Reise

Autor: Julius Schophoff

Regensburg: das Manhattan des Mittelalters

Regensburg ist die besterhaltene mittelalterliche Großstadt Deutschlands.

Luftaufnahme von Regensburg in Bayern: Altstadt und Brücke über die Donau

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©iStockphoto.com / Alfredo Matus

Für die Reisenden, die vor fast 1000 Jahren mit Kutschen und Lastkähnen in die Donaustadt kamen, muss die Skyline beeindruckend gewesen sein. „Im Mittelalter standen hier sechzig solcher Wohntürme“, sagt Gästeführerin Irene Lautenschlager und blickt hinauf zur Spitze des Goldenen Turms. Er ist der berühmteste und mit 50 Metern höchste der Prunktürme, mit denen Kaufleute einst ihren Reichtum zur Schau stellten. Dazu, sagt Lautenschlager, kamen etwa 40 Wehrtürme und die Doppeltürme des Doms. „Manche nennen Regensburg auch das Manhattan des Mittelalters.“
Hervorgegangen aus einem Römerkastell, Castra Regina, war Regensburg am Anfang des vergangenen Jahrtausends nach Köln die zweitgrößte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Deutschland. 
Sie lag an wichtigen Handelswegen: Die Donau führte durch halb Europa bis ans Schwarze Meer, die etwas nördlich verlaufende Goldene Straße bis nach Prag, alte Landwege verliefen über die Alpen nach Italien. Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem Bau der Steinernen Brücke – der ersten festen Donauquerung – wurde Regensburg endgültig zum Dreh- und Angelpunkt des mittelalterlichen Fernhandels: Weine und Tuchwaren aus Flandern, Kupfer und Felle aus Böhmen, Wachs und Vieh aus Wien, Südfrüchte und Seide aus Venedig, Pelze aus Russland, Seide aus China, Gewürze aus Indien – Güter aus aller Welt wurden hier umgeschlagen und machten viele der ansässigen Kaufleute reich. So reich, dass sie sich hohe Türme bauten, nur aus Protz und Prahlerei.

Fensterbogen, aus denen nie jemand geschaut hat

Lautenschlager zeigt auf die Fensterbogen und Schießscharten auf mittlerer Höhe des Goldenen Turms. „Da hat nie jemand rausgeschaut oder geschossen“, sagt sie. Von innen waren diese Türme weitestgehend leer. Nur die unterste und die oberste Etage waren bewohnbar. Aber gelebt haben die Patrizier, die frühen Vertreter des Geldadels, meist sowieso in kleineren Wohnhäusern nebenan. Die Türme dienten in erster Linie der Demonstration der eigenen Größe.
Die Fläche der Regensburger Altstadt ist klar begrenzt durch einen Grüngürtel auf dem Gebiet der ehemaligen Stadtmauer. Im Zentrum ragt der Regensburger Dom auf, eine der bedeutendsten Kathedralen Deutschlands, ein gotisches Meisterwerk, das wegen wiederholter Geldprobleme allerdings erst 1869 nach fast 600 Jahren fertiggestellt wurde.

Acht Stadtbezirke mit je einem Wachtmeister

Manche Häuser im historischen Kern haben Zinnen wie Burgen, andere stehen da wie Greise, gekrümmt, mit Bäuchen aus Stein, die Fassaden gedrungen von der Last der Jahrhunderte. Viele Gassen sind so eng, dass nur Fußgänger und Fahrräder hindurchpassen. An Häuserecken prangen noch die hüfthohen Prellsteine als Schutz vor Kutschenrädern – fast so, als sei das Automobil nie erfunden worden.
Acht Stadtbezirke hatte das mittelalterliche Regensburg, sogenannte Wachten, denen jeweils ein Wachtmeister vorstand – daher der bis heute geläufige Begriff. „Hier war die Wacht der Handwerker“, sagt Irene Lautenschlager an der Kreuzung zweier besonders schmaler Sträßchen: Tändlergasse und Kramgasse. „Die Scheiben muss man sich wegdenken“, ergänzt sie und zeigt auf ein Schaufenster in einem Hausgewölbe, wo einst Sattler und Gürtler werkelten. Auch das Kopfsteinpflaster gab es noch nicht. An nassen Tagen wateten die Menschen mit untergeschnallten Holzsohlen durch den Matsch.
Zurück in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts tritt die Gästeführerin einen Schritt beiseite, um Platz zu machen für eine Reisegruppe, die sich durch die Tändlergasse Richtung Dom drängt. Die Transportwege der Stadt sind heute wieder gut ausgelastet: Flusskreuzfahrtschiffe und Reisebusse bringen jedes Jahr Hunderttausende Besucher nach Regensburg. Ein Boom, den die Stadt auch ihrer Ernennung zum Welterbe zu verdanken hat. 

Strudelfahrten in spektakulär wirbelndem Wasser

Hauptachse der Besucherströme ist die Steinerne Brücke, neben dem Dom die zweite große Sehenswürdigkeit der Stadt. Ein Bauwunder des Mittelalters, Vorbild für die berühmte Karlsbrücke in Prag. Die Errichtung dauerte nur zwölf Jahre, von 1134 bis 1146 – und damit kaum länger als ihre letzte Renovierung, abgeschlossen 2018. Mit mächtigen Rundbogen spannt sich der gewaltige Bau über die Donau, seine Füße stehen auf breiten Sockeln. In den Engstellen dazwischen strömt und wirbelt das Wasser derart spektakulär, dass Ausflugsschiffe im Stundentakt zu Strudelfahrten durch die Rundbogen ablegen.
Jahrhundertelang kam der Gang über die Steinerne Brücke einem Übertritt in eine andere Welt gleich. Das kleine Stadtamhof, Teil des Welterbe-Areals, gehörte als eigenständige Stadt zum Herzogtum Bayern. Das stolze Regensburg dagegen wurde schon 1245 zur „Freien Reichsstadt“ ernannt. Im Alten Rathaus, in dem sich heute die Tourist-Information befindet, tagte bis 1806 der Immerwährende Reichstag des Heiligen Römischen Reichs, eine Art Europaparlament der frühen Neuzeit. Noch lange danach, als Regensburg längst wieder zu Bayern gehörte, war die Brücke für viele eine imaginäre Schwelle. „Über d’Bruck wird ned gheirat“, den Satz kennt man noch heute.
Ab dem 15. Jahrhundert verwelkte die Blüte der Handelsstadt. Die kleine Eiszeit erschwerte den Verkehr über die Alpen, die Hussitenkriege machten Reisen nach Osten gefährlich, die Entdeckung Amerikas eröffnete neue Fernhandelsrouten. Der Handel in Regensburg beschränkte sich fortan vor allem auf Eisen, Salz und Wein. Es wurde kaum noch gebaut und folglich kaum noch abgerissen. Der wirtschaftliche Niedergang bewahrte die Strukturen der alten Stadt – nicht nur einmal. 
„Regensburg wurde immer mehr zur verschlafenen Beamtenstadt“, erzählt Lautenschlager. Die Industrialisierung fand woanders statt, in München, Nürnberg und Augsburg. Fabriken gab es hier kaum – und damit auch wenig strategisch wertvolle Angriffsziele in den Weltkriegen. Noch später, in den 1960er- und 1970er-Jahren, als eine Stadtautobahn die Altstadt in zwei Hälften reißen sollte, „ging der Stadt gerade mal wieder das Geld aus“, sagt Lautenschlager. „Zum Glück!“

So können sie und ihre Gäste noch heute durch die historischen Gassen spazieren, zwischen den alten Mauern der Geschichte wandeln. Sie brauchen nur ein wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie Wagenladung nach Wagenladung über die Brücke rollte und vollbepackte Lastkähne am Ufer festmachten. Vom Scheitel der Brücke hat man einen Panoramablick auf die Silhouette der Altstadt, noch heute ragen mehr als ein Dutzend Wohntürme über die Dächer der Stadt. Man hat es fast vor Augen, das Manhattan des Mittelalters.


Welterbe: Regensburg mit Stadtamhof

Die Altstadt von Regensburg mit dem Bezirk Stadtamhof ist ein außergewöhnliches Beispiel für eine intakte mittelalterliche Großstadt und wurde 2006 zum Unesco-Welterbe ernannt. Vor allem die Entwicklung des Handels vom 11. bis zum 14. Jahrhundert wird in Regensburg gut veranschaulicht. Das gesamte Welterbe-
Ensemble erstreckt sich über eine Fläche von 183 Hektar und entspricht der Ausdehnung der Stadt um 1320. Das Gebiet umfasst etwa 1000 Baudenkmäler. Eins davon: der Regensburger Salzstadel, in dem sich das Besucherzentrum Welterbe befindet, geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.
www.regensburg.de/welterbe


Der besondere Tipp

Seit 2021 gibt es in Regensburg eine zweite Welterbestätte: den Donaulimes. Bis ins 5. Jahrhundert lag hier, am nördlichsten Punkt der Donau, die Grenze des römischen Reichs. Das beeindruckendste Relikt dieser Zeit ist die Porta Praetoria, das Nordtor des Legionslagers aus dem 2. Jahrhundert.
www.regensburg.de/welterbe/welterbe-donaulimes