Coburgs Schätze
Die Region Coburg-Rennsteig verbindet Oberfranken und Südthüringen. Vielfältige Kultur, altes Handwerk und der namengebende Rennsteig sind die Attraktionen.
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Sie sitzt nicht auf königlichen Häuptern, sondern auf einem Hügel. Sie ist auch nicht aus Gold geschmiedet, sondern aus Stein errichtet: die „Fränkische Krone”, offiziell bekannt als Veste Coburg. Von der Hohen Bastei der gewaltigen Burganlage schaut man weit über das oberfränkische Coburger Land und nach Norden bis zum Thüringer Schiefergebirge, eine Landschaft, die sich als Urlaubsregion Coburg-Rennsteig zusammengefunden hat. Ihre Blütezeit hatte die Veste mit dem krönenden Beinamen im 16. Jahrhundert. 1530 fand dort ein prominienter Geistlicher für sechs Monate Unterschlupf: Martin Luther. Der vogelfreie Reformator arbeitete unermüdlich an theologischen Schriften und galt als Riesenfan der Coburger Bratwurst.
Coburger Bratwurst - exakt 31 Zentimeter muss sie messen
Die brutzelt bis heute auf dem Marktplatz vor historischer Bilderbuchkulisse, und zwar traditionell über Kiefernzapfen. Acht Bratbuden stehen dort im Wechsel. An diesem Markt-Mittwoch ist es die von Bernd Meinhardt, der mit seinem würzig duftenden „Wunder von Bernd“ die Hungrigen anlockt. Serviert wird die Spezialität in einem „Weckla“, das evangelisch, also von oben nach unten aufgeschnitten wird. „Studenten oder Familien sammeln die Zapfen für uns“, erzählt der ehemalige Fußballer.
Über die – im Rohzustand – exakt 31 Zentimeter Wurst wacht, mit dem Maß in der Hand, das Bratwurstmännle auf dem Rathaus. Das farbig gefasste Gebäude markiert mit dem prachtvollen Stadthaus gegenüber das Herz von Coburg. Von dort gelangt man, vorbei am Stadtschloss Ehrenburg und durch den weitläufigen Hofgarten, zur Veste. Wer weder über Pferd noch Kutsche verfügt und nicht zu Fuß gehen möchte, der nimmt die Bimmelbahn Veste Express.
Die Veste beherbergt zahlreiche Kunstsammlungen, besichtigen kann man auch Luthers Arbeitsstube. Die Herzöge von Sachsen-Coburg trugen aber nicht nur Kunstschätze zusammen, sie waren durch geschickte Heiratspolitik auch eng mit Europas Königshäusern verflochten.
Oberfranken war eine Hochburg der Korbflechter
Verflochten mit der Region ist auch Lefteris Philippidis. Seine Werkstatt befindet sich direkt neben der Moritzkirche. Statt mit dicken Balken arbeitet der einstige Zimmerer nun mit schlanken Ruten. Er ist Korbmacher. „Oberfranken war einmal eine Hochburg dieses Handwerks“, sagt er. Als der gebürtige Dresdner von der Korbflechterschule im nahen Lichtenfels erfuhr, der einzigen in Deutschland, ahnte er sofort, dass das sein Ding sein könnte. Philippidis, 54, fertigt Körbe, aber auch Truhen und Sitzmöbel, und das Holz seiner Wahl ist Weide. Er besitzt 100 eigene Stöcke, doch die reichen bei Weitem nicht aus. Also kauft er bei Weidenbauern Ruten, die gerade, schmal und lang sein müssen. „Die Wahl der richtigen Stärke ist sehr wichtig“, erklärt er. Sonst macht die Rute mit dem Flechtwerk, was sie will.
Früher wurde fast alles in Körben verpackt und transportiert. Heute ist es hart, mit diesem Handwerk sein Brot zu verdienen. Man ahnt sofort, dass ein Korb aus geschälter und ungeschälter Weide, perfekt gerundet und einfach nur schön, nicht 28,50 Euro kosten kann – und dass Philippidis für zwei Tage Arbeit eine Null dranhängen muss. Aber er brennt für sein Handwerk, für das er wenig Werkzeug benötigt, am liebsten altes, das weitergegeben wird. „Ich kann sogar in der Natur flechten, zum Beispiel in meinem wilden Garten“, sagt er.
Spielzeugmacher und Glasbläser
Zu den traditionellen Handwerken der Region gehörten einst vor allem auch Spielzeugmacher und Glasbläser. Eine Spielzeugstadt ist Sonneberg. Auf dem Weg dorthin passiert man fast unbemerkt das Grüne Band, den ehemaligen Grenzstreifen. Eine braune Tafel macht darauf aufmerksam und verkündet: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 12. November 1989 um 8 Uhr geteilt.“ In der thüringischen Stadt gibt es ein Teddybären- sowie ein Spielzeugmuseum – nur eines von mehreren in der Region. Etwa 20 Kilometer weiter liegt Lauscha, bis heute ein Zentrum der Glasbläserei. Im 19. und 20. Jahrhundert war der Ort mit seinen schieferverkleideten Häusern eine Boomstadt mit Mieten teurer als in München.
Waldglück auf dem Rennsteig
Während das Coburger Land von einer sanfthügeligen Agrarlandschaft geprägt ist, ändert sich das Richtung Norden gewaltig. Hinter Sonneberg baut sich langsam das Thüringer Schiefergebirge auf. Und plötzlich fährt man in eine dichte Nebelwand. „Ganz normal, auch zu dieser Jahreszeit“, begrüßt Wanderführer Ralf Kirchner am Naturparktor Friedrichshöhe, eine 18- Seelen-Gemeinde mitten im Wald. „Wir haben bis zu 1500 Millimeter Niederschlag im Jahr und eine der am längsten andauernden Nebelperioden.“
Eine Herausforderung für Wanderer, die hier auf dem Rennsteig ihr Waldglück suchen. Der älteste Fernwanderweg Deutschlands zieht sich über das Plateau des Schiefergebirges sowie als Kammweg durch den Thüringer Wald und führt direkt an Friedrichshöhe vorbei. „Ein alter Grenzweg, auch zwischen dem fränkischen und thüringischen Dialekt“, erklärt Ralf Kirchner, der in der Nähe „isoliert“ zwischen Grenze und Mittelgebirge aufwuchs. „Wir haben eher Westfernsehen als DDR-Programme empfangen.“
Der 51-Jährige liebt diesen Wald. Er kennt vergessene Wege, geheimnisvolle Moore und Höhlen sowie Bäche, in denen man noch Gold schürfen kann. 2001 wurde bei Goldisthal zuletzt ein Nugget gefunden, zehn Gramm schwer. Auf seinen Touren inszeniert Kirchner sich als Wäldler in Kluft, manchmal mit Korb auf dem Rücken. So führt er die Wanderer über den Rennsteig und zu den Quellen von Schwarza und Werra. Oder auf dem Grünen Band zum „Generalsblick“, von dem Befehlshaber anderer Länder einst „die am besten bewachte Grenze der Welt“ begutachteten.
Mystisch und still ist der Wald, wenn der Nebel zwischen den Bergfichten hängt. Sobald sich aber die Sonne durchsetzt, leuchtet die gelbe Arnika mit ihr um die Wette. Im Juni und Juli bildet die seltene, streng geschützte Heilpflanze auf den Bergwiesenlichtungen manchmal ganze Blütenmeere – besungen von den vielstimmigen Arien der Vogelwelt und umgarnt von duftendem Bärwurz.
Der Thüringer Wald ist das Reich der Hirsche
Im Winter liegt am Rennsteig nicht selten ein Meter Schnee, dann ist hier mächtig was los. Im Sommer dagegen ist man zuweilen fast allein unterwegs, begegnet eher einem Rudel Hirsche als einem Menschen. Die Sensation im letzten Jahr aber war der erste Luchs-Nachwuchs seit 150 Jahren. Den fangen aber höchstens Wildtierkameras ein. Auch Schwarzstörche, die in den Wipfeln der Fichten nisten, und die Wildkatzen bleiben nahezu unsichtbar.
Eine der ersten Frühlingswanderungen von Ralf Kirchner findet am Mellichstöckdooch (Milchstängeltag) am ersten Maiwochenende statt. Dabei dreht sich alles um den Löwenzahn. „Anderswo wächst er wie Unkraut, auf unseren mageren Böden ist er eine Seltenheit“, erklärt Kirchner. Ebenso wie den Löwenzahnkult pflegt man im Dreieck Sonneberg – Neuhaus – Eisfeld den Bratwurstfreitag. Dann öffnen zahlreiche Imbissbuden, und alle gehen hin. „Unsere Bratwürste sind mit Liebe gemacht und frisch“, sagt der Wanderführer. „Jeder Metzger will der Beste sein.“
Zwischen Baumwipfeln und Wurstzipfeln bietet die Region Coburg-Rennsteig eine perfekte Mischung aus Kultur, Traditionen und herrlicher Natur. Nicht weniger also als das Beste aus Nordbayern und dem fränkisch geprägten Südthüringen auf kleinem Raum.






