Todesfalle Schiffswrack
Joe und sein Sohn David tauchen in einem Wrack nach Hummern. Doch in dem Gewirr aus Eisen verliert David die Orientierung – und die Luft wird knapp.
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David Meistrell, 17, befestigte ein knapp ein Meter langes Sammelnetz am Bleigürtel seines schwarzen Neo¬pren¬anzugs. Das Boot schaukelte sanft, und die Wellen in der Santa Monica Bay im US-Bundesstaat Kalifornien glitzerten im Mondlicht.
„Komm Papa, wir fangen noch ein paar Hummer!“, rief David.
Joe Meistrell lächelte. Der 49-Jährige ließ sich gern von der Unternehmungslust seines einzigen Kindes anstecken. Seit 25 Jahren arbeitete er als Meeresbiologe und kannte diese Gewässer. Trotz-dem konnte er es auch jetzt kaum erwarten, wieder zur Avalon hinabzutauchen – einem Dampfer, den ein Sturm versenkt hatte. Das Schiff lag fast 25 Meter tief. Beim ersten Tauchgang hatten Joe und David drei Hummer aus dem etwa 80 Meter langen Wrack geholt.
Als sie sich an diesem Abend des 6. Oktober 1995 zum zweiten Mal für einen Tauchgang fertig machten, musste Joe an ein altes Foto denken, das den kleinen David mit Schnorchel, Maske und Plastikhummer in einem Planschbecken zeigte. Schon als Kleinkind wollte David immerzu Hummer fangen; mit 14 legte er seine Tauchprüfung ab. Joe kontrollierte Davids Pressluftflasche. „Gut, zisch ab“, sagte er, „aber bleib in Sichtweite!“ David ließ sich über Bord fallen, Joe folgte ihm.
Nur schimmernde Bläschen und der Schein der Unterwasserlampe an Davids Pressluftflasche zeigen an, wo der Junge zum schlammigen Meeresboden hinabgeglitten war. Joe tauchte schneller, um ihn einholen zu können. Schemenhaft konnte er die Überreste der Avalon unter sich erkennen.
Sie hatten ausgemacht, nicht länger als 18 Minuten auf dem Meeresgrund zu bleiben. Der Inhalt ihrer Flaschen würde zwar länger reichen, aber Joe musste die Auftauchzeit mit einberechnen. Der Dekometer, ein handgroßes Gerät, hing an einem Schlauch von Joes Flasche. Von dem fünf Zentimeter großen Bildschirm würde Joe später beim Auftauchen ablesen, wann er eine Pause machen musste – denn bei einem u schnellen Aufstieg riskierte er die Taucherkrankheit: Dabei bilden sich Stickstoffbläschen in den Blutgefäßen und im Gewebe, was zum Tod führen kann. Auch besteht bei zu raschem Aufstieg die Gefahr, dass man einen tödlichen Lungenriss erleidet.
Endlich hatte Joe seinen Sohn eingeholt. Etwa zehn Minuten schwammen sie über dem Gewirr aus rostigen Eisenteilen. Dann machten sie sich daran, den Bug des Wracks zu inspizieren: Mit ihren Lampen leuchteten sie durch Korrosionslöcher in das Innere des gesunkenen Schiffs. Sie konnten Hummer erkennen, die vor dem Lichtstrahl flüchteten. Ja, hier würden sie jagen. Doch plötzlich war David verschwunden. Eben war er doch noch in der Nähe gewesen! „Wo steckt der Junge bloß?“, fragte sich Joe.
David ist im Wrack verschwunden
David war einem Hummer nachgeschwommen, der durch ein knapp 50 Zentimeter großes Loch ins Wrack geschlüpft war. David glaubte, sein Vater habe gesehen, dass er dem Tier folgte. Er schob sich durch einen verwinkelten Gang und gelangte in einen Raum, der angefüllt war mit zerbrochenen Spanten, rostigen Eisenteilen und verrottenden Schotten. Vorsichtig griff David nach dem Hummer. Dann schlängelte er sich in Richtung Öffnung. Er wollte den Fang seinem Vater übergeben und dann weiter jagen.
Joe leuchtete in die Öffnung hinein. „Ob David da drin ist? Ist er vielleicht einem Hummer auf der Spur?“, überlegte er. „Nein, das Loch ist zu klein. Bestimmt ist er auf die andere Seite geschwom-men.“ Der Vater blickte um den Bug herum auf das riesige Deck, das sich nach hinten im trüben Wasser verlor. Kein David. Joe fröstelte. „Nur keine Panik“, ermahnte er sich, „weit kann er schließlich nicht sein.“
Plötzlich fuhr Davids Arm aus der Öffnung in der Schiffswand. „Gott sei Dank‘‘, dachte Joe. Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm er seinem Sohn den Hummer ab und legte das Tier in sein Sammelnetz. Er nahm an, dass David nun gleich aus dem Wrack auftauchen werde, doch der Junge verschwand wieder. Joe leuchtete ins Schiffsinnere, sah aber nichts als Schlammpartikel, die im Licht seiner Lampe umherwirbelten.
Sie waren jetzt seit 13 Minuten im Wasser. „Komm raus“, murmelte Joe, „wir müssen hoch!“ Aber David zeigte sich nicht. Zwei weitere Minuten vergingen. „Soll ich ihn suchen?“, fragte sich Joe.
Er war froh, dass er David die größere Pressluftflasche überlassen hatte. Der Junge verbrauchte mehr Luft als er – vor allem, wenn er sich für etwas begeisterte. Joes eigene Flasche war etwas kleiner und älter; aber sie hatte eine Warnvorrichtung, die anzeigte, wann der Luftvorrat zur Neige ging: Dann erhöhte sich der Atemwiderstand.
Eine weitere Minute verstrich. Viel¬leicht sitzt er fest?“, grübelte Joe. „Ich muss nachsehen.“ Doch als Joe sich in die Öffnung zog, blieb er mit seiner Preßluftflasche hängen. Der Taucher schob und zog. Vergeblich, er kam nicht frei. Er keuchte und sog verzweifelt an seinem Mundstück. Doch der Atemwiderstand war bereits hoch: Sein Luftvorrat neigte sich dem Ende zu.
Joe griff sich über die linke Schulter und öffnete ein Ventil, das seine letzten Luftreserven freigab. Jetzt fiel ihm das Atmen etwas leichter, aber er wusste, dass ihm nur noch sieben Minuten blieben. Endlich gelang es ihm, sich loszureißen und er schob sich rückwärts aus dem Loch. Er zitterte vor Anstrengung und schwitzte trotz des kalten Wassers. So verlassen wie jetzt war er sich noch nie vorgekommen. „Was ist, wenn ich keine Luft mehr habe und David immer noch nicht da ist?“
Erst ein paar Monate zuvor waren ein 14-jähriger Taucher und sein Vater beim Erkunden eines Wracks in der Nähe ertrunken – ihnen war die Atemluft ausgegangen. „Lieber Gott, hol David da raus!“ Im Grunde wusste Joe, dass er warten würde, selbst wenn sein eigener Luftvorrat erschöpft war – ohne seinen Sohn würde er nicht aufsteigen.
David war im Jagdfieber.
Er hatte zwei Hummer im Visier, doch diese wichen aus und wirbelten dabei so viel Rost auf, dass er nichts mehr sah. Verwirrt drehte er sich im Kreis, wodurch er selber nur noch mehr Rost und Schlamm aufwirbelte.
„Ich muss raus hier!“, dachte David und wandte sich dorthin, wo er die Öffnung vermutete. Aber er fand sie nicht mehr. Er fühlte eine Wand vor sich. „Wo bin ich?“ Angst stieg in ihm hoch. Er warf sein Sammelnetz ab und schwamm mit schnellem Flossenschlag von der Wand weg. Er landete in einer Ecke und schlug mit dem Kopf gegen ein Rohr.
„Vielleicht komme ich woanders nach draußen“, sagte er sich. „Aber wo?“ Plötzlich geriet er mit dem Kopf in einen etwa 60 Zentimeter breiten Hohlraum: eine Luftblase; seine ausgeatmete Atemluft war in Bläschen hochgestiegen und hatte sich unter der Bugspitze angesammelt. Er sah auf seine Druckanzeige: Wenn er so schnell weiter atmete wie bisher, reichte sein Luftvorrat maximal noch drei Minuten.
Er zog sich das Mundstück heraus und atmete die Luft im Hohlraum ein. Sie enthielt zwar viel Kohlendioxid, doch auch einigen Sauerstoff, und solange er den einatmete, schonte er den Luftvorrat in der Flasche. Dann schrie er: „Hilf mir, Papa! Ich kann nicht raus! Lass mich nicht sterben!“
Hilfe, ich sitze fest!
Joe hatte inzwischen seine Stellung vor der Öffnung aufgegeben und war an der Seite des Schiffes senkrecht nach oben geschwommen. Plötzlich hörte er Davids Hilferufe. Der Vater wunderte sich nicht darüber, dass die Worte klar klangen. Normalerweise dämpft das Wasser den Schall. Joe war das jetzt egal. Sein Sohn lebte!
Joe leuchtete durch ein etwa
20 Zentimeter großes Loch in das Wrack. In dem trüben Wasser sah er etwas schimmern und erkannte Davids Tauchanzug. Nur zweieinhalb Zentimeter Stahl trennten ihn von seinem Sohn. „Schwimm nach unten!“, rief Joe an seinem Mundstück vorbei. Das Wasser machte seine Worte undeutlich. Er sah, wie David sich zu ihm umdrehte. Joe steckte eine Hand durch das Loch und deutete nach unten. Als er wieder hinsah, war David verschwunden.
Joe glitt wieder zu der größeren Öffnung hinab. Keine Spur von seinem Sohn. „Du darfst die Ner-ven nicht verlieren, mein Junge“, dachte er. „Lass dir Zeit.“ Joe blickte auf die Druckanzeige: Es blieben ihm höchstens noch zwei Minuten.
Mit rasendem Puls tastete sich David um die Träger des Dampfers herum. Eine Sekunde um die andere verging. „Ist das die richtige Richtung?“, fragte er sich immer wieder. Er hatte mittlerweile solche Angst, dass sich seine Muskeln verkrampften.
Verzweifelt arbeitete er sich wieder zu der Luftblase, nahm das Mundstück heraus und atmete tief die verbrauchte Luft ein. „Hilfe! Papa! Ich sitze fest. Lass mich nicht allein. Ich will nicht sterben!“
Nachdem Joe, wie ihm schien, eine Ewigkeit an der Öffnung gewartet hatte, klemmte er seine Lampe in einer Spalte fest. Vielleicht konnte sich David daran orientieren.
„Der Strahl dringt zwar nicht weit durch das schlammige Wasser“, sagte er sich, „aber ich muss es versuchen.“ Der Taucher schwamm an der Schiffswand wieder nach oben und tastete sich zu dem kleineren Loch vor. Als er dort ankam, hörte er Davids verzweifelte Schreie. Joe schob den Arm hindurch und bekam die Taille des Jungen zu fassen. Er blickte seinem Sohn in die Augen; er wollte erzwingen, dass der Junge ihn verstand. Joe zeigte nochmals nach unten. Er spürte die Hand seines Sohnes, die seinen Arm umklammerte. Dann ließ David ihn los.
„Das war’s“, dachte Joe.
Er spürte, wie der Atemwiderstand erneut zunahm. Seine Druckanzeige stand kurz vor Null. „Wenn David diesmal die Öffnung nicht findet, stirbt er.“ Joe schwamm wieder hinunter zu der größeren Öffnung und wartete. Mit jedem Herzschlag ver-rann eine weitere Sekunde. Er sog an seinem Mundstück, doch es kam keine Luft mehr. Wütend biss er auf das Mundstück. Den Reflex, nach Luft zu schnappen, unterdrückte er. Sein Herz hielt den Takt. Vier … fünf … sechs.
David hat sich in der Öffnung verfangen
David tastete sich derweil an einem Sims entlang. Vor ihm tauchte ein schwacher Schein auf. Endlich die Öffnung! „Da draußen ist Papa!“ Zitternd zwängte sich David in den Gang. Seine Flasche schrammte an etwas entlang. Noch ein Ruck, und sie ließ sich nicht mehr bewegen. David saß fest. „Papa, zieh mich raus!“, brüllte er.
Mit angehaltenem Atem starrte Joe in die Öffnung. Hatte sich da nicht etwas bewegt? „Es ist Da-vid!“ Joe streckte den Arm nach ihm aus. Der Junge rührte sich nicht mehr. „Gib jetzt nicht auf!“, stieß Joe durch seine zusammengebissenen Zähnen hervor. Er zog heftig an Davids Schultergurt. Ein metallenes Geräusch – und plötzlich rutschte David durch die Öffnung.
Joe drückte seinen Sohn an die Brust, öffnete die Schnallen ihrer Bleigürtel und ließ sie fallen. Er stieß sich kräftig ab und stieg mit schnellen Flossenschlägen aufwärts, den Sohn fest im Arm. Sein Tauchcomputer meldete: „Langsamer aufsteigen.“ Joe achtete nicht darauf. Seine Lungen lechzten nach Luft. Er schwamm um sein Leben und das Leben seines Sohnes.
Je höher sie kamen, desto geringer wurde der Wasserdruck. Bald war Joes Flaschendruck höher als der Druck im umgebenden Wasser, und das Gerät gab das allerletzte Quentchen Luft frei. Damit konnte Joe seine Kraftreserven mobilisieren.
Immer wieder atmete er scharf aus, damit der Drucksturz keinen Lungenriss verursachte. Endlich erreichten Vater und Sohn die Wasseroberfläche. Sie befreiten sich von den Mundstücken und bei-de atmeten gierig die kalte Nachtluft ein. Dann nahm Joe seinem Sohn die Tauchmaske ab, um nachzusehen, ob der Junge schaumiges Blut im Gesicht hatte – Anzeichen für einen Lungenriss. Doch er sah nur Davids Freudentränen.
Später am Abend klagte David über stechende Schmerzen in Ellbogen und Knöcheln. Die Taucherkrankheit meldete sich. lm Krankenhaus von Long Beach wurden Vater und Sohn in Überdruckkammern mit Sauerstoff behandelt. Die Stickstoffbläschen in Davids Gewebe lösten sich auf, die Schmerzen schwanden rasch.
Joe Meistrell wusste, dass sie nur durch ein Wunder überlebt hatten. Zwei Wochen später schrieb David in einem Aufsatz für die College-Aufnahmeprüfung: „Ich bin heute am Leben, weil mein Vater bereit gewesen ist, sich für mich zu opfern.“
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