Lachen

Autor: Richard Glover

Die Hölle von Heute


Im Büro ist der Platz ist knapp, Schubladen sind verboten und es gibt niemanden mehr, der die Mülleimer leert.

Illustration: Ein Mann sitzt ganz alleine in einem Büro an einem bunten Schreibtisch

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©Nils Fliegner

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Haben Sie das Glück, in einem hochmodernen Bürogebäude zu arbeiten? Das ist toll! Der Platz ist knapp, also stehen die Schreibtische sehr dicht beieinander. Auf diese Weise erfährt man alles, was im Unternehmen vor sich geht. Der Ausfall der Klimaanlage im Frankfurter Office? Sie wissen Bescheid, obwohl Sie in Mexiko-Stadt sind. Der Darmverschluss, an dem der Hund des stellvertretenden Geschäftsführers leidet? Falls Kollegen Einzelheiten be­nötigen, Sie haben sie alle. Die Tatsache, dass alle Schreibtische so nah beieinanderstehen, hat Platz für 27 buchbare Besprechungsräume geschaffen, die niemand jemals nutzt. Ich nehme an, man könnte in einen davon gehen, um zum beten. Zum Beispiel: „Lieber Gott, könntest du bitte dafür sorgen, dass alle den Mund halten?“

Überbelegung ist jedoch normalerweise kein Problem. In den meisten Unternehmen arbeitet inzwischen jeder von zu Hause aus. Außer mittwochs. Es gibt anscheinend eine Regel, dass Arbeitnehmer mittwochs ins Büro kommen. Es ist fast so etwas wie ein Fest. An vier Tagen in der Woche ist der Parkplatz leer; am Mittwoch ist er überfüllt. Dies könnte auch andere Eigenheiten des modernen Büros erklären. Zunächst einmal gibt es keine Mülleimer, zumindest nicht jenen, den ich einmal unter meinem Schreibtisch hatte. Warum sollte man auch jemanden einstellen, der Mülleimer leert, wenn niemand zur Arbeit erscheint? Und so muss man jedes Mal, wenn man etwas wegwerfen möchte – eine verbogene Büroklammer, eine Plastikverpackung – auf die andere Seite des Gebäudes gehen.
„Wo liegt das Problem?“, höre ich Sie fragen. „Sie könnten doch einfach eine der Schubladen in Ihrem Schreibtisch als Mülleimer verwenden und alle paar Tage leeren.“ Tolle Idee, aber Schreibtischschubladen gibt es auch nicht mehr. Sie würden die klaren Linien der Inneneinrichtung und die moderne Atmosphäre stören. Heute müssen Sie Ihre Sachen auf dem Schreibtisch stapeln und sie zur Seite schieben, wenn Sie die Tastatur benutzen möchten.
Diese Stapel verraten übrigens einiges über die Kollegen. Diese hier hat Asthma – da ist ihr bronchienerweiternder Inha­lator. Jener dort – also ich – nimmt zu viel Ibuprofen für sein kaputtes Knie; und diese dort drüben hat genug Schutzmasken, um die nächsten vier Pandemien zu überleben.
Bücherregale sind übrigens auch verboten, weil man glaubt, dass alle gedruckten Materialien online ver­füg­bar sind, was eine schöne Idee ist, wenn sie nur wahr wäre. Die Vorstellung, dass es Berge von Büchern gibt, die nie digitalisiert wurden, ist für den modernen Bürodesigner kein plausibler Gedanke. Ebenso wenig die Vorstellung, dass jemand viel benutzte Bücher mit Post-it-Notizen versehen hat, sodass er sie aus dem Regal ziehen und sofort verwenden kann.
Nicht zu vergessen: die Festnetztelefone. Es gibt sie nur noch  in begrenzter Anzahl und Sie müssen sie buchen, wenn Sie eines benötigen. „Jeder telefoniert sowieso mit seinem Handy“, heißt es.
„Okay, können Sie ein Firmenhandy für geschäftliche Anrufe zur Verfügung stellen?“ 
„Nein, nehmen Sie einfach Ihr eigenes. Ihr Tarif deckt doch sicher beliebig viele Gespräche ab.“
Ein weiteres Merkmal des modernen Büros ist, dass alles „selbstbedienbar“ und über eine Computerschnittstelle zugänglich ist, die darauf ausgelegt ist, Sie zu entmutigen. Sie wollen Urlaub einreichen? Oder vielleicht einen Krankheitstag anmelden und das erforderliche Attest Ihres Arztes bei­fügen? Klicken Sie einfach auf den Link im „Digitalen Personalzentrum“, und innerhalb von Minuten – ich meine Stunden – haben Sie herausgefunden, wie es geht.

Ihre Post holen Sie natürlich selbst in der Poststelle ab. Das ist notwendig, da das Unternehmen alle Mitarbeiter dort entlassen hat, ebenso wie die Leute, die die Mülleimer leerten. Und natürlich längst auch – kann sich noch jemand dran erinnern? – die Dame, die allen eine Tasse Tee brachte.
So verbringen leitende Angestellte, die Hunderttausende im Jahr verdienen, die Hälfte ihrer Zeit damit, zum Mülleimer zu gehen, ihre Post zu holen oder zu versuchen, ihrer Krankschreibung das ärztliche Attest beizufügen. Oh, Entschuldigung, das stimmt nicht: Leitende Angestellte sind von all dem ausgenommen. Sie stellen nur die Regeln für andere auf und sind geradezu versessen auf die Art von Effi­zienz, die zu weniger Effizienz führt. 

Gibt es denn irgendetwas, das am modernen Büro besser ist als am tristen alten Büro? Der neue Teppich ist eigentlich ziemlich hübsch. Und in der Küche gibt es vorerst viele Gabeln. Trotzdem, wer hätte gedacht, dass ich eines Tages so viel Zeit damit verbringen würde, mir Schubladen, Regale und einen Mülleimer herbeizufantasieren?

 

 Lesen Sie weiter in unserer Ausgabe November 2025