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Autor: Doris Kochanek

Gendern - eine Frage des Anstands?

Benachteiligt unsere Sprache Frauen und Minderheiten? Ja, findet Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling.

© iStockfoto.com / Prostock-Studio

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Gendern ist unnötig und verhunzt die deutsche Sprache, sagen die einen. Frauen werden allzu häufig nicht mitgedacht, weil sie nicht explizit angesprochen werden und das muss sich ändern, sagen die anderen. Über Sinn und Unsinn des Genderns und inklusiverer Sprache haben wir mit Damaris Nübling gesprochen. Die Professorin lehrt Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Universität in Mainz.

Reader’s Digest: Ums „Gendern“ wird sehr emotional debattiert. Aber was bedeutet eigentlich „gendern“?

Damaris Nübling: Das ist nichts anderes als sich geschlechtersensibel auszudrücken, sodass man möglichst beide Geschlechter in die Sprache einbezieht. Dafür muss man die Sprache nicht umkrempeln, wie das gerne von Gegnern dargestellt wird. Unsere Sprache ist bisher sehr männlich geprägt, das ist bekannt.

Ist das wissenschaftlich belegt?

Ja. Nehmen Sie „der Arbeiter von heute“ oder „der Student von heute“. Die meisten Versuchspersonen, denen man solche Begriffe vorlegt, stellen sich darunter mehrheitlich oder ausschließlich Männer vor. Vor allem Berufsbezeichnungen im Maskulinum werden männlich assoziiert, selbst dann, wenn mehrheitlich Frauen in diesen Berufen arbeiten. Stichwort der Pfleger, der Erzieher, der Verkäufer.

Aber als generisches Maskulinum bezieht „der Verkäufer“ die Verkäuferin doch mit ein?

Dass das nicht gilt, das haben mittlerweile etwa drei Dutzend sprachwissenschaftliche Untersuchungen unterschiedlichen Designs nachgewiesen. Das sogenannte generische Maskulinum funktioniert nicht, es unterrepräsentiert Frauen und schließt sie manchmal sogar aus. Es taucht übrigens auch erst in den 1960er-Jahren in den Grammatiken auf. Frühere Grammatiken – und wir haben diese schon mehrere Jahrhunderte fürs Deutsche – erwähnen es nicht.

Der Sprachgebrauch beeinflusst also unsere Vorstellung von der Welt. Hat das praktische Konsequenzen?

Macht man die angesprochenen Versuche mit Kindern und verwendet Berufsbezeichnungen in beiden Formen, also Physikerin und Physiker, Polizistin und Polizist, können Mädchen sich viel häufiger vorstellen, diese Berufe auszuüben, als wenn nur von Physikern und Polizisten die Rede ist. Oder denken Sie an Frau und Fräulein. Für Männer existierte kein entsprechendes Wortpaar. Bis in die 1970er-Jahre hat dieses Wortpaar zwingend über jede Frau Auskunft gegeben: Hat sie einen Ehemann oder nicht? Eine Frau war also nur in Relation auf einen Mann vorstellbar. Heute ist das völlig egal. Dazu trägt entscheidend bei, dass das Wort „Fräulein“ nicht mehr bereitliegt, weil es abgeschafft wurde.

Wie kommt es zu solchen Änderungen im Sprachgebrauch?

Sprache ist ein Produkt von kollektiven Handlungen, Sprachwandel ebenfalls. Jenen hin zu vermehrter Geschlechtergerechtigkeit haben wir übrigens schon sehr viel länger, als man glaubt. Manches musste allerdings regelrecht erstritten werden, wie die „Amtfrau“. In den 1960er-Jahren haben Frauen noch „Amtmann“ oder „Kaufmann“ gelernt. Schon damals haben sie sich dagegen gewehrt. Man hat ihnen dann zugestanden, sich „Amtmännin“ oder „Kaufmännin“ zu nennen. Aus heutiger Sicht lächerlich. Eine Frau hat schließlich geklagt und so die „Amtfrau“ durchgesetzt. Kauffrau ist heute auch normal, war aber noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar. Man hat die Frauen davor gewarnt, dass damit käufliche Frauen gemeint sein könnten.

Warum weckt gerade die Veränderung hin zu einer geschlechtersensiblen Sprache so heftige Emotionen?

Ich denke der Hauptgrund ist, dass wir nach wie vor in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, auch wenn sie bereits egalitärer geworden ist. Vor allem Männer fühlen sich sehr wohl in dieser Sprache, die sie bevorzugt. Wenn man einen Kuchen plötzlich durch zwei teilen, ein Stück abgeben soll, ist das ein Verlust. Andere haben den Eindruck, sie werden von geschlechtersensibler Sprache bevormundet, obwohl es keine Regel, kein Gebot gibt, dass Privatpersonen jetzt anders sprechen müssten als früher. Was sich abspielt, ist zudem ein Generationenkonflikt. Denn es sind vor allem die Älteren, die das Gefühl haben, es wird ihnen etwas weggenommen von dem, was ihnen zusteht – und dagegen protestieren sie. In der jüngeren Generation, grob gesagt bis etwa 30 Jahre, ist gendern schon ganz normal, sehr vielen ist es ein echtes Bedürfnis. Das sollte man tolerieren.

Wie gendert man denn nun richtig?

Es gibt viele Wege zum Ziel. Sonderzeichen, also ein Sternchen oder den Gendergap genannten Unterstrich, oder einen Doppelpunkt plus „innen“ in Personenbezeichnungen eingefügt, sind nur eine Möglichkeit unter vielen, die aber nicht regelkonform sind. Sie kommen beim privaten Schreiben vermehrt vor. Eine andere ist die Umschreibung. Statt „alle Teilnehmer“ kann man „alle, die teilnehmen“ sagen. Doppelformen wie „Arbeiterinnen und Arbeiter“ zu gebrauchen ist eine weitere. Oder man verwendet die sogenannten Präsens-Partizipien, wie „alle Studierenden“, „alle Teilnehmenden“. Diese Formen mit -end werden im Plural als geschlechtsneutral wahrgenommen. Denken Sie an die Helfenden, die Teilnehmenden, die Mitarbeitenden. Keine dieser Konstruktionen sollte man überstrapazieren. Es kommt darauf an, eine gute Mischung zu finden, um möglichst die maskulinen Personenbezeichnungen im Singular zu vermeiden.

Kritiker klagen, sie dürften nicht mehr sprechen, wie sie wollen.

Es gibt keine Sprachpolizei, die jemanden verhaftet, weil er oder sie das alte Sprechen fortsetzt. Gendern als Sprachdiktatur zu bezeichnen, wie manche das tun, ist absurd. Was aber tatsächlich passiert, ist eine sozialstilistische Aufladung, wie wir das nennen. Da werden Personen bestimmte politische, weltanschauliche und soziale Einstellungen zugeschrieben. Das ist sehr bedauerlich, denn natürlich ist es falsch zu sagen, dass alle, die sich nicht fürs Gendern interessieren, rechts wären – oder die anderen links.

Eine Sprachpolizei gibt es nicht. Wer bestimmt also darüber, ob ein Begriff beleidigend ist?

Immer diejenigen, die damit bezeichnet werden, denn sie sind es ja, die dadurch verletzt werden. „Krüppel“ ist ein gutes Beispiel, für einen Sprachwandel, der von den Gemeinten ausging. Für viele Nichtbehinderte war es früher völlig normal, dieses stark negativ empfundene Wort zu verwenden. Ab den 1960er-Jahren wiesen behinderte Menschen dieses Wort zurück. Dem wurde tatsächlich Rechnung getragen. Wir sagen heute nicht mehr „Krüppel“, sondern „Behinderte“, „Personen mit Behinderung“ oder „beeinträchtigte Personen“.

Wenn die Mehrheitsgesellschaft jedoch keine Rücksicht nimmt, ergreifen manche diskriminierte Gruppen eine andere Strategie, sprachwissenschaftlich Resignifizierung genannt. Dabei nimmt die betroffene Gruppe den anderen das degradierende Wort weg, indem sie sich selbst damit bezeichnen, und Selbstbezeichnungen sind immer positiv. Die Schwulenbewegung zum Beispiel hat das Wort „schwul“ aufgegriffen, zur Selbstbezeichnung umgemünzt und es dadurch aufgewertet.

Wie gehen wir mit abwertenden Begriffen in historischen Texten richtig um, wie zum Beispiel dem „Negerkönig“ in alten Ausgaben der Pippi-Langstrumpf-Bücher?

Ich würde Astrid Lindgren nicht umschreiben, denn die Wörter sind in der Welt. Sie haben erst im Lauf der Zeit eine Abwertung erfahren. In historischen Texten, in denen das noch nicht der Fall war, finde ich es besser, dass man aufklärt, indem man zum Beispiel eine Fußnote hinzufügt und benennt, dass diese Wörter heute abwertend sind. Sie finden sich in vielen historischen Dokumenten. Sobald man sich beispielsweise mit der Kolonialgeschichte befasst, stößt man ständig darauf. Dann ist es wichtig, dass man sie einzuordnen weiß. Klar muss sein: Sie heute zu verwenden ist völlig illegitim. Dass man sie meidet, ist ein Gebot des Anstands, des Respekts und der Menschlichkeit.

Prof. Damaris Nübling,

ist 1963 geboren. 2000 wurde sie auf den Lehrstuhl für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen der Universität in Mainz berufen. Seit 2018 ist sie zudem Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für deutsche Sprache. Mit dem Gendern beschäftigen sich auch ihre Bücher Genderlinguistik sowie Genus und Geschlecht.

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