Menschen

Autor: Annette Lübbers

Erste Hilfe am Straßenrand

Ein Mann droht zu verbluten. Claudia Wilson rettet sein Leben – mit einem Gürtel.

Claudia Wilson steht neben der Straße, auf der sie einem schwer verletzten Motorradfahrer das Leben gerettet hat.

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©Marian Lenhard

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Als Krankenschwester hat Claudia Wilson schon viele belastende Situationen überstanden. Trotzdem war die 60-Jährige immer froh darüber, nie mit einem schweren Unfall konfrontiert worden zu sein. „Ich habe mich manchmal gefragt, wie ich wohl im Ernstfall reagieren würde“, sagt die Großmutter von drei Enkelkindern. Seit dem 5. April 2024 muss sie sich diese Frage nicht mehr stellen. 

Gegen 20 Uhr ist Wilson an jenem Abend von der Spätschicht auf dem Weg nach Hause. Sie arbeitet in einem Dialysezentrum in Fulda und wohnt im kleinen Örtchen Kalbach. Etwa 20 Minuten braucht sie für die Fahrt dorthin. Die Krankenschwester will so schnell wie möglich heim und ins Bett, denn morgen hat sie Frühdienst. Sie ist erst wenige Minuten unterwegs, als vor ihr Bremslichter aufleuchten. Auch Wilson bremst ab und schaltet die Warnblinkleuchte ein. „Was ist da bloß los?“, fragt sie sich. „Hier ist doch sonst nie Stau.“ Die Autos auf der Gegenfahrbahn sind ebenfalls stehen geblieben. Der Wagen direkt vor Wilson schert nach links aus und drängt sich an der Autokolonne vorbei. Das gibt der Krankenschwester einen besseren Blick auf die Fahrbahn weiter vorn. In der Dämmerung kann sie eine Silhouette am linken Fahrbahnrand erkennen. Liegt da vielleicht ein Wildschwein? 
Kurzentschlossen steigt Wilson aus ihrem Wagen und geht auf den Körper am Boden zu. Fünf Schritte. Zehn Schritte. Dann sieht sie: Da liegt ein Mann auf dem Asphalt. Regungslos und mit ausgebreiteten Armen. Er trägt einen olivgrünen Overall. Wilson schätzt ihn auf etwa 60 Jahre. In diesem Moment öffnet der Mann die Augen – und schließt sie sofort wieder. Neben ihm kniet eine Frau am Boden und redet auf ihn ein. „Wie heißen Sie? Sind Sie verheiratet?“ Wilson wird klar: Die Frau versucht, den offensichtlich verunglückten Mann bei Bewusstsein zu halten. An einem seiner Beine ist der Overall völlig zerfetzt und gibt den Blick auf eine große Wunde frei. Die Blutlache unter dem Mann breitet sich rasch aus. Vermutlich ist eine Arterie verletzt. 
Claudia Wilson weiß, der Verunglückte wird sterben, wenn die Blutung nicht rasch gestillt wird. „Holen Sie den Erste-Hilfe-Kasten aus Ihrem Wagen“, weist sie einen Mann an, der ebenfalls zu Hilfe geeilt ist. Zwar enthalten diese Kästen keine Aderpressen, auch Tourniquets genannt, die sie jetzt wirklich brauchen könnte – aber das ist in diesem Moment egal. 

Wilson zieht den Gürtel ihrer Jeans aus den Schlaufen. Da ist auch schon der Mann mit dem Erste-Hilfe-Kasten. Er öffnet ihn und reicht der Krankenschwester ein Paar medizinische Einweghandschuhe. Wilson streift sie über, kniet sich zu dem Schwerverletzten, hebt sein Bein ein wenig an und zieht den Gürtel darunter durch. Die Löcher im Gürtel reichen nicht aus, um den Oberschenkel abzubinden. Also zieht Wilson den Lederriemen mit aller Kraft stramm. 
Sie hört jemanden „Wir brauchen hier Hilfe!“, rufen. Die Sekunden ver­rinnen, werden zu Minuten. Es kostet Kraft, ein Gließmaß abzubinden. Wilsons Muskeln beginnen zu zittern, aber sie hält den Gürtel eisern stramm. Plötzlich springt ein junger Polizist über die Betonmauer, der die beiden Fahrbahnen voneinander trennt. Mit einem Blick erfasst er die Situation, ergreift den Gürtel und zieht ihn noch fester. Wilson fasst nach. Der Polizist lässt los, setzt zurück über die Mauer. Wenige Sekunden später ist er wieder da – mit einem professionellen Tourniquet in Händen. Mit diesen Aderpressen lässt sich starker Druck auf die Arterien der Extremitäten ausüben. Blitzschnell legt der Polizist dem Unfallopfer das Tourniquet an und zieht zu. 
Erleichtert lässt Wilson ihren Gürtel los und steht auf. Ihre Hände schmerzen. Auch die Frau, die bis zuletzt auf den Verunglückten eingeredet hat, erhebt sich. „Das mit dem Gürtel – darauf hätte ich auch kommen können“, sagt sie. Claudia Wilson beruhigt sie. „Wir haben alles richtig gemacht.“ 
Erst jetzt sieht sie ein paar Meter weiter einen Motorradhelm liegen. Aber wo ist das Motorrad? Claudia Wilson geht zur Betonmauer. Und richtig. Da liegt am Rand der Fahrbahn die völlig zerstörte Maschine. 

In diesem Moment trifft ein Krankenwagen ein. Zwei Sanitäter bergen den Schwerverletzten. Mit Blaulicht und Sirene geht es dann in die Klinik. Zwei Stunden dauert es, bis Wilson und die anderen Zeugen entlassen werden. Zunächst muss die Polizei den Unfallhergang rekonstruieren. Später erfährt Wilson, dass der Verunglückte wohl als Geisterfahrer unterwegs war und mit einem Auto kollidierte. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn über die Betonbegrenzung zwischen den Fahr­spuren in den Gegenverkehr. Sie erfährt auch, dass er überlebt hat. 

In den Tagen nach dem Unfall ist Claudia Wilson übrigens bewusst geworden, dass Erste-Hilfe-Kästen enthalten, was für eine behelfsmäßige Aderpresse benötigt wird. „Ich hätte ein Rettungstuch nehmen, eine Schere hin­einstecken und diese so lange drehen können, bis das Tuch sich ganz eng zusammengezogen hätte. Darauf bin ich aber erst später gekommen“, sagt sie. Hauptsache aber ist, sie hat ein Leben gerettet. Das sieht auch die Polizei so, die Wilson Ende vergangenen Jahres für ihren Einsatz mit einer Belobigung ausgezeichnet hat.

 

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