Gesundheit

Autor: Susannah Hickling

Rezeptfreie Medikamente: wirklich harmlos?

Statt sofort zur Tablette zu greifen, nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und lesen Sie die Warnhinweise für rezeptfreie Medikamente.

© istockfoto.com / PeopleImages

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Auch wenn viele in Apotheken frei erhältlich sind, heißt das nicht, dass rezeptfreie Medikamente harmlos sind. „Jedes Medikament ist ein potenzielles Gift“, betont Professor Dr. Bart Morlion, Leiter des Zentrums für Algologie und Schmerzmanagement des Universitätsklinikums UZ Leuven, Belgien. Die meistverkauften rezeptfreien Schmerzmittel in Europa sind Paracetamol, Aspirin, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac sowie Codein. Welche Medikamente rezeptfrei erhältlich sind, ist von Land zu Land unterschiedlich. Wenn Sie außerdem andere Medikamente einnehmen, lassen Sie sich vor der Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel beraten. Diese könnten Wechselwirkungen verursachen, das Risiko von Nebenwirkungen erhöhen oder sogar die Wirkung anderer Medikamente mindern.

Welche Mittel kommen also infrage, wenn Sie Schmerzen haben?

Paracetamol

Paracetamol wird zur Behandlung von Kopfschmerzen, allen anderen nicht nervlich verursachten Schmerzen und Symptomen bei Viruserkrankungen eingesetzt. „Es ist sicherer und genauso wirksam wie andere Medikamente“, erklärt Marcel Bouvy, Professor für pharmazeutische Versorgung an der Universität Utrecht. Außerdem wird es als erste Option zur Behandlung von Fieber und Schmerzen bei Covid-19 empfohlen. Der größte Vorteil von Paracetamol besteht darin, dass es kaum Nebenwirkungen hat. „Bei korrekter Anwendung ist das Medikament gut verträglich“, erklärt Rheumatologe Dr. Serge Perrot, Leiter des Bereichs Schmerzmanagement am Hôpital Cochin in Paris. „Es kann den meisten Menschen verabreicht werden, sogar gebrechlichen oder gefährdeten Patienten.“

Einige Studien zeigten ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme und Magen-Darm-Blutungen. Doch Dr. Perrot glaubt, dass die Ursache hierfür darin liegen könnte, dass Paracetamol oftmals ältere Patienten erhalten, die andere Risikofaktoren haben. Leberversagen ist die gefährlichste Nebenwirkung von Paracetamol, wenn man es überdosiert oder an einer Lebererkrankung leidet. Nehmen Sie das Mittel nicht zusammen mit Medikamenten, die ebenfalls Paracetamol enthalten wie Erkältungs- oder Grippemittel. Sonst besteht die Gefahr einer unbeabsichtigten Überdosierung. Außerdem sollten Sie Alkohol meiden, da er die Leber zusätzlich belastet.

Codein

Dieses Mittel verhindert, dass Schmerzsignale über die Nervenbahnen zum Gehirn gelangen. Es sollte nur verwendet werden, wenn Paracetamol und NSAR nicht wirken. In einigen Ländern ist Codein, obwohl es süchtig macht, in kleinen Dosen in Kombinationspräparaten mit Paracetamol, Aspirin oder Ibuprofen rezeptfrei erhältlich. „Codein ist ein Opioid, das Morphium in der chemischen Zusammensetzung ähnelt“, erläutert Roger Knaggs, Fachapotheker für Schmerzmanagement und Dozent am Institut für Pharmazie an der University of Nottingham, Großbritannien. (Siehe auch Sucht auf Rezept in der Oktober-Ausgabe 2020)
Codein wird in der Leber in eine geringe Dosis Morphium umgewandelt. Doch die Sache hat einen Haken. „Es lässt sich schwer verstoffwechseln“, erklärt Dr. Morlion. „Bei jedem achten Patienten funktioniert die Schmerzlinderung nicht, da er nicht in der Lage ist, den Stoff umzuwandeln. Bei den anderen dagegen läuft der Prozess so effizient ab, dass sie eine hohe Dosis Morphium abbekommen.“ Und das kann süchtig machen. Es ist wichtig, dass Sie sich strikt an die im Beipackzettel genannte Dosis halten und das Mittel zu oder nach einer Mahlzeit einnehmen, um Übelkeit vorzubeugen. Codein ist zudem dafür bekannt, Verstopfung zu verursachen. Eine weitere Nebenwirkung ist Schläfrigkeit, die durch Alkohol noch verstärkt wird. Weniger häufig, aber beunruhigend, sind Atemprobleme oder Krämpfe. In Verbindung mit bestimmten Medikamenten gegen Bluthochdruck, Allergiesymptome, Depression und Schlaflosigkeit erhöht sich das Risiko für Nebenwirkungen. Codein darf nicht eingenommen werden, wenn man schwanger ist oder an Nieren- oder Leberbeschwerden, Prostatavergrößerung, Gallensteinen, chronischer Dickdarmentzündung, niedrigem Blutdruck oder Schilddrüsenunterfunktion leidet. Unter Zwölfjährige dürfen es auch nicht einnehmen – es gab Todesfälle, nachdem Atembeschwerden aufgetreten waren. Viele Ärzte sind gegen die einfache Verfügbarkeit von Schmerzmitteln mit Codein. Schmerzexperten verweisen ausdrücklich darauf, dass es bewährte Alternativen zu rezeptfreien Schmerzmitteln gibt. Dazu gehört bei muskulären Zerrungen und Verstauchungen die PECH-Regel (Pause, Eis, Compression und Hochlagern). Salben und Gele auf Menthol- oder Chili-(Capsaicin)-Basis sowie Entspannungstechniken zur Schmerzlinderung können bei anhaltenden Schmerzen hilfreich sein. Bleiben Sie in Bewegung. Achtsamkeitsübungen, Yoga oder Tai-Chi können im Umgang mit hartnäckigen Beschwerden ebenso helfen.

„Nicht bei jedem Schmerz ist ein Medikament erforderlich“, betont Professor Morlion. Falls Sie eins brauchen, gilt: „Nehmen Sie rezeptfreie Schmerzmittel nur so kurz wie möglich ein. Eine längerfristige Einnahme sollte niemals ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt erfolgen“, erklärt Knaggs.

Fotos: © Fotos: istockfoto.com / sgursozlu

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