Gesundheit

Autor: Stella Cornelius-Koch

Wenn Ihr Arzt nicht weiterweiß

Der Arzt kann die Ursache Ihrer Beschwerden nicht finden, oder sie bessern sich trotz Behandlung nicht? So finden Sie Hilfe.

© iStockfoto.com / g-stockstudio

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Viele Patienten leiden oft jahrelang unter unerklärlichen Symptomen und Beschwerden. So mancher gewinnt den Eindruck, die Ärzte könnten oder wollten nicht helfen, resigniert oder sucht sein Heil in alternativmedizinischen Behandlungen. „Geben Sie nicht zu schnell auf“, rät Holger Schelp, einer der Vorsitzenden des Hausärzteverbandes Bremen. „Oft ist es sinnvoll, den erstbehandelnden Arzt erneut aufzusuchen und zu berichten, dass Ihre Beschwerden sich nicht gebessert haben.“ Der Hausarzt sollte Ihr zentraler Ansprechpartner bleiben, denn er erhält alle Informationen der Kollegen, an die er sie eventuell weiterverweist. Er hat also den Überblick. „Wenn Sie sofort andere Ärzte konsultieren, laufen Sie zudem Gefahr, dass der gesamte Beratungs- und Behandlungsprozess wieder von vorn beginnt“, warnt Schelp. Vereinbaren Sie deshalb zunächst einen weiteren Termin beim Hausarzt. Es steht Ihnen übrigens frei, eine vertraute Person zu bitten, Sie zum Arzt zu begleiten. „Führen Sie ein Symptom-Tagebuch, um sich auf das Gespräch vorzubereiten. Ein solches Tagebuch hilft dem Arzt dabei, den Verlauf der Beschwerden nachzuvollziehen und Ihnen als Patient, wichtige Details nicht zu vergessen“, erklärt Dr. Johannes Schenkel, ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD).
Sollten Ihnen relevante medizinische Vorbefunde vorliegen, die der Arzt nicht hat, bringen Sie diese mit. Sind in Ihrer Familie ähnliche Beschwerden und Erkrankungen aufgetreten, informieren Sie ihn darüber. Ebenso wie über Arzneimittel, die sie auf eigene Faust einnehmen. Klären Sie im Gespräch, ob Sie verordnete Therapien korrekt durchgeführt haben: Haben Sie beispielsweise Medikamente richtig dosiert oder die Einnahme womöglich aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen? Besprechen Sie zum Schluss, wann Sie zur Kontrolle wiederkommen sollen. Halten Sie sich bis dahin an die vorgeschlagene Therapie. Das bedeutet zum Beispiel: Nehmen Sie verschriebene Medikamente genau wie verordnet ein, führen sie eventuelle Blutdruck- und Blutzuckerkontrollen sorgfältig durch, beachten Sie Ernährungsvorschriften, und machen Sie bei orthopädischen Beschwerden regelmäßig die vom Physiotherapeuten empfohlenen Übungen. Darüber hinaus gilt: Haben Sie Geduld. „Der Körper braucht Zeit zur Regeneration und Ausheilung, die Sie ihm geben sollten“, erklärt Professor Christiane Waller, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin am Klinikum Nürnberg. Achten Sie auch auf kleine Fortschritte. „Jede Veränderung eines Symptoms ist ein gutes Zeichen“, sagt die Expertin.


Im Zweifel eine Zweitmeinung einholen

Nicht immer führt eine Behandlung zum gewünschten Erfolg, manches Leiden ist ein Fall für den Facharzt. Normalerweise wird Ihr Hausarzt Sie in beiden Fällen überweisen. „Sollte dies nicht passieren, ergreifen Sie ruhig die Initiative“, rät Dr. Schenkel. „Die Mehrzahl der Fachärzte können Sie als Patient auch ohne Überweisung aufsuchen. Ausnahmen sind unter anderem Röntgen-, Labor- und Strahlenmediziner sowie Versicherte, die mit ihrer Krankenkasse einen sogenannten Hausarztvertrag abgeschlossen haben.“ Ähnliches gilt in Österreich. Bei der Arztsuche und Terminvergabe sind gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer behilflich.
Sollten sich Ihre Beschwerden trotz fachärztlicher Behandlung nicht bessern oder gar verschlimmern, erhalten Sie keine oder eine unklare Diagnose, kann das Einholen einer Zweitmeinung durch einen weiteren Arzt derselben Fachrichtung sinnvoll sein. In Deutschland müssen Ärzte vor bestimmten Operationen wie Kniegelenkersatz auf das Recht zur Zweitmeinung sogar ausdrücklich hinweisen. Lassen Sie sich vom Erstbehandelnden alle Unterlagen und Untersuchungsergebnisse aushändigen. Er ist verpflichtet, sie Ihnen zur Verfügung zu stellen. Damit kann sich der zweite Arzt ein besseres Bild machen, und Sie ersparen ihm und sich Zeit. Die Kosten übernehmen in der Regel die gesetzlichen Krankenkassen, fragen Sie vorab nach. Diese Empfehlung gilt insbesondere auch für Patienten in Österreich.
Selbst eine Zweitmeinung ist jedoch keine Garantie für einen Behandlungserfolg. Dazu kommt: Gerade seltene Erkrankungen sind oft schwer zu diagnostizieren. „Eine Ärzte-
Odyssee ist zermürbend und frustrierend für Patienten“, sagt Schenkel. „Laufen Sie deshalb nicht immer weiter von Arzt zu Arzt. Haben Sie den Verdacht, an einer seltenen Erkrankung zu leiden, sollten Sie sich an ein spezialisiertes medizinisches Zentrum für seltene Erkrankungen wenden.“


Körper und Psyche gehören untrennbar zusammen

Selbst wenn sich mit medizinischen Geräten und Untersuchungsverfahren keine körperlichen Veränderungen darstellen lassen, bedeutet dies nicht, dass sie nicht vorhanden sind. Yvonne Kronfeld hat dies erlebt. „Im März 2020 hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Es war, als ob mein Hals zugeschnürt sei“, berichtet die Einzelhandelskauffrau aus Norddeutschland. Ihr Hausarzt veranlasste eine Magenspiegelung beim Facharzt. Dieser fand keine organische Ursache für Kronfelds Symptome, genau wie der zu Rate gezogene Hals-Nasen-Ohren-Arzt. „Mein Hausarzt hielt meine Beschwerden deshalb für seelisch bedingt, zumal wenige Monate zuvor meine Mutter gestorben war, und wollte mir Psychopharmaka verschreiben“, erzählt Kronfeld. Sie war sicher, es müsse einen anderen Grund geben und lehnte die Medikamente ab. Schließlich suchte die heute 38-Jährige Rat in Selbsthilfeforen und stieß auf das Krankheitsbild Stiller Reflux. „Dessen Symptome passten genau zu meinen Beschwerden“, erzählt sie. Sie bat ihren Arzt um eine Überweisung in eine Klinik. Dort untersuchte sie ein Facharzt mit einem Spezialverfahren und bestätigte ihre Vermutung. „Ich war so dankbar, dass mich endlich jemand ernst nahm“, sagt Kronfeld, die heute magensäurehemmende Mittel nimmt und ihre Ernährung umgestellt hat. „Damit lebe ich jetzt gut.“

Wenn Sie sich nicht ernst genommen fühlen, äußern Sie dies ruhig. Bleiben Sie aber offen für die Möglichkeit, dass Ihre Beschwerden durch „die Seele“ beeinflusst oder auch verursacht sein können. Sind keine organischen Ursachen für ein Leiden zu finden, spricht die Medizin von funktionellen oder somatoformen Beschwerden. „Die meisten Ärzte wissen, dass Körpersymptome auch durch Gehirn und Psyche gesteuert werden“, erklärt Chefärztin Christiane Waller aus Nürnberg. Seien Sie ehrlich mit sich selbst, berücksichtigen Sie Faktoren wie Stress, belastende Situationen in Familie und Beruf, eine mögliche Depression oder Gefühle von Ausgebranntsein. Manchmal ahnen Patienten bereits, dass die Seele zumindest einer Mitbehandlung bedarf, während der Arzt noch nach körperlichen Ursachen sucht. „Im Praxisalltag mangelt es den Kollegen oft an der notwendigen Zeit, dem Zusammenhang zwischen Körper und Seele auf den Grund zu gehen“, erklärt die Expertin.
Haben Sie diesen Eindruck, kann ein Besuch bei einem Facharzt für Psychosomatische Medizin weiterhelfen. „Dieser hat oft mehr Zeit für das Gespräch und kann Beschwerden differenziert betrachten. Er kennt sich in der Wechselwirkung zwischen Körper und Seele am besten aus und versteht die Biologie dahinter“, sagt Waller. Die Bereitschaft, genau hinzuhören, bewies der Hausarzt von Andreas Becker* aus Bremen. Mehrere Jahre litt der heute 58-jährige Elektrotechniker immer wieder unter Magenschmerzen und Schlafstörungen. „Die Beschwerden traten vor allem dann auf, wenn ich beruflich oder privat viel Stress hatte“, berichtet er. Als Becker seinem Arzt davon erzählte, empfahl dieser ihm, nur bei sehr starken Schmerzen ein Medikament einzunehmen und ansonsten für Entspannung zu sorgen. Beispielsweise durch viel Bewegung im Freien und beruhigende Körperübungen. „Seitdem ich dies befolge, geht es mir besser“, sagt Andreas Becker.


Richtig dosiert aus seriösen Quellen informieren

Berit Vogel und Yvonne Kornfeld sind der Ursache ihres Leidens mithilfe des Internets auf die Spur gekommen. Falls auch Sie dort nach möglichen Ursachen und Behandlungsverfahren von Beschwerden suchen, achten Sie darauf, vertrauenswürdige Quellen zu nutzen. „‚Dr. Google‘ hält viele qualitativ hochwertige und nützliche Informationen zu Gesundheitsthemen bereit, leider aber auch mindestens ebenso viele irreführende oder schlichtweg falsche“, erklärt Johannes Schenkel von der UPD. Seriöse Quellen betreiben keine Werbung für bestimmte Produkte oder Verfahren, stellen umfassende und ausgewogene Informationen zur Verfügung, belegen ihre Aussagen mit Quellenangaben, nennen relevante Studien. Eine gute erste Anlaufstelle sind die Websites der gesetzlichen Krankenkassen sowie die für Patienten aufbereitete Informationen der medizinischen Fachgesellschaften.
Denken Sie auch daran: Zu viel Information kann Verwirrung stiften, und nicht alle Beschwerden sind Ausdruck einer behandlungsbedürftigen Erkrankung. Haben Sie also keine Angst, wenn Sie selbst oder der Arzt nicht jedes Symptom erklären können. „Das meiste gehört einfach zum normalen Ausdruck eines gesunden Körpers“, beruhigt Professor Christiane Waller.


Hilfe aus dem Netz

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen informiert über Krankheiten. Unter „Anhaltende Beschwerden“ finden Sie auch eine Checkliste für den Arztbesuch: www.gesundheitsinformation.de
Die Unabhängige Patientenberatung gibt Hilfestellung bei gesundheitsrechtlichen Fragen: www.patientenberatung.de
Selbsthilfegruppen finden Sie unter: www.nakos.de
Auch das Öffentliche Gesundheitsportal Österreichs hält Checklisten, Informationen zu Erkrankungen, sowie Suchfunktionen zu Selbsthilfegruppen und Ärzten für Patienten bereit: www.gesundheit.gv.at


*Name von der Redaktion geändert.

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