Jack, der Esel
Wir hatten eigentlich nicht vor, uns einen Esel zuzulegen. Dann kam Jack und wurde Teil der Familie.
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Ein wunderlicher Kauz war der Esel, der unserer Familie eines Tages ins Haus schneite. Man hätte ihn auch als tyrannischen Dickkopf, als neugierige Schnüffelnase, als raffinierten Entfesselungskünstler bezeichnen können. Jedenfalls brachte Jack, dessen überraschende Streiche Haus und Nachbarschaft fast ununterbrochen in Atem hielten, viel Leben in die Bude.
Es war das Wochenende, an dem die Blätter zu fallen begannen. Als wir am Samstagmorgen aufstanden, sagte Jane: „Es sieht so anders aus.“ So war es. Über unseren Köpfen leuchtete es nicht mehr golden, sondern in klarem Blau, und das Gold lag uns zu Füßen. Ich nannte sechs Bambusrechen und acht Kinder mein eigen, das heißt einen Rechen pro Kind, wenn man die beiden Kleinsten nicht mitrechnete. Allerdings waren die sechs älteren, durch Erfahrung gewitzt, nach dem Frühstück verschwunden, so dass ich mich allein mit dem Laub verlustieren durfte.
Nun ist Laubharken für mich wirklich ein Vergnügen, und noch mehr Spaß macht mir das Verbrennen der dürren Blätter. Ich häufte sie also kniehoch an unserem Bordstein auf – wir wohnen auf einem Eckgrundstück –, und abends wurden sie verbrannt.
So harkte ich etwa eine Stunde lang zufrieden vor mich hin. Dann erschien die fünfjährige Melissa, von den anderen Kindern aus der strategischen Überlegung heraus abgesandt, dass man sie nicht gut allein zum Harken abkommandieren konnte. „Kannst du mir ein bisschen Geld geben?“, fragte sie. „Jennifer und Christopher und Alison und Angela und Jonathan und ich, wir wollen ein Tombolalos kaufen, da kann man einen Esel gewinnen.“
In unserem Ort war ein neuer Spielzeugladen eröffnet worden mit riesigen Stofftieren – Teddybären, Giraffen, Elefanten und vermutlich auch Eseln; ich nahm also an, dass es sich um eine Reklametombola handelte. Ich gab Melissa ihr Geld, und sie verzog sich. Als ich am frühen Nachmittag mit dem Laub fertig war und gerade ins Haus trat, klingelte das Telefon. Jane ging an den Apparat. „Hallo? Oh, du bist es, Jennifer.“ (Jennifer war unsere elfjährige Älteste) „Was hast du? Du hast gewonnen? Na, großartig! Natürlich darfst du ihn mitbringen, Liebling. Seid vorsichtig, wenn ihr über die Straße geht! Wiedersehen.‘‘
Während Jane den Hörer auflegte, sagte sie verwundert: „Jennifer sagt, sie hat einen Esel gewonnen.“
Ich erzählte ihr von der Tombola und dem Spielzeugladen und den Stofftieren. Dann setzte ich mich hin, um mich etwas auszuruhen, wurde aber durch etwas gestört, was ich für einen Anfall von erhöhtem Blutdruck hielt. In meinen Ohren summte es auffallend laut. Ich sagte es Jane. Sie vernahm das Summen ebenfalls.
„Was kann das sein?“, fragte sie. „Es hört sich an wie eine Menschenmenge.“ Es hörte sich wirklich wie ein Volksauflauf an.
Jane war ans Vorderfenster getreten, und plötzlich sah ich, dass sie ein ganz sonderbares Gesicht machte – etwa wie eine Holländerin angesichts eines Deichbruchs. Ich ging zu ihr. Tatsächlich, es war ein Volksauflauf! Eine lachende, quirlige Horde von Kindern kam auf unser Haus zu. Auch Erwachsene waren dabei, Nachbarn von uns, und sie erschienen mir ebenso ungewöhnlich ausgelassen. Inmitten der jubelnden Menge sahen wir Jennifer mit verzücktem Gesicht schwankend auf dem Rücken eines Esels sitzen – eines echten, lebendigen Esels. Der Spielzeugladen hatte gar nichts damit zu tun, wie ich bald erfuhr. Es handelte sich vielmehr um eine Veranstaltung unserer Ortsgruppe der Demokratischen Partei, deren Parteimaskottchen ein Esel ist, und diesen Esel hatten meine Kinder zum Abschluss der Präsidentenwahlkampagne 1960 in der Tombola gewonnen.
Der Zug der aufgeregten Kinder und neugierigen Nachbarn bewegte sich über den Rasen. Jane sah starr vor Entsetzen zu, wie das Grün unseres sorgfältig gepflegten Wiesenrispengrases sich in einheitliches Schweinepfuhlbraun verwandelte. Es müssen an die 100 Leute gewesen sein. An der Spitze marschierten unsere Kinder und sangen: „Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!“
Die meisten vernünftigen Leute hätten unter diesen Umständen unverzüglich die Haustür verbarrikadiert und beim Klingeln nicht aufgemacht. Ich bin nicht so vernünftig – warum, weiß ich nicht. Stattdessen starrte ich ungläubig auf das Geschöpf da draußen, das mich ebenfalls anstarrte. Der Esel hatte tiefbraune Augen und riesige Ohren, lange schwarze Wimpern und einen breiten, gewölbten Clownsmund. Während ich ihn betrachtete, hob er, die Zähne entblößend, fast verächtlich die Oberlippe; dann schloss er träge die Augen – blink ... blink.
Unsere Katzen waren auf die Bäume geflüchtet, der Hund hatte sich unters Sofa verkrochen, und von oben ertönte das wütende Hungergeschrei unserer beiden Jüngsten, die vom Mittagsschlaf erwacht waren. Doch der vernünftige Gedanke, mich dieses Tieres zu entledigen, kam mir keinen Augenblick.
Ich murmelte nur: „Hm – jetzt haben wir also einen Esel.“
,,Der Esel ist los!“
Zum Glück war die Wahlkampagne noch nicht ganz zu Ende, sodass der Esel noch nicht gleich bei uns untergebracht werden musste und uns einige Tage für die notwendigen Vorbereitungen blieben. Am Sonntag warfen wir den Wagen aus der Garage und bauten eine knapp drei mal drei Meter große, schmucke Box. Wir deponierten darin einen Vorrat von Wiesenlieschgras und einen Zentnersack Futter – eine Mischung aus Hafer, Melasse, Mais, Sojabohnen, verschiedenen Mineralien und, nach dem Preis zu urteilen, Filet Mignon.
Der Wahltag kam und ging. John F. Kennedy wurde Präsident, und am folgenden Samstag holten wir unseren Preis ab. So begann unser Leben mit dem Esel. Genau gesagt begann es am folgenden Morgen um 4.15 Uhr, als Jane und ich gleichzeitig mit einem Ruck aus tiefem Schlaf aufschreckten.
„Was ist das für ein Lärm?“, krächzte ich. Nur wer einmal vor Tagesanbruch einen Esel in seiner Garage hat schreien hören, kann nachfühlen, wie uns zumute war. Es begann mit einem etwa 15 Sekunden langen, klaren, pfeifenden Kreischton, der dann plötzlich zu einer Reihe tief aus der Lunge hervorgestoßener, heiser-zittriger Grunzlaute abfiel, die sich am besten mit „Uh-AONGHK" wiedergeben lassen.
Das wiederholte sich viermal und verkündete eindeutig wie ein Trompetensignal: „Ich bin wach! Wacht alle auf! Kommt sofort her und gebt mir was zu fressen! Sofort!“ Beim dritten Signal flog ich die Treppe hinunter.
Ich riss die Garagentür auf und bekam zur Begrüßung einen feuchten Sprühregen ins Gesicht geschnaubt. Der Esel war nicht mehr in seiner Box! An ihrer Tür hatte ich drei fünf mal zehn Zentimeter dicke Latten als Riegel angebracht – ich Dummkopf!
Solche Riegel hatten sich bei den Pferden und Kühen im US-Bundesstaat New York, wo ich als Junge gelebt hatte, immer bewährt. Der Esel jedoch hatte sie einfach zwischen die Zähne genommen und geöffnet, indem er sie, seitwärts gehend, aus ihren Klammern herauszog. Wie einfallsreich von ihm! Aber das war noch gar nichts.
Am nächsten Abend band ich die Riegel fest. Er zerkaute die Seile und entfernte die Latten auf dieselbe Weise wie in der Nacht zuvor. Ich bohrte Löcher in die Latten und schlug einen dicken Pflock hindurch. Er brach den Pflock in zwei Stücke, die er mit den Zähnen herauszog.
Dabei hatte er außerhalb seiner Box keineswegs mehr Freiheit, denn unsere Garage war kein Lustschloss. Nein, ihm war einfach der Gedanke, eingesperrt zu sein, verhasst. Außerdem wollte er mir wohl auch zeigen, dass ich nicht besonders gescheit war. Wenn er es dann wieder geschafft hatte, stand er da und sah zu, wie ich die Trümmer wegräumte – die riesigen Ohren zurückgelegt, die Augen halb geschlossen und um das graue Maul ein aufreizendes Lächeln.
Natürlich kann man so ein Tier nicht auf die Dauer in einen kleinen Pferch sperren. Der Esel brauchte Bewegung. Wir spannten also auf dem Rasenplatz neben unserem Haus zwischen zwei etwa zehn Meter voneinander entfernten Bäumen eine Leine, an der wir mit einem Karabinerhaken einen an sein Halfter gebundenen Strick festmachten. Das war theoretisch gut, und in der Praxis hatte ich es einmal bei einem großen Jagdhund gesehen.
Jagd auf einen ausgebüxten Esel
Von einer Anzahl Kinder begleitet, führte ich den Esel hinaus. Christopher ließ den Karabinerhaken um die Leine schnappen. Der Esel blieb stehen, wo er stand. Jennifer sagte: „Führ ihn dran entlang, damit er versteht, was gemeint ist.“ Wir versuchten es, aber er bockte.
Alison schlug vor, ihn alleinzulassen. „Vielleicht geniert er sich, wenn wir zusehen.“
Genieren – von wegen! Er wusste ganz genau, was gemeint war, ja er war uns ein ganzes Stück voraus.
Wir gingen hinein und beobachteten ihn durchs Fenster. Er ging zweimal an der Leine entlang. Dann blieb er stehen und legte, die Augen halb geschlossen, die Ohren zurück. Ich sagte: „Seht mal, jetzt schläft er ein.“ Ich kannte ihn noch nicht gut genug, um zu wissen, dass dies sein kontemplativer Blick war.
Ganz bedächtig und erstaunlich zart schloss er die Vorderzähne um die Feder des Karabinerhakens, drückte darauf und befreite sich samt Halfter und Strick von dem Seil. Ich stand lächelnd am Fenster und dachte: „Wie klug von ihm, sich das auszudenken!“, während Alison, die eine mehr praktische Einstellung zu den Dingen hat, schrie: „Er ist los!“
Das war unsere erste Jagd. Im Geiste sah ich ihn eine Schar kleiner Kinder vor sich herjagen, eine vollgehängte Wäscheleine herunterreißen oder auf der Kehrseite unseres Nachbarn – eines Rechtsanwalts! – seinen Hufabdruck hinterlassen. Ich sauste durch die Küche und zur Seitentür hinaus und machte mich an die Verfolgung.
Der Esel war über die meterhohe Böschung auf die Bayview Avenue hinabgesprungen und zu Stan Bukkowskis Tankstelle an der gegenüberliegenden Ecke gegangen. Hier bewegte er sich friedlich zwischen den Wagen, und als ich keuchend ankam und seinen Strick ergriff, wollte er gar nicht weg. Autos, Motoren und Benzingeruch – das war für ihn der Inbegriff des Wohlbehagens, denn den größten Teil seines kurzen Lebens (er war jetzt ein Jahr alt) war er ja im Lastwagen von einer Wahlversammlung zur anderen gekarrt worden.
Nächtliche Eselskaravane
Eine Zeitlang nannten wir den Esel einfach „Esel“, bis eines Tages der Milchmann Melissa fragte: „Wie heißt er denn?“ Melissa, die mit ihren fünf Jahren nicht allzu viel von Politik verstand, wusste nur, dass zwischen dem Esel und dem demokratischen Präsidenten irgendeine Verbindung bestand, und antwortete: „Er heißt Jack.“
Ich saß drin beim Frühstück und hörte den Milchmann schallend lachen. „Und wie heißt er weiter?“ Etwas geziert antwortete sie: „Sein ganzer Name ist Jack Fitzgerald Kennedy.“ Und so kam es, dass der Esel überall unter dem Namen Jack bekannt wurde. Er war ein kräftiger, braver kleiner Bursche, und ich bin überzeugt, dass der Präsident nichts dagegen gehabt hätte.
Auch die Einwohner von Port Washington reagierten im Allgemeinen gutartig auf die Tatsache, dass ein Esel in ihrer Mitte lebte. Viele wohlmeinende Mitbürger kamen vorbei, um ihn anzusehen. Natürlich gab es ein paar Beschwerden und nach nicht allzu langer Zeit auch amtlichen Besuch.
Unter den ersten Gästen dieser Art war ein Mann in Uniform, der, einen Schreibblock in der Hand, zu unserem Haus heraufkam. „Ich komme vom Tierschutzverein“, verkündete er, und wir erbleichten. „Wie ich höre, gewähren Sie hier einem Esel Obdach.“ Bei dem Wort „Obdach“ bemerkte ich ein leichtes Zucken im linken Mundwinkel.
Schweigend führten wir ihn zur Garage. Er runzelte des Öfteren die Stirn, brummte vor sich hin und machte sich auf seinem Block viele Notizen. Dann setzte er sich auf einen Heuballen. Eigentlich war er ein netter, umgänglicher und tierliebender Mann, und es gelang ihm bald, uns zu beruhigen.
Er machte den Kindern ein Kompliment für die Sauberkeit der Box. Sie fegten sie gewissenhaft jeden Abend und Morgen aus und streuten frisches Stroh. Diese Untersuchung sei reine Formsache, sagte er; zwar liege eine Beschwerde vor, aber von ihm aus sei alles in Ordnung. Jack sei ein schöner, gesunder Esel. Dann fragte er, ob wir ihn auch bewegten, und wir zeigten ihm die Leine. Er fand sie wunderschön, meinte aber, wir sollten das Tier ein bisschen mehr ausführen. Vielleicht könnten die Kinder auf ihm reiten.
Am nächsten Tag erwarb Jane einen gebrauchten Ponysattel, Christopher fand eine flauschige Badematte, die eine weiche Satteldecke abgab, und nach Einbruch der Dunkelheit ging er in die Box und sattelte den Esel. Ich hatte mich aus Feigheit geweigert, bei Tag mit ihnen auf die Straße zu gehen.
Wenn man Jack sich selbst überließ, ging er genau dahin, wohin er wollte, und wer auf ihm saß, musste wohl oder übel mit. Darum führten Christopher oder ich ihn meistens. Ich hob zwei kleinere Kinder hinauf, eins auf den Sattel und eins dahinter, sodass es sich am Sattelkranz festhalten konnte. Dann brachte ich am Halfterring einen Strick an und führte Jack, von den übrigen Kindern gefolgt, auf die Straße.
„Seid um Himmels willen leise!“, sagte ich. „Wir wollen nicht mehr Aufmerksamkeit erregen als unbedingt nötig ist.“
Wir erregten jedoch selbst im Dunkeln erhebliche Aufmerksamkeit. Pendler, die spät von der Arbeit zurückkamen, schlossen sich uns häufig an, während wir durch das dürre Novemberlaub trabten. Mir schien, sie taten es aus einer atavistischen Regung heraus. In unserer recht verstädterten Gemeinde kam unser langsam dahintrottendes kleines Reittier den Leuten wie ein Relikt aus alten Zeiten vor, das sie irgendwie genossen.
Unser Sohn Brian war damals noch sehr klein und schwer zum Einschlafen zu bringen. Aber wir merkten, dass er unweigerlich eindöste, wenn Alison ihn vor sich im Sattel hielt. Infolgedessen ließ Jane ihn, wenn er gebadet und in seinen warmen Schlafanzug und eine Decke gehüllt war, bei jedem Wetter ausreiten. Wenn Jack dann in seine Box zurückklapperte, lag Brian schnarchend in Alisons Armen.
Jack, der Kamelhaarmantel-Fan
lch weiß nicht recht, wie ich es überzeugend beschreiben soll, aber Jack war wirklich ein Sonderling unter den Eseln. Zunächst einmal war er unglaublich neugierig. Außerdem hatte er einen sehr leichten Tritt, sodass er ungehört immer dort auftauchte, wo man ihn am wenigsten erwartete. Jane nannte ihn einen Schleicher, aber ich glaube, er war nur wissbegierig.
Als ich eines Nachmittags nach Hause kam, stieg mir schon vor der Haustür der Duft von frisch gebackenem Kuchen in die Nase. Gleich darauf hörte ich aus der Küche einen halb erstickten Schrei, ein Krachen und dann Hufgetrappel. Ich stürzte ins Haus. In der Küche stand Jane mit blassem Gesicht vor den am Boden liegenden Trümmern eines Apfelkuchens.
„Er hat sich selbst die Tür aufgemacht und ist einfach hereingekommen“, sagte sie leise. „Ich nahm gerade den Kuchen aus dem Ofen und dachte, es wäre eins der Kinder. Und dann hat er seine nichtsnutzige Schnüffelnase unter meinen Arm gesteckt und dieses blubbernde Geräusch gemacht!“
Nachdem Jack aus der Küche geflüchtet war, galoppierte er die Straße entlang, wo er Jonathan und Melissa traf und nach Hause begleitete. Wir gaben ihm den Kuchen, denn darauf hatte er es schließlich abgesehen.
Ich versuchte Jane einzureden, es sei eine Art Kompliment für sie, aber sie wollte nichts davon wissen. Im Grunde haben sie und Jack sich nie gut vertragen. Sie fürchtete sich vor ihm, und er wusste das. Sie sahen einander mit scheelen Blicken an. Vielleicht hatte es etwas mit dem dicken grauen Mantel zu tun, den Jane sich in jenem Winter kaufte. Als sie ihn zu Hause auspackte, entdeckte sie zu ihrem Schrecken, dass er sich in Farbe und Struktur kaum von Jacks Winterfell unterschied. Wir nannten ihn ihren „Eselsmantel“, und wenn Jack sie darin sah, spitzte er die Ohren und bekam große, runde Augen.
„Frank“, murmelte Jane dann, „verbiete ihm, dass er mich so ansieht!“
Mit der gleichen Unlogik fasste Jack eine Vorliebe für Herrn MacIntosh, der auf seinem Weg zum Bahnhof täglich an unserer Ecke vorüberkam. Die einzig mögliche Erklärung dafür wäre, dass der einen Kamelhaarmantel trug. Als ich eines Montagmorgens im Dezember beim Rasieren war, erscholl unten der Schreckensruf „Er ist los!“ Barfuß, im Schlafanzug, das Gesicht voller Seifenschaum, raste ich los.
Es schneite, und da die Bürgersteige noch nicht freigeschaufelt waren, ging MacIntosh mit einem Bekannten in den Reifenspuren der Autos zum 7.01-Uhr-Zug. Plötzlich tauchte aus dem Schneetreiben im Galopp der Esel auf und kam unmittelbar vor MacIntosh rutschend zum Stehen. Der Ärmste blieb, Auge in Auge mit der Erscheinung, wie angewurzelt stehen. Woraufhin Jack sich unvermutet sachte aufrichtete und zärtlich die Vorderhufe auf MacIntoshs Schultern legte. Just in diesem Augenblick kam ich keuchend angerannt; ich packte Jack beim Halfter und holte ihn auf die Erde zurück.
MacIntoshs Augen wirkten ein bißchen glasig. Mit leicht schwankender Stimme sagte er: „Na, wenn das nicht ein freundliches Tier ist!“
Von da an begrüßte Jack, wenn er draußen an seiner Leine war, den vorübergehenden MacIntosh jeden Morgen mit lautem Trompetenton.
Viele Dinge erregten Jacks Neugier, zum Beispiel Knöpfe. Er streckte den Kopf vor, drehte ihn zur Seite, und ehe man sich’s versah, hatte er einen Ärmelknopf abgebissen. Mit geschlossenen Augen zermalmte er genießerisch seine Beute. Bald hatte er sämtlichen Ärmelknöpfen meiner Mäntel und Jacketts den Garaus gemacht.
Das Esel-Taxi
Von unserem Haus zum Bahnhof ist es nur zwei Straßen weit, deshalb gehe ich morgens immer zu Fuß zum Zug. Viele andere Pendler, die weiter weg wohnen, lassen sich von ihren Frauen zum Bahnhof fahren und abends abholen. Es war schon immer mein heimlicher Wunsch, auch einmal nach einem langen Arbeitstag abgeholt zu werden. Aber warum sollte Jane aus dem Chaos der Vorbereitungen zum Abendessen und dem Mahlstrom der Hausarbeit wegrennen, um einen kerngesunden Ehemann zwei Straßenecken weit nach Hause zu fahren?
Nun hatte ich kurz vor Weihnachten in einem Warenhaus Einkäufe gemacht – mehrere umfangreiche Pakete. Es hatte den ganzen Tag geschneit, und ich beschloss, ausnahmsweise meinem heimlichen Wunsch nachzugeben. Ich rief also vor der Abfahrt Jane an und bat sie, mich vom Bahnhof abzuholen.
Noch ehe der Zug hielt, merkte ich, dass ich eine große Dummheit gemacht hatte. Jane war nicht am Bahnhof, dafür standen im Schnee zwischen den wartenden Autos vier Knirpse und ein gesattelter Esel.
Wäre Port Washington nicht Endstation gewesen, ich wäre nie ausgestiegen. So aber machte ich mich eine Weile im Abteil zu schaffen, als hätte ich etwas verloren. Schließlich warf der Schaffner auf seinem letzten Kontrollgang durch den Zug mir einen etwas befremdeten Blick zu und blaffte: „Port Washington! Endstation!“
Ich zog den Hut in die Stirn, schlug den Mantelkragen hoch und stahl mich aus dem Zug. Hoffentlich waren die anderen Pendler schon auf dem Heimweg. Ja, die meisten waren fort, aber nicht wenige standen doch wartend um Jack und die Kinder herum, um zu sehen, wem dieses eigenartige Beförderungsmittel gehörte.
Ich beschloss, die Sache durchzustehen. Lässig schlenderte ich zu meiner Nachkommenschaft hinüber und reichte Christopher meine Aktentasche und die Pakete zum Festbinden.
„Buenas tardes, muchachos“, sagte ich. „Hat Mamacita die enchiladas fertig?“ Die Kinder zeigten sich wirklich jeder Situation gewachsen. Während ich den beladenen Esel bestieg, erwiderte Alison: „Ja, aber sie hat gesagt, du möchtest aus dem Laden sechs Flaschen Bier mitbringen.“
Ihr Kinderlein, kommet...
Am Weihnachtsabend führten wir Jack früher als sonst spazieren und brachten ihn in seine Box; dann holten wir die große Tanne herein und stellten sie im Wohnzimmer auf. Um 22 Uhr war der Baum fertig geschmückt, und die Kinder gingen zu Bett. Jane und ich setzten die unvermeidlichen Schiebkarren und Dreiräder zusammen, räumten auf und entkorkten eine Flasche Wein. Fünf Minuten vor Mitternacht klingelte es an der Haustür.
Wer in aller Welt ...? Ein Telegramm? Der Weihnachtsmann?
Wir öffneten, und vor der Tür stand, in einen warmen Schal gewickelt, eine ältere Dame. Ich hatte sie schon mehrmals gesehen, denn sie hatte sich manchmal unseren nächtlichen Eselsritten angeschlossen. Wie sie sagte, hatte sie früher in Mexiko gelebt und viel mit Eseln zu tun gehabt. Wir baten sie, einzutreten und ein Glas Wein mit uns zu trinken, aber sie lehnte höflich ab. Nein, sie habe uns nur sagen wollen, dass am Weihnachtsabend um Mitternacht alle Tiere in
ihren Ställen niederknien, um das neugeborene Christkind zu ehren.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann hörte ich ein Geräusch und wandte mich um. Das Treppengeländer entlang zog sich eine Girlande von Kindergesichtern, die stumm auf uns hinabblickten; eigentlich hätten die Strolche längst schlafen sollen. Die Dame trat in den Schnee zurück und forderte uns auf: „Kommen Sie, Sie werden sehen.“ Die Kinder holten eilig ihre Jacken und Stiefel und liefen hinter der Dame her. Christopher reichte mir eine Taschenlampe. Leise betraten wir die Garage. Ich wusste, dass unser Esel gewöhnlich schnarchend flach auf der Seite lag. Ich knipste die Taschenlampe an.
Was soll ich sagen ... Jack kniete wirklich. Er hatte die Vorderbeine unter sich gezogen, die Augen geschlossen, die Ohren zurückgelegt – in vollendetem Weihnachtskartenstil.
Die Dame sagte leise zu den Kindern: „Seht ihr? Die Eselchen wissen, dass Weihnachten ist.“ Sie lächelte ihnen zu und ging.
Von Schlafen war jetzt bei den Kindern keine Rede mehr; wir blieben auf und lasen die Weihnachtsgeschichte. Später ging Angela noch einmal in die Garage und kam mit der Botschaft zurück: „Er liegt flach auf der Seite und schnarcht.“
Lieber rot als tot
Wir hatten nie beabsichtigt, Jack auf die Dauer in der Beengtheit unseres Hauses in Port Washington zu lassen. Wir besaßen in den Adirondack Mountains ein Sommerhaus und gedachten ihn dort draußen bei einem benachbarten Farmer auf die Koppel zu bringen.
Bei den ersten Frühlingszeichen fuhren wir hinaus, Jack in einem gemieteten Viehanhänger. Auf den Wiesen lag noch Schnee, aber Jack hatte es schön warm in Jim Harveys Stall. Dort fand er endlich auch vierbeinige Freunde – eine schwarz-weiße Kuh und einen Wallach namens Huckshaw. Wir sahen ihn erst im Sommer wieder, als die Familie die Ferien über ins Gebirge fuhr. Wir holten Jack auf unser Grundstück. Er war genauso selbstständig wie immer, bewegte sich ungezwungen zwischen den Gartenmöbeln und war auch noch ebenso gesellig. Zuweilen beugte er sich über meine Schulter und las mit in meinem Buch.
An einen Gewitterabend erinnere ich mich besonders gut. Ich hatte Gitarre gespielt und versucht, die Kinder zu Volkstänzen zu animieren. Jack, der mit uns auf der Veranda Zuflucht gesucht hatte, kam mit wissbegierigen Augen und gespitzten Ohren zu mir und beschnupperte das Instrument.
Anerkennung schmeichelt mir, auch wenn sie von einem Esel kommt. Ich spielte weiter. Nach einer Weile begann Jack mit dem rechten Vorderfuß den Takt zu klopfen. Ich hörte auf zu spielen – er hörte auf zu klopfen. Ich fing wieder an – er desgleichen. Ich habe dressierte Pferde im Zirkus zu einer Musikkapelle „Walzer tanzen“ sehen. Aber Jack war augenscheinlich musikalisch von Natur.
Kurz vor Schulanfang brachten wir unseren Esel wieder auf die Harvey-Farm. Das nächste Mal sah ich ihn im Spätherbst, als ich wie jedes Jahr noch einmal hinausfuhr, um das Wasser abzustellen. In dem Jahr machte ich eine lange Wanderung durch den prachtvollen Herbstwald, und am Spätnachmittag kam ich an der Mauer von Harveys Weide heraus. Etwa 100 Meter weiter saß ein Jäger auf dem grauen Gemäuer. Dann hörte ich es im Wald rascheln, der Jäger hob das Gewehr, und im selben Augenblick trat Jack aus dem Wald. Ich stieß einen Schrei aus, Jack machte kehrt und verschwand.
Der Jäger wandte sich empört zu mir um in der Meinung, ich hätte ihm den Schuss auf ein Stück Wild verpatzt. Er wollte auch nicht glauben, dass es kein Wild, sondern ein Esel gewesen war; erst als ich ihm die Abdrücke von Jacks Hufen im weichen Boden zeigte, ließ er sich überzeugen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Esel in der Dämmerung einem Wild so ähnlich sehen könne.
Ich sprach mit Jim Harvey über den Vorfall und er stimmte mir zu. Wir mussten etwas tun. Ich wusste, dass die Jäger bei uns rote Jacken tragen, damit sie nicht von anderen Jägern angeschossen werden. Diese farbenfreudige Tradition brachte mich auf eine Idee. Hinter dem Stall stand ein großer Bottich zum Desinfizieren von Schafen. Ich säuberte ihn und füllte ihn mit Wasser, in das ich einige Päckchen knallroter Farbe schüttete. Jim Harvey und ich steckten den Esel in die Farbbrühe. Sein Gesicht färbten wir mit einem Schwamm. Leuchtend rot, wirklich prachtvoll anzuschauen, ging er aus der Prozedur hervor. Die Farbe schadete ihm kein bisschen und hielte monatelang. Im Umkreis von mehreren Kilometern hieß Jack nun „der andersfarbige Esel“.
Ein sauberer Schuss
Ich wollte, diese Geschichte ginge glücklich aus, aber das tut sie leider nicht. Auch im folgenden Sommer teilte Jack unser Ferienidyll. Er war ein unentbehrlicher Gefährte beim Beerenpflücken, und wenn wir zelteten, trug er nicht nur unsere Pfannen, Eimer und Kochgeschirre, sondern auch die kleinen Kinder. Am Ende der Ferien brachten wir ihn wieder zu Jim Harvey. Im Juni des nächsten Jahres fuhren Christopher und ich hinaus, um das Haus in Ordnung zu bringen. Am Morgen nach unserer Ankunft kam Harvey herüber. „Ich kann den Esel nicht finden“, sagte der Farmer. „Er ist seit zwei Tagen verschwunden.“
Wir gingen zu ihm und kontrollierten den Zaun, aber der war in Ordnung. Dann sahen wir, dass Huckshaw, der Wallach, sein Futter nicht angerührt hatte. Er stand auf dem Scheunenhof, den Blick unverwandt auf einen kleinen Teich neben der Straße gerichtet. Wir gingen hinunter und fanden Jack. Er war erschossen worden – ein sauberer Schuss zwischen die Augen. Er hatte sicher nicht zu leiden brauchen.
Wir hatten sein Fell in dem Jahr nicht gefärbt, aber ich glaube kaum, dass es daran lag. Wahrscheinlich war er in der Abenddämmerung zum Teich hinuntergegangen, um den Fliegen zu entgehen, und das Opfer eines Wilderers geworden. Wir begruben Jack in der Nähe des Teiches auf einem windumwehten kleinen Hügel inmitten des weiten Graslands, das unsere Familie so liebte. Jeder von uns hatte Jack auf seine Weise liebgehabt. Wenn wir heute Fotos aus jener Zeit betrachten, denken wir natürlich auch an die Ärmel ohne Knöpfe und an alle möglichen anderen ärgerlichen Dinge. Aber am besten erinnern wir uns der nächtlichen Ausritte mit Jack, des schlafenden Brian in Alisons Armen und des Eselsschreis, der so fröhlich durchs Tal schallte.

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