Urplötzlich mit 60 ein Herzinfarkt!
Eine Medizinjournalistin erleidet aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt – was ihr zeigt, wie wenig sie über die häufigste Todesursache bei Frauen und Männern weiß.
©
Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Datei
Ich liege in einer Klinik und versuche, das Geschehene zu verarbeiten. Doch mir schwirren die Titel bekannter Lieder durch den Kopf: Nothing Breaks Like a Heart von Miley Cyrus und Mark Ron-son. My Heart Will Go On von Céline Dion. Heart of Glass von Blondie oder Be Still My Beating Heart von Sting. Nein, nicht das! Das Letzte, was ich möchte, ist, dass mein Herz still ist. Bitte, bitte schlag weiter!
Engegefühl in der Brust
Erst wenige Tage zuvor hatte ich mir an einem herrlichen Freitag im September eine Auszeit ge-gönnt. Ich schlenderte durch New York, USA. Es war ein perfekter Tag. Ich bekam eine kostenlo-se Gesichtsmassage in einem Kosmetikstudio, aß mittags einen köstlichen Salat in einem meiner Lieblingsrestaurants und löste in einem Wäschegeschäft einen Geschenkgutschein ein. Absolut zufrieden mit mir und der Welt überlegte ich, was ich noch machhkjen wollte, als ich ein merkwür-diges Gefühl in meiner Brust spürte. Es tat nicht weh, es war nur seltsam. Und irgendwie fühlte es sich auch völlig falsch an, als hätte jemand eine elastische Bandage um meine Brust gewickelt. Eng, aber nicht zu eng. Mich überkam eine fast existenzielle Angst, als würde mich die Bandage umbringen, die eigentlich heilen sollte.
Ich ging zum Bahnhof und fuhr nach Hause. Dort trank ich ein Glas Wasser, setzte mich aufs Sofa und versuchte, tief durchzuatmen. Bald verschwand das merkwürdige Empfinden, und ich bemühte mich, es zu vergessen. Doch am Wochenende tauchte es immer wieder kurz auf. Jedes Mal, wenn ich die Enge spürte, geriet ich in Panik. Sobald die Beklemmung wieder weg war, atmete ich erleichtert auf und versuchte, mir einzureden, dass sie nicht wiederkommen würde. Aber ich wusste, dass ich mir etwas vormachte.
Ohne meinen Mann darüber zu informieren, fuhr ich zur Notaufnahme, halb in dem Glauben, dass ich mich lächerlich machen, man mir sagen würde, ich litte an Verdauungsproblemen. Oder schlicht Blähungen. Auf jeden Fall nicht an einem Herzinfarkt. Ich nahm es so sehr auf die leichte Schulter, dass ich sogar überlegte, die drei Kilometer zur Notaufnahme zu Fuß zu gehen, um meine tägliche Bewegung zu bekommen. Am Ende nahm ich doch das Auto.
Die Mitarbeitenden an der Rezeption gingen nicht von Verdauungsstörungen aus. Sobald ich ein „Engegefühl in der Brust“ erwähnte, führten sie mich in einen Untersuchungsraum und schlossen mich an ein EKG an. Jemand sah sich die Ergebnisse an und ließ mich für eine ganze Weile allein
Erhöhte Troponin-Werte
Anstatt mich zu ärgern, war ich erleichtert. Wenn das EKG wirklich auffällig gewesen wäre, hätte man mich bestimmt nicht alleingelassen. Ich warf einen Blick in meine Akte, die Ergebnisse zeigten wohl ein paar kleinere Unregelmäßigkeiten, nichts jedoch, was auf eine unmittelbare Gefahr hindeutete. Aber als die Ergebnisse der Blutprobe vorlagen, änderte sich alles.
Der Wert des Troponins war erhöht – ein Protein, das der Herzmuskel freisetzt, wenn Zellen geschädigt sind. Mit anderen Worten: Ich hatte gerade einen Herzinfarkt oder vor ganz kurzer Zeit einen gehabt. Weitere Untersuchungen ergaben, dass einige meiner Herzkranzgefäße fast vollständig verschlossen waren, was bedeutete, dass der Herzmuskel nicht ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wurde.
Ein Arzt kam und sagte, dass man einen minimal-invasiven Eingriff vornehmen und mir Stents einsetzen würde. Dabei würde durch die Leiste ein Schlauch mit den Stents bis zu meinem Herzen geschoben, wo diese platziert werden sollten, um die Arterien offen zu halten. Das war der Moment, in dem ich meinen Mann anrief.
Als ich aus der Narkose aufwachte, musste ich feststellen, dass der Eingriff gar nicht stattgefunden hatte: Die Blockaden der Arterien befanden sich alle an Verzweigungen der Blutgefäße, und dort konnten keine Stents gesetzt werden. Ich musste für eine Notfall-Bypassoperation – eine OP am offenen Herzen – in ein anderes Krankenhaus.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich Medizinjournalistin bin. Den größten Teil meiner beruflichen Laufbahn habe ich über Gesundheitsthemen geschrieben, häufig über die von Frauen. Ich weiß genau, dass in den USA Herzkrankheiten die Haupttodesursache bei Frauen wie Männern darstellen. Mir sind auch die wichtigsten Risikofaktoren bekannt. Deshalb glaubte ich fälschlicher-weise, keinen Grund zur Besorgnis zu haben: Ich rauchte nicht. Ich hatte keine erhöhten Choleste-rinwerte, mein Blutdruck und auch mein Blutzucker waren nicht zu hoch. Vor anderthalb Jahren hatte ich sogar einige Kilos Gewicht verloren, und ich trieb regelmäßig Sport. Ich ernährte mich nicht vorbildlich, aber doch ziemlich gesund.
Meine Werte waren gut und meines Wissens gab es keine familiäre Vorbelastung. Mein Vater hatte einen Herzinfarkt und eine Bypassoperation, aber erst in seinen 70ern. Ich war gerade einmal 60. Ehrlicherweise hatte ich Herzerkrankungen nicht auf dem Schirm. Krebs dagegen schon. Viele meiner Verwandten waren über Generationen hinweg daran gestorben, oft in jungen Jahren. Ich ging gewissenhaft zu allen Vorsorgeuntersuchungen für Darm-, Brust-, Gebärmutterhals-, Eierstock-, Hautkrebs et cetera. Ich dachte, alles unter Kontrolle zu haben – weit gefehlt!
Bypass-Operation
Ein Krankenwagen brachte mich mitten in der Nacht in die größere Klinik. Zu meiner Überraschung warteten dort bereits mein Mann, mein Sohn, meine Eltern und Geschwister auf mich. Der Chirurg trat kurz zu mir, bevor man mich an eine Herz-Lungen-Maschine anschloss, um mich während der OP am Leben zu halten. Durch den Nebel der Betäubung schaute ich den Mann an, der meinen Brustkorb aufsägen und mein Herz in den Händen halten würde, während Arterien aus meinem Bein, die ein paar Stunden zuvor entnommen worden waren, in mein Herz eingenäht würden.
Als Nächstes erinnere ich mich daran, wie ich im Aufwachraum zu mir kam. Ich schaute auf die Wand und murmelte, dass das Datum auf der Anzeigetafel unmöglich stimmen könnte. Ich hatte recht. Die zuständige Pflegerin benachrichtigte sofort jemanden, dass ich wach und „ungewöhnlich geistesgegenwärtig“ sei. Dann sollte ich in einen Plastikschlauch atmen. „Sie haben eine junge Lunge“, meinte die Pflegekraft. „Und offensichtlich ein altes Herz“, erwiderte ich. Aber nach seiner Revaskularisation (der Wiederherstellung der Blutversorgug) wäre mein Herz vielleicht auch wieder jünger. Ich war überglücklich, nach der OP an diesem Morgen als Erste aus dem Aufwachraum in ein Patientenzimmer verlegt zu werden.
Und so kam es, dass ich in einem Krankenhausbett lag und mir im Geiste eine Liste der Songtitel machte, in denen das Wort „Herz“ vorkam. Die nächsten Tage waren nicht sehr angenehm, denn ich wurde ständig überwacht, gepikst und war an zahlreichen Schläuchen angeschlossen, die den Gang zur Toilette zu einer größeren Aktion machten. Ich schlief viel und hatte unglaublich lebhafte Träume: In einem stand ich nachts allein auf einem schönen italienischen Platz, der von großartigen Gebäuden umgeben war. Auf den Wänden waren Bilder des berühmten japanischen Holzschnitts Die große Welle des Malers Hokusai projiziert. Es war der schönste Ort, an dem ich je gewesen war, und ich erinnere mich, dass ich nicht mehr wegwollte. Seitdem frage ich mich, ob es sich bei diesem Traum um eine Art Nahtoderfahrung handelte, auch wenn ich im Krankenhaus, soweit ich weiß, nie in einem kritischen Zustand war.
Endlich nach Hause und Entspannung! Oder?
Ein paar Tage nach der Operation wurden alle Schläuche entfernt und meine Vitalfunktionen geprüft. Die Reha-Fachkraft zeigte sich zufrieden, dass ich ohne Hilfe gehen konnte. Ich wurde nach Hause entlassen. Mein Mann fuhr. Nachdem ich meine Gefühle tagelang unterdrückt und mich aufs Überleben konzentriert hatte, schluchzte ich hemmungslos auf der ganzen Rückfahrt. Ich hatte vor, es langsam angehen zu lassen, aber mein Liebster hatte andere Pläne. Ein Spaziergang im Park stand als Erstes auf der Liste. Obwohl ich immer gern spazieren gegangen war, fühlte ich mich schwach und wackelig auf den Beinen. Mein Mann schlug dennoch vor, wenigstens einen Rundgang zu machen – knapp einen Kilometer. Am nächsten Tag war es schon die doppelte Strecke. Anscheinend war ich nun zu seinem Genesungskurs angemeldet. Aber ich war ihm dankbar dafür, dass er mich anspornte.
Als die ambulante Pflegerin kam, empfahl sie mir einen Rollator. Ich meinte, das sei nicht nötig. Daraufhin sollte ich zeigen, wie ich die Treppe bewältigte. Ich lief, so schnell ich konnte, hinauf und hinunter. Danach war von einem Rollator keine Rede mehr. Sobald mein Zustand es erlaubte – einen Monat nach der OP – begann ich mit dem Herzsport-Programm. Erneut stellte ich fest, dass mir meine Arbeit als Medizinjournalistin kein genaues Bild von Betroffenen vermittelt hatte. Ich dachte, dass ich (in meiner Vorstellung noch nicht alt) neben viel älteren und kräftigeren Männern trainieren würde. Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zu meiner Gruppe gehörte eine große, schlanke Frau, die wegen Zahn- und Kieferschmerzen zum Arzt gegangen war. Als dieser nichts feststellen konnte, schickte er sie direkt in die Notaufnahme. Ja, auch sie hatte einen Herzinfarkt gehabt.
Es gab einen jüngeren Mann, der sich weigerte, sein Selbstbild als outdoorbegeisterter, athletischer Macho durch das Geschehene trüben zu lassen. Er versuchte immer, die schwersten Gewichte zu stemmen. Oder die ältere kleine Dame, die stets von ihrem fürsorglichen Mann begleitet wurde. Ihr waren sogar die Ein-Kilo-Hanteln zu schwer, was sie als weiteres medizinisches Problem betrachte-te, von denen sie bereits viele hatte. So unterschiedlich wir auch waren, wir unterstützten uns ge-genseitig in unserem Training.
Sport mit Elektroden an der Brust
Wir wechselten uns an den Übungsgeräten ab. Niemand, der den Raum betrat, hätte es jedoch mit einem normalen Fitnessstudio verwechselt. Denn abgesehen davon, dass wir alle mehrere Elektroden am Brustkorb befestigt hatten, übertrugen Videobildschirme die Daten an das Reha- und Kran-kenhauspersonal, das mit uns arbeitete.
Stolz auf mein schnelles Gehen erhöhte ich das Tempo auf dem Laufband, bis eine der Pflegerinnen mir zurief, ich solle langsamer machen. Ich konnte sie nicht davon überzeugen, wie gut es sich anfühlte, dass ich mich wieder auf diese Weise bewegen konnte. Jedes Mal, wenn jemand in der Gruppe sein Programm abgeschlossen hatte, gab es eine kleine Feier mit Zertifikat und gesunden Erfrischungsgetränken.
Während mein Körper heilte, hatte meine Psyche Mühe, das Erlebte zu bewältigen. Wie könnte ich jemals wieder sorglos Sport machen oder auch nur spazieren gehen, ohne dass jemand mein Herz überwachte? Der physische Teil der Herz-Reha war großartig, warum aber gab es keine psychologische Betreuung? Nach der Euphorie, überlebt zu haben, spürte ich die Nachwirkungen: Ich musste mit einem veränderten – und hoffentlich nicht eingeschränkten – Selbst klarkommen.
Ich habe sehr viel Glück gehabt, dass die Operation und die Reha so gut verlaufen sind, dass mein Herzmuskel nur wenig, wenn überhaupt, geschädigt wurde und dass ich mittlerweile als geheilt gelte. Ich nehme meine Medikamente sorgfältig ein, dazu gehören Statine (die mein Cholesterin regulieren), Betablocker (die meinen Blutdruck niedrig halten) und gering dosiertes Aspirin (um Blutgerinnsel zu verhindern). Wahrscheinlich muss ich das für den Rest meines Lebens tun. Auch esse ich inzwischen noch gesünder als früher (immer noch nicht perfekt – die Kohlenhydrate, seufz!).
Ich habe lange gesucht, bis ich die richtige Kardiologin für mich gefunden habe. Halbjährlich untersucht sie mich und macht einen Bluttest. Ich muss mich in meinem Leben nicht einschränken. Bevor ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fragte ich den Arzt, ob ich beginnen könnte, für einen Marathon zu trainieren, wenn ich wollte. Als er das bejahte, entgegnete ich „Das möchte ich nicht wirklich, aber es ist gut zu wissen, dass ich es könnte“.
Niemand konnte mir eine Erklärung dafür geben, warum es passiert ist, außer, dass es möglicher-weise an den Genen liegt. Ich weiß inzwischen, dass auf der Seite meiner Mutter häufiger Herzkrankheiten auftraten, als mir bewusst war. Und Gerechtigkeit gibt es in der Medizin nicht. Manche Menschen leben gesund und werden trotzdem chronisch krank. Andere essen Hamburger und streichen dick Butter auf ihr Brot und landen nicht in der Klinik.
Ich weiß, dass ich trotz des Herzinfarkts Glück hatte. Mir wurde klar, wie dumm ich war: Wie konnte ich mit meinem Wissen als Medizinjournalistin davon ausgehen, dass die häufigste Todes-ursache bei Frauen für mich keine Bedrohung darstellte?
Aus dem Grund schreibe ich diesen Artikel: Ich möchte alle – überall – davon überzeugen, nicht zu glauben, dass sie niemals ein Herz-Kreislauf-Problem haben werden, weil sie gesund essen und Sport treiben. Jede und jeder sollte seine kardiologischen Risikofaktoren (einschließlich der Familiengeschichte) kennen und sich einmal im Jahr ärztlich durchchecken lassen, wozu auch eine kardi-ovaskuläre Untersuchung gehört.
Mein Herz soll noch lange schlagen
Sechs Jahre sind seit jenem „perfekten“ Tag in New York vergangen, der zu einem der schlimmsten meines Leben wurde. Ich denke fast täglich an das, was geschehen ist. Nicht, weil es mir schlecht geht – ich fühle mich gesund. Aber ich werde daran erinnert, wenn ich morgens und abends meine Medikamente einnehme. Wenn ich mit Freunden essen gehe und manche Gerichte nicht bestelle, weil ich sie nicht essen sollte. Und wenn ich die kaum noch sichtbare 20 Zentimeter lange Narbe mitten auf meinem Brustkorb wahrnehme.
Aber all das ruft mir zugleich ins Bewusstsein, wie viel Glück ich hatte, eine gute medizinische Versorgung zu erhalten und eine Familie zu haben, die mich dabei unterstützte, die Monate nach der Operation zu überstehen. Ich bin auch dankbar für alles, was ich aus dieser Erfahrung gelernt habe, wenngleich ich mir noch so sehr wünsche, ich hätte sie nie gemacht. Vor allem fühle ich mich privi-legiert, sie zu nutzen, um anderen diese Botschaft zu vermitteln und hoffentlich zu verhindern, dass ihnen das Gleiche passiert. Was mich betrifft, so bin ich fest entschlossen, dass mein Herz noch lange weiterschlagen wird.
*Name von der Redaktion geändert
Das sind die Symptome eines Herzinfarkts
Schmerzen im Brustbereich sind ein häufiges Anzeichen, aber nicht alle erleben einen Herzinfarkt auf dieselbe Weise – dies gilt vor allem für Frauen. In vielen Fällen sind die Symptome so unspezi-fisch, dass viele nicht merken, was geschieht, und nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe suchen. Laut der American Heart Association sollten Sie auf
folgende Signale achten:
- Schmerzen, ein Druck- oder Engegefühl in der Brust
- Schmerzen im Kiefer, Nacken, Arm oder Rücken
- Übelkeit oder Erbrechen
- Atemnot
- kalter Schweißausbruch
- Schwindel
Frauen haben nicht immer Schmerzen im Brustbereich. Sie können andere Symptome spüren:
- Schmerzen im oberen Rücken
- Schmerzen oder Druck im unteren Brustbereich oder im Oberbauch
- ein Gefühl von Unruhe oder Angst
- Schwindel oder Ohnmacht
- Verdauungsstörungen oder Magenverstimmungen
- ungewöhnliche Müdigkeit oder Schwäche
Bei Verdacht auf Herzinfarkt, wählen Sie unverzüglich den Notruf.
Lesen Sie mehr in unserer Ausgabe Februar 2026






