Deutschlandmuseum in Berlin: Geschichte zum Anfassen
Das Deutschlandmuseum in Berlin schickt Besucher auf eine Reise durch die Zeitalter als ganzheitliches Erlebnis - von Dichtern und Denkern bis zur Aufhebung der deutsch-deutschen Teilung.
©
Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Datei 
Die Geschichte Deutschlands beginnt im Wald. So jedenfalls erzählt es das Deutschlandmuseum in Berlin, das seine Besucher in 2000 Jahre Vergangenheit eintauchen lässt. „Eintauchen“ trifft es: Statt langer Erklärtafeln setzt das Haus auf ein Erlebnis für die Sinne. Geräusche, Gerüche, begehbare Szenarien – alles ist darauf ausgelegt, Geschichte fühlbar zu machen. „Immersive experience“ nennt sich der Trend: eine Rundumerfahrung, die Besucher durch andere Zeiten und Welten wandeln lässt.
Im ersten der chronologisch angeordneten zwölf Räume, die Wendepunkte deutscher Geschichte markieren, betreten die Gäste federnden Waldboden. Sie riechen feuchtes Moos, ertasten die Rinden täuschend echter Ulmen, Ahorne und Eichen. Es waren laubreiche Urwälder, die einst weite Teile des heutigen Deutschlands bedeckten. Plötzlich erschallt Schwerterklirren und Kriegsgeschrei. Die Reise führte ins Jahr neun nach Christus – mitten hinein in die Varusschlacht.
Im Museum ist berühren und bespielen ausdrücklich erlaubt
Cheruskerfürst Arminius hatte eine Allianz germanischer Stämme geschmiedet. Gemeinsam lockte diese Roms Legionäre in einen Hinterhalt und schlug sie vernichtend. Schon zuvor hatten die Römer den Begriff „Germanen“ geprägt, ein Sammelwort für die Stämme östlich des Rheins. Doch erst die Berichte über die Varusschlacht sicherten den Germanen ihren Platz in der Weltgeschichte.
„Voll struppig“, sagt ein vielleicht zwölfjähriger Junge zu seiner Mutter, als er über das Wildschweinfell streicht, das im Germanenwald am lodernden Lagerfeuer hängt. Ein britisches Paar rätselt vor einem Videoquiz: Wie wurde Arminius später in Deutschland genannt? Die Antwort: „Hermann“ – vermutlich eine Wortschöpfung Martin Luthers, der „dux belli“, den Kriegsführer, mit„Heer-Mann“ übersetzte.
Der Reformation, die ebenjener Luther auslöste, widmet das Museum einen eigenen Raum. Dass seine Thesen solche Wucht entfalten konnten, hat viel mit einer technischen Revolution zu tun: dem Buchdruck. Meinungen und Nachrichten verbreiteten sich nun schneller. Besucher können das Handwerk probieren und an einer nachgestalteten Druckerpresse Lesezeichen mit ihren Initialen herstellen. „Das finde ich richtig toll, super Idee!“, freut sich eine Frau, die ihr Andenken in den Händen hält.
Kostbare Originale wie das um 1570 gedruckte „Teutscher Nation Heldenbuch“ schützt das Museum hinter Glas. Ansonsten gilt: berühren und bespielen ausdrücklich erlaubt. „Man wird im ganzen Museum nirgends den Hinweis finden: Bitte nicht anfassen!“, sagt Florian Schimikowski, der wissenschaftliche Leiter des Hauses. Auch Absperrkordeln oder wachsame Museumswärter fehlen. „All das würde Sie daran hindern, wirklich einzutauchen.“
Durch die Nachkriegszeit dröhnen die Rosinenbomber
Die Ausstellung entstand mit der Unterstützung einer Firma, die sonst Kulissen für Freizeitparks baut. Nur ein Raum ist bewusst kein Spielplatz: der über die NS-Zeit. Unter schallendem Stechschritt führt der Gang ins dunkelste deutsche Kapitel. Schattenrisse strecken den rechten Arm – ein Verweis auf die unzähligen Mitläufer im Land. Nüchterne Texttafeln listen das Resultat von Hass und Großmachtstreben auf: Millionen Tote auf allen Seiten.
In der Nachkriegszeit dröhnt Flugzeuglärm: die „Rosinenbomber“, die während der Berliner Luftbrücke Lebensmittel abwarfen. Dann öffnet sich eine typische Wohnung der Wirtschaftswunderzeit: Aus dem knallroten Radio dudeln Schlager, an der Pinnwand hängen Urlaubsgrüße aus „Bella Italia“, und der Staubsauger von 1956 glänzt wie ein Cadillac.
Wählscheibentelefon – was soll das denn sein?
Im Wohnzimmer mit Teppich und Mustertapete fläzen sich Schüler in der Sofaecke und hantieren belustigt mit dem Wählscheibentelefon. „Kaum ein jugendlicher Besucher weiß, wie man das bedient“, sagt Schimikowski und schmunzelt. Viele ältere Gäste gerieten hingegen ins Schwelgen in Erinnerungen: „Sie sagen, dass sie hier in ihrer Kindheit stehen.“
Nebenan lässt sich über ein Rad an der Uhr drehen: Videos zeigen, was zur jeweiligen Tageszeit dies- und jenseits der Mauer im Fernsehen flimmerte, Janosch oder Sandmännchen, Tagesschau oder Aktuelle Kamera. Worüber jüngere Gäste hier staunen: Dass es einmal einen Sendeschluss gab.
Am Ende geht’s im Berliner S-Bahn-Waggon Richtung Gegenwart; vorbei am „ewigen Kanzler“ Helmut Kohl, an der Verhüllung des Reichstags, am Fahnenmeer der Fußball-WM 2006. Auch insgesamt ähnelt das Museum einer S-Bahn-Fahrt: Es führt von Station zu Station. Wem angesichts der vorbeifliegenden Jahrhunderte ein wenig schwindelig wird, der setzt sich einfach – gern mitten auf eines der Ausstellungsstücke. Das ist hier ausdrücklich erlaubt.
Deutschlandmuseum
Leipziger Platz 7, 10117 Berlin-Mitte
Tel. 030/2 00 09 03 00
www.deutschlandmuseum.de






