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Autor: Dorothee Fauth

So wird ein Teddy-Bär draus!

Bei Steiff entstehen Stofftiere in Handarbeit. Wir begleiten Teddy Fynn beim Start ins Leben.

So wird ein Teddy-Bär draus!

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©Heinz Heiss

Er ist da! 28 Zentimeter groß, blond, rundes Bäuchlein, Stupsnase. Soeben hat Fynn das Licht der Welt erblickt – zwischen Giraffen, Löwen und Einhörnern. Die Geburtsstätte des properen Kerlchens ist die Stofftiermanufaktur Steiff im baden-württembergischen Giengen an der Brenz. Jenes Unternehmen, das 1880 mit einem kleinen Filzelefanten der Gründerin Margarete Steiff seinen Anfang nahm. 

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Fynn ist ein knuffiger, kuscheliger Schlenkerbär für Kinder. Bevor er auf die Welt kommt, lagert er als Stoffballen aus synthetischer Wirkware, die sich wie Plüsch anfühlt, zwischen Hunderten anderer Ballen im Materialdepot. „Im Gegensatz zu den Sammler­bären muss er die Spielzeugnormen erfüllen, also auch waschbar sein“, erklärt Sunnhild Walzer, Leiterin des Entwicklungszentrums, in dem vor allem Pro­to­typen, aber auch Kleinaufträge gefertigt werden. 1989 machte die heute 52-Jährige bei Steiff ein Praktikum, um ihren Führerschein zu finanzieren. Sie blieb und fing als Näherin an. „Ich kann noch immer einen kompletten Bären herstellen“, sagt sie. 

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Fynns Schöpfer ist einer der sechs Designer im Haus, der den Bären in Form von 26 Pappschablonen entworfen hat. Die Konturen dieser akribisch beschrifteten Schnittmuster werden auf den Stoff übertragen und mit der Schere von Hand präzise ausgeschnitten: zweimal Bauch und Arme, zweimal Rücken, viermal Schnauze… 

Fynns Einzelteile wandern nun zu Adelheid Scharle, die an der Pfaff-Nähmaschine sitzt. Mit der linken Hand führt sie den Stoff unter dem Nähfuß, in der rechten hält sie ein Küchenmesser. Damit streicht sie den Flor nach innen, bevor sie mit der Nadel die Stiche setzt. So ist es einfacher, die Nahtbreite von vier Millimetern einzuhalten, und die Naht bleibt unsichtbar, weil sie im Flor verschwindet. Denn der Teddy wird auf links zusammengenäht, sodass die plüschige Seite erstmal nach innen zeigt.

Die Näherin setzt das Puzzle Stich für Stich zusammen

Nur das leise Surren der Maschinen unterbricht die Ruhe im Kreißsaal der Kuscheltiere. Routiniert legt Adelheid Scharle die einzelnen Teile akkurat aufeinander, zirkelt den Stoff für Rundungen eng um die Nadel und setzt das 3-D-Puzzle Stich für Stich zusammen. Was Außenstehende schon beim Zuschauen überfordert, folgt einem Plan, den sie vermutlich im Schlaf abarbeiten könnte. Genäht wird von oben nach unten. Die Ohren zuerst, dann der Kopf mit schwarzer Samtnase, Körper und Arme, zuletzt Beine und Fußsohlen. Die Rückennaht bleibt offen.

Seit 1983 arbeitet die gebürtige Siebenbürgerin bei Steiff. Schon ihr Opa und die Mutter waren Schneider. „Ich wollte auch etwas mit Textilien machen“, sagt sie. Damals war das Schneiderhandwerk noch kein Ausbildungsberuf mit Abschluss, der hier Textil- und Modenäher heißt. Daher lernte sie ein Jahr im Unternehmen, bevor sie auf die Teddys und ihre Kumpels losgelassen wurde. „Vergessen Sie alles, was Sie übers Nähen wissen“, hatte man ihr damals erklärt. „Die größte Herausforderung ist der elastische Stoff, der mit elastischem Faden genäht wird“, sagt Adelheid Scharle. Dazu benötigt sie viel Gefühl für die Maschine. Was ihr an der Arbeit besonders gefällt: Sie näht immer einen ganzen Bären, nicht nur Ohren oder Beine. Und zwischendurch auch mal einen Saurier oder ein Sammlerstück. „Die Abwechslung macht Spaß, denn jeder Designer hat seine eigene Handschrift“, sagt sie und legt den fertigen, aber immer noch auf links gedrehten Fynn in eine rote Kiste.

Mit Druckluft und Getöse wird Fynn Leben eingehaucht

Die nächste Station ist der Augendoktor, wo Kuller-, Katzen- und blaue Hus­ky­augen nach Größe in Kästchen sortiert sind. Wie bei einem Druckknopf werden eine Sicherheitsscheibe und das Auge durch ein vorgestanztes Loch im Stoff zusammengesteckt und mit einer Spindelhandpresse festgedrückt. „Die Augen müssen 90 Newton, also etwa neun Kilogramm Zuggewicht aushalten“, erklärt Sunnhild Walzer. Mit immerhin 70 Newton Reißfestigkeit behaupten sich die Stoffnähte gegen Wutanfälle und Kinderstreit.

Wie ein Zombie sieht Fynn noch aus, als sich Sunnhild Walzer mit ihm an die Wendemaschine setzt. Sie spießt den Kopf auf und schiebt diesen über einen Metallbügel durch die offene Rückennaht auf rechts, also auf die plüschige Seite des Stoffs – und schon schaut ein freundliches Bärengesicht in die Welt. Mit Armen und Beinen verfährt sie ebenso und streicht alle Nähte aus. Nach dieser Metamorphose zum Teddybären wird dem noch immer schlaffen Kerlchen Leben eingehaucht. Mit Druckluft und Getöse pustet die Füllerin silikonisierte Hohlfasern, die in einer Maschine wirbeln, in seinen Leib. Das spezielle Material nimmt selbst nach dem Waschen wieder seine Ursprungsform an. Das Bäuchlein wölbt sich. „Die Kollegin muss mit den Händen ertasten, ob die Füllung gleichmäßig verteilt ist“, erklärt Sunnhild Walzer. 

Ein Granulatsäckchen im Popo verleiht Fynn Sitzfleisch

Zur Kontrolle wird Fynn gewogen und bekommt dann ein Granulatsäckchen in den Popo geschoben, damit er besser sitzt. Nun muss er noch zum Zunähen und Garnieren – eine etwas demütigende Prozedur, denn dazu landet er im Schraubstock. Mit engen Matratzenstichen vernäht Anja Strehle die Rückennaht und stickt ihm anschließend mit schwarzem Garn die Mundpartie auf. Sofort breitet sich ein verschmitztes Grinsen in Fynns Gesicht aus. „Jeder Bär ist ein kleines Individuum“, sagt Sunnhild Walzer. „Sie sehen immer minimal verschieden aus.“

Ohne gekämmt zu sein, verlässt aber kein Bär das Haus Steiff. Dabei werden lose Fusseln entfernt und eingenähte Haare ausgekratzt. Wie bei der Erstuntersuchung von Neugeborenen folgt nun ein gründlicher Check, wobei keine Vitalfunktionen auf der Prüfliste stehen. Kontrolliert wird, ob die Augen gerade sitzen, die Füllung gleichmäßig verteilt ist und die Nähte unsichtbar sind. Das Finale ist jetzt nur noch einen Klick entfernt: Fynn wird ein silberner Knopf und eine gelbe Fahne mit Logo ins Ohr gestanzt. Mit diesem Markenzeichen gehört er nun zur Steiff-Familie.

Nach vier bis fünf Stunden Handarbeit ist der Teddy bereit, die Welt zu erobern. Er wird kein Designerbär für Joop oder das Thronjubiläum von Queen Elizabeth werden. Dafür darf man ihn drücken, durch die Gegend schleifen und als treuen Freund mit unter die Bettdecke nehmen.

Kontakt: Margarete Steiff GmbH Richard-Steiff-Str. 4, 89537 Giengen/Brenz; Tel. 0 73 22/13 12 22; www.steiff.com

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