Spannung

Autor: Peter Hummel

Herzstillstand im Skilift

Das Herz eines Mannes steht still. Damian Delugan rettet am Berg sein Leben

Portrait von Damian Delugan
Damian Delugan hat mit seinen Erste-Hilfe-Maßnahmen einem Mann das Leben gerettet, dessen Herz nicht mehr schlug.

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©Martin Pixner

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Der Himmel über Schöneben in Südtirol ist wolkenlos, der Schnee glitzert. An der Talstation der Piz-Schöneben-Bahn zieht Damian Delugan sich die Skibrille vom Gesicht. „Ein Traumtag“, sagt seine Freundin Lisa-Marie.
„Noch eine Runde?“, fragt Delugan.
Das Paar steigt in eine der gelben Gondeln. Auf den weißen Hängen wedeln Skifahrer über die Pisten. Der 28-jährige Schlosser und seine Freundin leben im nahen Schnalstal. Die beiden haben eine Jahreskarte für die Liftanlagen hier und kennen jeden Meter. Oben, wenn sich die Türen öffnen, warten nur noch Sonne, Schnee – und Stille. Doch diesmal ist es anders. Kaum ist das Paar ausgestiegen, hallt ein gellender Schrei durch die Bergstation: „Hilfe! Bitte, helfen Sie!“ 

Kein Puls, kein Herzschlag

Delugan sieht, dass sich in der Gondel vor ihnen, die bereits auf das Rondell und damit die Talfahrt zusteuert, eine Frau über einen Mann beugt. Der kauert reglos auf der Sitzbank. Der Schlosser läuft los, stapft mit seinen schweren Skischuhen neben der Gondel her, packt die Jacke des offensichtlich Bewusstlosen und zieht ihn aus der engen Kabine auf die Gummimatten am Ausstieg. „Hören Sie mich?“, ruft er, schüttelt den Mann an den Schultern. Keine Reaktion. Delugan prüft die Atmung, indem er sein Ohr an Nase und Mund hält, fühlt den Puls mit dem Fingern an der Halsschlagader. Nichts!
„Mir war sofort klar, dass ich mit der Reanimation beginnen muss“, erzählt der 28-Jährige, „dass jede Minute zählt.“ Weil er so oft in diesem Gebiet Ski fährt, weiß er, wo in der Bergstation ein Defibrillator hängt. Delugan bittet seine Freundin, das Gerät zu holen und die Pistenrettung zu rufen: „Mach schnell!“ 
Wenige Augenblicke später ist sie zurück.  
„Gerät einschalten. Elektroden auflegen“, ertönt die automatische Stimme des Defibrillators. Der Retter zieht die Skiwäsche des etwa 60-jährigen Mannes über dessen Kopf und klebt die Elektroden auf – eine unter das rechte Schlüsselbein, eine seitlich unter der linken Brust. So zeigt es die Grafik auf der Tasche des Geräts. 
„Analyse läuft. Bitte nicht berühren. Schock empfohlen. Laden.“
„Weg von ihm!“, ruft der Retter und drückt den Knopf. 
Der Körper des Mannes hebt sich kurz. Sofort danach beginnt Delugan mit der Herzdruckmassage.
Wieder ertönt die automatische Stimme „Analyse läuft. Schock empfohlen.“
Ein zweiter Stromschlag. Ein dritter, ein vierter. 
Dazwischen drückt Delugan kräftig auf die Brust des Bewusstlosen: 100 Kompressionen pro Minute, nach 30 Mal drücken zwei Atemspenden. Er weiß, wie es geht. Bereits als Kind war er Mitglied in der Jugendabteilung des Weißen Kreuzes, trat mit 17 Jahren der Feuerwehr bei, hat mehrere Erste-Hilfe-Kurse absolviert. „Aber das ist die Theorie. In der Praxis schießt dir das Adrenalin ins Blut und du willst nur noch, dass dieser Mensch wieder atmet“, sagt er.  
Herzdruckmassage, zwei Beatmungen. Pulskontrolle, kein Puls. Weitermachen mit der Herzdruck-massage. Der Retter nimmt kaum etwas von dem wahr, was um ihn herum passiert. Aber dass an-dere Skifahrer aus den Gondeln steigen und wortlos weitergehen, bemerkt er doch. Inzwischen steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Eine Herzdruckmassage ist anstrengend.

Rettungshubschrauber nicht sofort verfügbar

„Wo bleibt der Notarzt?“, fragt Delugan und erfährt, dass der Rettungshubschrauber bei einem Lawinenabgang im Einsatz ist, der sich in unmittelbarer Nähe ereignet hat. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ertönt es endlich knisternd aus einem Funkgerät: „Hubschrauber im Anflug. Wir setzen Arzt und Sanitäter bei euch ab!“
Minuten später landet der Rettungshubschrauber neben der Bergstation. Notarzt und ein Sanitäter springen heraus, der Hubschrauber hebt sofort wieder ab. Mittlerweile ist Delugan durchnässt von Schweiß. Gleich darauf kniet der Arzt neben ihm, prüft den Herzschlag des Patienten. Nichts.  
„Wir intubieren“, sagt der Arzt. Er schiebt den Beatmungsschlauch in die Luftröhre des Bewusstlo-sen und schließt ein Sauerstoffgerät an. Jetzt hebt und senkt sich der Brustkorb regelmäßig. 
Als der Hubschrauber zurückkehrt, hört Delugan, wie der Arzt sagt: „Wir haben eine Chance. Transport fertig machen!“
Gemeinsam heben sie den Mann auf die Rettungstrage, schieben ihn in den Hubschrauber. Noch immer hat er keinen eigenen Herzschlag. Die Rotorblätter drehen sich, Schnee sprüht, dann macht sich der Hubschrauber mit dem Patienten, Arzt und Sanitäter an Bord auf den Weg. „Ich war in diesem Moment körperlich völlig platt“, erzählt Delugan, „und in großer Sorge, ob es der Mann schaffen wird. Da war aber auch Dankbarkeit, dass ich wusste, wie man hilft. Wobei man in einer solchen Situation eigentlich nur eines falsch machen kann – und das ist, nichts zu tun.“   
Später erfährt der 28-Jährige, dass das Herz des Mannes – ein Urlauber aus der Slowakei – erst im Krankenhaus wieder aus eigener Kraft zu schlagen begann. Und dass er gestorben wäre, hätte Delugan nicht sofort mit der Wiederbelebung begonnen. Drei Wochen später meldet sich der Gerettete im Skigebiet und bedankt sich.
Am Abend des Unglücks sitzt Delugan in der leeren Talstation. Tausend Gedanken gehen ihm durch den Sinn, gleichzeitig ist sein Kopf leer. Draußen leuchtet der Himmel rosa über dem Reschensee. Seine Freundin legt ihre Hand auf seine Schulter. „Du hast ihm das Leben gerettet“, sagt sie. 
„Ich habe nur getan, was jeder tun sollte“, sagt Damian Delugan leise. „Aber heute haben die Berge zwei Geschichten erzählt – eine von Unglück. Und eine von Glück.“
 

 


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