Gesundheit

Autor: RD Book

Gedächtnis-Abbau im Alter ist kompensierbar

Der Verlust von Gedächtnis und klarem Denken gehört zu den häufigst genannten Sorgen älter werdender Menschen. 

Eine Seniorin sitzt nachdenklich und lächelnd an einem Tisch im Wohnzimmer. Vor ihr liegt ein Buch auf dem Tisch, darauf eine Brille.

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©iStockphoto.com / Moon Safari

Eine aktuelle Studie der Universität Cambridge lässt jedoch vermuten, dass das alternde Gehirn durchaus in der Lage ist, dem strukturellen und funktionellen Verlust von Hirnfunktionen kompensierend entgegenzuwirken. Erste Studien zur Gehirnalterung beschrieben, dass das Gehirn „schrumpft“, an Masse verliert und demzufolge auch die Denkleistungen abfallen. Mit Einsatz der Magnetresonanztomografie seit Mitte der Neunzigerjahre zeigte sich: Die Gehirnalterung ist deutlich komplexer und individuell unterschiedlich. Oft zu beobachten ist, dass Kurzzeitgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Fähigkeit, Neues zu erlernen sowie abstrakte Probleme flexibel zu lösen (sogenannte „fluide Intelligenz“), abnehmen. Demgegenüber bleiben das Erfahrungswissen („kristalline Intelligenz“), die Ausdrucksfähigkeit sowie die Analysefähigkeit oft erhalten oder verbessern sich sogar. 

Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass das alternde Gehirn grundsätzlich in der Lage ist, dem stattfindenden Abbau entgegenzuwirken. Als ein Mechanismus zur Kompensation wurde bereits eine verstärkte Vernetzung (Konnektivität) zwischen verschiedenen Hirnregionen beschrieben, die eine effizientere Informationsverarbeitung der beteiligten Nervenzellen ermöglicht. Das britische Forscherteam untersuchte 223 Erwachsene im Alter von 19 bis 87 Jahren. Ihre Gehirnaktivität wurde in Form der Durchblutung mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beobachtet, während sie visuelle Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad lösen mussten. Dabei suchten die Forscher gezielt nach Regionen, die bei den älteren Teilnehmern aktiver waren als bei den jüngeren und eher bei komplexeren als bei einfachen Aufgaben beteiligt waren. 

Wie erwartet war die Fähigkeit zur Problemlösung bei den älteren Studienteilnehmern im Vergleich zu den jüngeren durchschnittlich gesehen reduziert. Bei der genaueren Analyse der Bildgebung zeigte sich jedoch, dass bei manchen älteren Studienteilnehmern insbesondere ein Hirnareal aktiver wurde, der sogenannte Cuneus. Dabei handelt es sich um eine Region im Okzipitallappen, der funktionell der visuellen Großhirnrinde zugeordnet ist und dazu beiträgt, sich auf visuelle Informationen zu konzentrieren. Da es im Alter oft schwerer fällt, sich an gerade Gesehenes zu erinnern, könnte die Cuneusaktivität möglicherweise das schlechter werdende visuelle Gedächtnis kompensieren. Dies zeigte sich auch bei den Teilnehmern: Mit dem Ausmaß der Cuneusaktivität stieg auch die Problemlösefähigkeit der Teilnehmer deutlich positiv an. 
Die Studienautoren sehen in ihren Beobachtungen einen der bisher stärksten Beweise dafür, dass das alternde Gehirn in der Lage ist, den Abbau funktionell zu kompensieren, indem es Unterstützung aus bestimmten Gehirnregionen heranzieht, um Defizite an anderer Stelle entsprechend auszugleichen („kognitive Reserve“). Diese Eigenschaft war jedoch nicht bei allen älteren Studienteilnehmern zu beobachten. Dennoch, so die Studienautoren, „können wir jetzt, wo wir diese Kompensation beobachtet haben, damit beginnen, uns zu fragen, warum sie bei einigen älteren Menschen, aber nicht bei anderen, und bei einigen Aufgaben, aber nicht bei anderen auftritt“. 

Bereits aus früheren Studien ist bekannt, dass vor allem regelmäßige körperliche Bewegung auch die geistige Fitness stimuliert. Die Forschung geht davon aus, dass die so gesteigerte Durchblutung das Wachstum neuer Zellen und Zellverbindungen fördert. Auch ein generell aktiver Lebensstil mit intellektuell anregenden Tätigkeiten gilt als förderlich für die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter. Die Eigenschaft der Neuroplastizität, d. h. die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen zu bilden, hängt also nicht nur von den Genen ab, sondern kann durch Umweltfaktoren wie auch das eigene Dazutun beeinflusst werden.