Deutschland noch etwa sieben Prozent der ursprünglichen Buchenwaldflächen übrig.
www.weltnaturerbe-buchenwaelder.de
Tipp
Am nordhessischen Edersee gibt es in Nachbarschaft zum Kellerwald eine Vielzahl von Erlebnismöglichkeiten: einen Wildpark mit Wolf, Luchs und Uhu, ein Buchenhaus samt Ausstellung, eine Wildnisschule, einen Baumkronenweg sowie Fahrgastschiffe, die in der Hauptsaison täglich verkehren.
www.nationalpark-kellerwald-edersee.de






