Inselhopping im Bodensee
Sieben Inseln liegen im Bodensee. Auf ihnen verdichtet sich, was die Region ausmacht: Stadtleben und Stille, Gärten und Natur, Klöster, Kunst und Kulturlandschaften.
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Der Bodensee liegt ruhig da an diesem Frühsommermorgen, und die Löwenfigur auf ihrem Sockel am Lindauer Hafen schaut eher schelmisch als majestätisch. Ein leichter Dunst hängt über dem Gewässer, dessen Ufer sich Deutschland, Österreich und die Schweiz teilen.
Wer seinen Blick streifen lässt, erkennt noch nicht, wie viele Welten hier nebeneinander existieren: Inseln, Halbinseln, künstliche Landzungen, jede mit einer eigener Geschichte, eigener Stimmung, eigenem Rhythmus. Dazu kommt ein Klima, das milder ist, als man es in diesen Breitengraden erwarten würde. Das riesige Wasservolumen speichert Wärme, lässt Wein an den Hängen reifen und verleiht dem See eine fast südländisch gelassene Atmosphäre.
Der große Obersee verzweigt sich auf der Höhe von Konstanz und Meersburg y-förmig in den Überlinger See sowie in den Untersee, wo der Rhein, der den Bodensee speist, diesen wieder verlässt. Im Osten des Obersees beginnt unsere Reise, genauer in Lindau, dessen historisches Zentrum auf einer Insel liegt. Der Zug rollt über einen schmalen Damm und hält wenige Augenblicke später direkt am Hafen. In den Gassen der Altstadt klirrt Kaffeegeschirr, freche Möwen spekulieren
auf ein Stück Laugenbrezel. Am Hafen wird der Bodensee zur Bühne, wenn die weißen Schiffe an- und ablegen.
An Bord der „MS Überlingen“ befinden sich schon bei der ersten Fahrt des Tages viele Fahrräder, und alle Kameras sind griffbereit für die malerischen Zwischenstopps in den Orten Wasserburg und Nonnenhorn am bayerischen Ufer, ehe bei der Überfahrt Richtung Westen nach Konstanz in Baden-Württemberg tatsächlich so etwas wie Meeresstimmung aufkommt.
Mönche bewohnten einst die Konstanzer Dominikanerinsel
Vom dortigen Hafen sind es nur wenige Schritte bis zur Dominikanerinsel, die mit der Stadt über eine Brücke verbunden ist. 1236 wurde dort ein Kloster gegründet, das heute ein Hotel beherbergt, in dem man weitaus fürstlicher residiert als einst die Mönche in ihren kargen Kammern. „Die frommen Männer haben sich einen der schönsten Flecken am See ausgesucht“, sagt Hartmut Maurus. Der Architekt aus Konstanz sitzt gern im gotischen Kreuzgang zwischen den Bögen und dem gedämpften Licht des Innenhofs und arbeitet an seinem Laptop. „Man versteht sofort, warum sie genau hier gebaut haben“, sagt der 58-Jährige und streicht mit der Hand über das kühle Mauerwerk. „Wasser rundum, ein geschützter Ort und doch nah an der Stadt. Rückzug und Welt zugleich.“
Ein rund 100 Meter langer Fußweg führt etwas außerhalb von Konstanz auf die Insel Mainau, die wohl berühmteste Insel im Bodensee. Während auf der Dominikanerinsel die Steine dominieren, findet dort eine sorgfältig komponierte, geradezu fürstliche Inszenierung statt: Ein Blütenmeer leuchtet in den Beeten, gestutzte Hecken rahmen die Ausblicke. An einem schönen Frühsommertag wie diesem scheint die Insel förmlich zu explodieren, tausendfach in Rot, Gelb, Violett.
„Die Mainau ist kein Ort der Wildnis, sondern der gestalteten Natur“, sagt Graziella Filiberto, eine Gartenbauerin aus Meran. „Diese Insel will beeindrucken, und sie tut es mit Leichtigkeit. Ich komme mehrmals im Jahr hierher, um mich inspirieren zu lassen und zu sehen, wie sich Farben, Formen und Jahreszeiten immer wieder neu erfinden“, sagt die 67-Jährige. Wenn sie ihren Begleitern, jungen Gärtnern aus Italien, die Mainau erklärt, dann spricht sie nicht von Blumen, Mammutbäumen und Wasserspielen, sondern von Dramaturgie. Von Blickachsen, die den Besucher lenken, von Höhenstaffelungen, die Tiefe erzeugen, von Kontrasten, die Spannung schaffen. „Hier ist nichts zufällig, selbst die Üppigkeit ist geplant“, sagt sie. „Eine Insel, erzählt in Farben: im Frühjahr pastell, im Sommer satt, im Herbst warm.“
Die Reichenau ist Welterbe und Gemüseinsel zugleich
Obwohl die Reichenau, die größte Insel im Bodensee, nur acht Kilometer Luftlinie entfernt liegt, mutet sie ganz anders an. Salatköpfe stehen in Reih und Glied, dazwischen ziehen sich Folientunnel in langen glänzenden Bögen über die Gemüsefelder.
Die Reichenau ist Unesco-Welterbe und Arbeitslandschaft zugleich. Klösterliche Geschichte trifft auf landwirtschaftliche Gegenwart. Drei romanische Kirchen – St. Georg mit seinen berühmten Wandmalereien, das Münster St. Maria und Markus sowie St. Peter und Paul – erzählen von einem der wichtigsten geistlichen Zentren des Mittelalters. Seine Blüte verdankte es der geschützten Lage und der Nähe zu wichtigen Handelswegen.
Dazwischen tuckern Traktoren über schmale Straßen, an Verkaufsständen werden Gurken, Tomaten und Kräuter angeboten – frisch vom Feld. Hinter
einem umzäunten Garten betreibt Elisabeth Fuchs eine kleine Werkstatt für Glasperlenschmuck und kann sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen. „Mich fasziniert diese Gleichzeitigkeit von Weltkulturerbe und Alltag in Gummistiefeln“, sagt sie und hält eine Perle in die Sonne, während die große Glocke des Münsters zu läuten beginnt. „Man lebt hier im Rhythmus des Lichts, nicht im Takt einer Uhr.“
Hinter der Insel Werd wird der See wieder zum Fluss
Rauch von der Fischräucherei Koch, wo frische Saiblinge über Buchenholz veredelt werden, weht herüber. Sie beliefert auch das Strandcafé auf der Halbinsel Mettnau mit Zanderfilets, die dort mit einer ausgezeichneten Rieslingsoße serviert werden. Allerdings besteht die Gefahr, dass sie auf dem Teller kalt werden, weil der Blick auf den See derart fesselt und ablenkt.
Das äußerste Ende der Halbinsel Mettnau ist Naturschutzgebiet. Dort enden alle Wege, das Schilf beginnt, und die Vögel bestimmen, welche Töne in der Luft liegen. Die winzige Liebesinsel, die ihren romantischen Namen im 19. Jahrhundert bekam, ist nur ein paar Ruderbootschläge entfernt. Einst war sie Kulisse für den Film „Die Fischerin vom Bodensee“. Heute ist dort nicht einmal mehr ein Küsschen erlaubt, denn sie ist für Besucher gesperrt. „Ein Naturjuwel“, sagt Hartmut Maurus, der Architekt aus Konstanz, und: „Es muss nicht immer alles zugänglich sein.“
Im Auslauf des Sees bei Stein am Rhein liegt, schon auf Schweizer Staatsgebiet, die Klosterinsel Werd. Dort fließt all das Wasser vorbei, das in den Monaten zuvor die Bodenseeinseln umspült hat, die nicht nur Punkte auf der Karte, sondern Schlüssel zum Verständnis dieser Landschaft sind: urban und still, gestaltet und wild, bewohnt und unberührt. Bei Stein am Rhein wird der See wieder zum Fluss – und fließt einfach weiter.






