Spannung

Autor: Eric Raskin

Felssturz beim Wandern: Mann von 300-Kilo-Brocken schwer verletzt

Bei einer Wanderung im Gebirge ereignet sich ein dramatischer Unfall: Ein massiver Fels löst sich und begräbt einen Mann unter sich. Während der Verletzte in einem eiskalten Bach ums Überleben kämpft, organisiert seine Frau Hilfe – und rettet damit sein Leben.

Illustration: Fünf Männer und eine Frau versuchen, einen unter einem Felsen eingeklemmten Mann herauszuziehen

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©Illustration: Frank Stockton

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Kell Morris und Joanna Roop waren seit ein paar Jahren verheiratet. Sie lebten in Kootenai, Idaho, einer kleinen Stadt etwa 60 Meilen von der kanadischen Grenze entfernt. Beide waren früh in Rente gegangen und hatten mit dem Bau von zwei Häusern begonnen, um damit Mieteinnahmen zu erzielen. „Aber wir sind beide zu früh in Rente gegangen“, erzählt Morris. „Unsere Renten wurden von der Inflation aufgezehrt. Das erste Haus war etwa zur Hälfte fertig, dann ging uns das Geld aus.“ Als Joanna, die vor ihrer Pensionierung bei der Alaska State Troopers gearbeitet hatte, eine alte Freundin traf und die ihr erzählte, dass die örtliche Polizeibehörde Personal suchte, zogen Joanna und Kell nach Alaska. Dort fing Joanna bei der Polizei an und Kell fand eine Stelle als Vorarbeiter bei einem Schiffsbauunternehmen. Sobald sie wieder in Rente gehen konnten, wollten sie nach Idaho zurückkehren, um weiter an den Häusern zu arbeiten.

Die beiden waren schon immer gerne gewandert. Am 24. Mai 2025 wollten sie über einen unerschlossenen, abgelegenen Pfad zum Godwin-Gletscher wandern. Sie wollten dem Fourth of July Creek bis zum Godwin Creek folgen, der von Felsbrocken gesäumt ist, die vom Gletscher abgelagert wurden. Sie packten ihre Rucksäcke mit allem, was sie für den Tag brauchten – Snacks, Wasser, trockene Kleidung. Als sie gegen 8 Uhr morgens von zu Hause aufbrachen, lag die Temperatur knapp unter 10 Grad Celsius und sollte laut Vorhersage auf 12 Grad steigen – einer der bisher wärmsten Tage des Jahres in Seward.
Sie wanderten ein paar Kilometer, folgten einigen frischen Elch- und Bärenspuren und machten dann kurz vor 11 Uhr eine Pause, um ein neugeborenes Bergziegenkind und seine Mutter zu beobachten. Als sie weitergingen, wurde der Bach schmaler und die Strömung schneller. Joanna und Kell gingen in verschiedene Richtungen, um eine sichere Stelle zum Überqueren zu finden. Kell wollte nicht unter einigen instabil aussehenden Felsbrocken hindurchgehen, also stieg er den steilen Canyon hinauf, bis er hoch genug war, um über ihnen zu gehen.
Wie er befürchtet hatte, waren die Felsbrocken locker. Kell befand sich direkt über ihnen, als sie den Abhang hinunterrutschten. Auch die kleineren Felsen, auf denen er ging, gaben nach. „Ich habe nichts gesehen“, erinnert er sich. „Ich habe überhaupt keine visuelle Erinnerung daran. Aber das Geräusch wird mich wahrscheinlich für immer begleiten.“ Alles geschah in einem Augenblick. Morris stürzte etwa 6 Meter tief und landete mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Der Felsbrocken, der hinter ihm herunterkam, hätte ihn sicherlich zerquetscht, wenn nicht mehrere andere große Felsen direkt neben ihm gelandet wären und den größten Teil des Aufpralls dieses großen Brocken abgefangen hätten. Er steckte fest und konnte sein linkes Bein nicht bewegen. Kell rief um Hilfe. 

Ein grauenvolles Geräusch

Als Joanna Roop das tiefe Grollen der abstürzenden Felsen hörte, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Das schreckliche Geräusch von Steinen und Felsbrocken, die den Hang hinunterstürzten, kam von genau der Stelle, an der ihr Mann Kell Morris noch eine Minute zuvor gestanden hatte. Sie rannte so schnell sie konnte. „Kell!“, schrie sie. „Kell!“ Sie hörte keine Antwort über das rauschende Wasser hinweg. Joanna war sich fast sicher, dass ihr Mann tot war, begraben unter einem Haufen Felsen. Aber da war er, am Rand des Wassers, mit seinem unverkennbaren braunen Hut und seinem blauen Rucksack. Gott sei Dank. Dann bemerkte Joanna, dass sie nur seine Schulterblätter und den oberen Teil seines Körpers sehen konnte. Der größte Teil seines Körpers war unter einem riesigen, halbmondförmigen Felsbrocken begraben. Kell lag auf dem Bauch, bei vollem Bewusstsein, sein Gesicht ragte gerade noch aus dem Wasser des Baches heraus.
Er muss dort unten zerquetscht sein, dachte Joanna Roop. Aber Kell sprach und schien keine Schmerzen zu haben, obwohl sein linker Stiefel unter dem Felsen hervor ragte und in einem unangenehmen Winkel zum Himmel zeigte. Kell konnte sein rechtes Bein und seine Arme bewegen und gut atmen. Aber er konnte seinen Kopf nicht drehen und sah nicht, wie riesig der Felsbrockens war, der ihn gefangen hielt. „Roll ihn einfach weg, Jo!“, rief er. Aber der Felsbrocken, dessen Gewicht später auf etwa 320 Kilo geschätzt wurde, war viel zu groß, als dass Joanna ihn alleine hätte bewegen können. Trotzdem versuchte sie es. Kell stützte sich auf seine Ellbogen und hob sein rechtes Knie an. Er drückte von unten, sie von der Seite. Sie schafften es, den Felsen ein kleines Stückchen zu verschieben. Mehr nicht. 

Kein Handy-Empfang - keine Notruf

Joanna holte ihr Handy heraus, aber es hatte keinen Empfang. Kell begann in dem eiskalten Wasser zu zittern. „Hör auf, Jo“, sagte er. „Geh und hol Hilfe.“ Er griff in seine Tasche und holte sein Handy heraus. „Hier, jetzt hast du zwei Handys. Geh so weit, wie du musst, bis du Empfang hast.“ Joanna wollte ihren Mann nicht allein lassen. Sie befürchtete, dass ihr Mann nicht mehr lange zu leben hatte. Aber sie musste unbedingt Hilfe holen. Sie lief etwa 300 Meter bis zur ersten Biegung des Baches, von wo aus sie einen guten Blick ins Tal hatte. Sie versuchte es mit ihrem Handy. Zu ihrer Überraschung kam der Notruf durch. Roop kannte den Mann, der den Anruf entgegennahm. „Evan, hier ist Officer Roop. Kell steckt mit seinem Bein unter einem großen Felsbrocken im Fluss fest. Ich brauche einen Hubschrauber, und zwar sofort!“
Während Joanna zu ihrem Mann zurückkehrte, fuhr Sam Paperman (22), freiwilliger Feuerwehrmann in Bear Creek von seiner Frühschicht nach Hause. Seine Arbeitgeber sind auch Eigentümer von Seward Helicopter Tours. Auch er erhielt die Einsatzmeldung der Feuerwehr von Seward auf sein Handy: „Bitte reagieren Sie auf einen Such- und Rettungseinsatz für einen Mann, der unter einem Felsbrocken im Bach eingeklemmt ist.“ Paperman kannte das Gelände. Er rief den Flughafenmanager von Seward Helicopter Tours an und erhielt die Genehmigung, einen ihrer Hubschrauber für diesen Tag als Rettungsfahrzeug einzusetzen. Dann rief er die Feuerwehr von Seward an. Wenige Minuten später waren Paperman und der Pilot in der Luft.

Allein im eiskalten Gebirgsbach

Kell Morris hatte nie Angst vor dem Tod gehabt, aber als er dort allein lag, fragte er sich, wie es wohl sein würde, durch Unterkühlung zu sterben. Das Wasser war nicht nur eiskalt, es stieg auch rapide an – an diesem relativ warmen Tag schmolz der Gletscher schneller als normal. Morris begann stärker zu zittern. Er versuchte, sein Gesicht über Wasser zu halten, bis Joanna zurückkam. „Sie kommen“, sagte sie zu Morris. „Ich habe ihnen gesagt, dass wir einen Hubschrauber brauchen. Sie sind auf dem Weg.“ 
Die Feuerwehr von Seward richtete einen Einsatzleitstand etwa 2 Meilen flussabwärts der Unglücksstelle ein. Das war der nächstgelegene Ort, den die Rettungsfahrzeuge erreichen konnten. Crites schickte Rettungskräfte mit Geländefahrzeugen los, aber auf diesem extrem felsigen Gelände würde es nur langsam vorangehen. Der Hubschrauber traf ein, als die Geländefahrzeuge noch mindestens 45 Minuten entfernt waren. Paperman sah Joanna unten stehen und mit den Armen winken. Es gab keine ebene Fläche, auf der der Hubschrauber landen konnte, also ließ der Pilot seinen Passagier Sam Paperman im Schwebeflug aussteigen und flog zurück zum Kommandoposten. In der Zwischenzeit taten Joanna und Sam Paperman, die keine medizinische Ausrüstung hatten, was sie konnten. „Lassen Sie uns ein Stück Treibholz unter den Felsbrocken klemmen, um den Druck etwas zu verringern“, sagte Sam. Gemeinsam kippten sie den schweren Stein ganz leicht, sodass er sich auf Morris‘ linkem Oberschenkel neu positionierte. Es war der schlimmste Schmerz, den er je empfunden hatte. Er war sich sicher, dass sein Oberschenkelknochen gleich brechen würde. 

Jason Harrington (27) von der Feuerwehr von Seward seine Kollegen eilten in der Zwischenzeit zum Einsatzleitstand. Der Tour-Hubschrauber bot Platz für drei Rettungskräfte gleichzeitig. Harrington gehörte zur ersten Gruppe, bei Kell, Joanna und Sam ankam. „Okay, wir haben jetzt ein paar Leute hier, lasst uns dieses Ding von Kell wegbekommen“, sagte Joanna. Aber Harrington schätzte die Lage anders ein: Er sah einen bei Bewusstsein befindlichen, stabilen Verletzten in einem Geröllfeld, in dem sich mit steigendem Wasserstand alles verschieben konnte. „Wir brauchen mehr Manpower“, sagte er. Wenn sie versuchten, den Felsen anzuheben und dabei scheiterten, riskierten sie, ihn auf Kell fallen zu lassen, insbesondere wenn sich die kleineren Felsen darunter verschoben. Eine falsche Bewegung und er könnte zu Tode gequetscht werden.

Jason Harrington untersuchte Morris. Er litt eindeutig unter Unterkühlung. Der gestürzte Wanderer war bei Bewusstsein, aber seine verbalen Reaktionen wurden langsamer und seine Sprache wurde undeutlich. Sie kämpften gegen die Zeit, wollten aber warten, bis der Hubschrauber drei weitere Retter und mehr Ausrüstung bringen würde. Während sie warteten, untersuchte einer der Retter Morris‘ verdrehten Stiefel. 
„Können Sie mit den Zehen Ihres linken Fußes wackeln?“, fragte er, während er die Zehen des Stiefels drückte. 
„Ja, ich bewege sie gerade“, antwortete Morris. 
Der Stiefel bewegte sich nicht. Die Rettungskräfte schüttelten den Kopf. Dieser Mann würde sein Bein verlieren. 
Als der Hubschrauber zurückkehrte, hatte Morris fast drei Stunden im Bach gelegen. Er verlor immer wieder das Bewusstsein, als die Unterkühlung einsetzte. 
„Bleib bei mir“, drängte Joanna ihren Mann, während sie seinen Kopf über dem reißenden Wasser hielt. 
„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, sagte Harrington zu seiner Crew. „Wir müssen uns beeilen und ihn hier herausholen.“ Die Retter klemmten zwei pneumatische Luftkissen unter den Felsbrocken und bliesen sie auf, um alles zu stabilisieren und Morris zu schützen, falls der Felsbrocken abrutschen sollte. 
Vier Männer packten die Ränder des 300 Kilo schweren Felsbrockens und hoben ihn auf drei so hoch sie konnten auf einer Seite – nicht viel, nur etwa einen Zentimeter in die Luft. 
„Haltet ihn fest!“, rief Harrington. Drei kleinere Steine klemmten Morris‘ linkes Bein ein, also griffen zwei Retter hinein und entfernten sie. Einer der Feuerwehrleute, die die kleineren Felsen bewegten, packte Morris unter den Achseln und zog ihn heraus, während die anderen Männer den riesigen Felsbrocken hochhielten.

Die Retter dachten, sie müssten sich nun um sein zerquetschtes linkes Bein kümmern, stellten jedoch schnell fest, dass sein Stiefel nicht an seinem Fuß war. Er hatte sich beim Sturz gelöst, war verdreht und mit Wasser gefüllt – was das Gefühl vermittelt hatte, als befände sich ein Fuß darin. Morris‘ Bein hatte nur ein paar Kratzer davongetragen.
Das Team musste ihn nun aufwärmen. Der erste Schritt bestand darin, ihm seine nassen Kleider auszuziehen. Sehr zu Morris‘ Entsetzen schnitten sie ihm eine seiner bessten Wanderhosen vom Leib. „Ich habe seine lange Unterhose und trockene Kleidung in meiner Tasche“, sagte Joanna. Sie zogen sie ihm an und legten ihm dann Thermodecken, einen Schlafsack und eine Ganzkörper-Vakuumschiene an, die Morris‘ Körper umwickelte und ihn bewegungsunfähig machte. Als seine Temperatur stieg, wurde er wacher, und sein Puls und seine Herzfrequenz verbesserten sich.
Es dauerte noch etwa eine Stunde, bis ein Hubschrauber eintraf, der für den Transport des Patienten ausgerüstet war. Kell wurde zum Krankenhaus nach Seward gebracht, wo er zwei Nächte verbrachte. Der Krankenhausaufenthalt war reine Vorsichtsmaßnahme. Morris war irgendwie weitgehend unverletzt geblieben. Er hatte eine schlimme Prellung an einer Schulter und kleinere Kratzer am ganzen Körper, aber das war auch schon alles. „Dass er keine nennenswerten Verletzungen hatte“, sagt Harrington, „war schockierend – im positiven Sinne.“

Normalerweise würde man einen Mann, der in einen Steinschlag gerät, sechs Meter tief fällt und mit dem Gesicht nach unten in einem Bach unter einem Felsbrocken landet, nicht als glücklich bezeichnen, aber in vielerlei Hinsicht war Kell Morris das. Hätte er sich beim Sturz den Kopf an einer harten Oberfläche gestoßen, wäre der Felsbrocken nicht genau auf einer Ansammlung anderer Felsen gelandet, hätte Joanna Roop nicht so schnell ein Handysignal empfangen können, wären Sam Paperman und sein Hubschrauber nicht verfügbar gewesen, um die Feuerwehrleute schnell zum Unfallort zu bringen...
Kell und Joanna glauben, dass es mehr als nur Glück war. Kell Morris war drei Tage nach dem Unfall wieder bei der Arbeit, und er und Joanna Roop planen, ihre Wanderungen, Skitouren und anderen Outdoor-Abenteuern beizubehalten. 

 

 


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