Reise

Autor: Dorothee Fauth

Fürstliches Vergnügen: Schloss Nymphenburg

Auf Schloss Nymphenburg in München mit seinen weiten Gartenanlagen kann man in die Welt der bayerischen Kurfürsten und Könige eintauchen.
Fürstliches Vergnügen: Schloss Nymphenburg

©

©istockfoto.com / GoodLifeStudio
Den Rock leicht anheben, Knöchel zeigen, mit dem Bein einen Halbkreis beschreiben und einen Knicks andeuten – schon knisterte es gewaltig trotz der strengen Etikette. Denn mit dieser Geste erwiderten die Damen der Hofgesellschaft zu Zeiten des Barock die Aufforderung zum Tanz. „Der war damals die einzige Möglichkeit einer Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht“, erklärt Christiana von Roit. Geziert und geschnürt steht die Schneidermeisterin mit Tanzausbildung im selbst gefertigten roten Kleid im Steinernen Saal von Schloss Nymphenburg und erklärt Besuchern, wie man einst bei Hofe anbandelte.

Höfische Feste: Propaganda und Abwechslung

Nymphenburg mit seinen weitläufigen Gärten, eine der größten Schlossan­lagen Deutschlands, ist ein kulturelles Highlight in München. Bei den bayerischen Kurfürsten und Königen war die Anlage als Sommersitz überaus beliebt. Wenn es in der Stadt heiß und stickig wurde, zogen sie sich samt Familie und Hofstaat aufs Land zurück. Denn ursprünglich lag Nymphenburg zwischen Feldern und Bauernhäusern, weit vor den Toren der Stadt. Man belustigte sich dort mit Vögelschießen und feierte rauschende Feste. Denn der Adel hatte ein Luxusproblem: Langeweile. Zudem waren die Festivitäten beste PR und schrille Propaganda: Schaut her, auch wir können prunkvoll!
Bei der Hochzeit von Kurfürst Karl Albrecht mit der Kaisertochter Maria Amalia etwa, die 1722 mit Turnieren, Jagden, Oper und Feuerwerk in mehreren Schlössern gefeiert wurde, kam die Festgesellschaft abends nach Nymphen­burg. In seinem Festbericht gab Zeremonienmeister Pierre de Bretagne zu Protokoll: „Man gelanget über 2 grosse Stiegen in einen grossen Saal, welcher das Centrum des Schlosses darstellt und einer der schönsten Säle ist, die jemals von einem menschlichen Auge in Europa erblickt wurden.“ Dort war „ein herrliches Nachtmahl angeordnet“ (…), nach dem „ein Tantz angestellt ward, welcher bis spat in die Nacht währete“.


Der Festsaal mit seinem riesigen Deckengemälde und der Rokoko-Dekoration aus vergoldetem Stuck macht heute noch genau so viel Eindruck wie damals. Licht flutet den Innenraum von zwei Seiten durch hohe halb­runde Fenster, welche den Blick auf die Gartenanlagen und Natur freigeben. Man kann sich gut vorstellen, wie die Hof­gesellschaft hier tafelte. Dabei wurden etliche Überraschungen erwartet, darunter auch „allerley Confect“. Christiana von Roit hat inzwischen einige Besucher animiert, zu Geigenklängen ein Gassentänzchen zu wagen: Herr und Dame stehen sich gegenüber, können durch Drehungen und Platz­tausch jedoch nach potenziellen Interessenten Ausschau halten. Und bitte, man möge doch aus der Nase atmen, damit man nicht röchele wie ein Hammel, zitiert die Hofdame eine damalige Tanzregel. Nach holprigem Anfang klappt das ganz gut. Applaus, Applaus!
Vom Steinernen Saal führen zwei Flügel in die kurfürstlichen und königlichen Gemächer mit ihren kost­baren Möbeln und den blauen, gelben und roten Seidendamast-Tapeten. Man spaziert durch Galerien, Audienz- und Arbeitszimmer, durch intime Kabinette, die berühmte Schönheitsgalerie mit 36 Damen aus allen Münchner Gesellschaftsschichten – und in ein waldgrünes Schlafzimmer. Dort erblickte im Sommer 1845 einer der berühmtesten Oberbayern das Licht der Welt: Ludwig II., der spätere Märchenkönig, Erbauer der Schlösser Neuschwanstein und Herrenchiemsee.

Prunk im Marstallmuseum: königliche Kutschen

Das Hauptschloss Nymphenburg ist eher klein, angenehm übersichtlich und auch im Winter einen Besuch wert. Der Rest der riesigen Anlage, eine Art vollkommen symmetrische Idealstadt, bot Platz für den Hofstaat, Stallungen und mehr. Vor dem Haupttrakt befindet sich das Schlossrondell mit Kavaliershäusern und der 1747 gegründeten Königlichen Porzellan Manufaktur, die heute noch künstlerisch hochwertiges Porzellan herstellt. In der historischen Leibpferde-Stallung ist nun das Marstallmuseum untergebracht. Die mehr als 40 repräsentativen Kutschen und Schlitten, darunter Prunkfahrzeuge König Ludwigs II., lassen die höfische Welt des Reisens und Repräsentierens lebendig werden. Die Etage darüber zeigt eine sehenswerte Privatsammlung Nymphenburger Porzellans.
Und da sind ja noch die Gärten mit ihren Kanälen, eindrucksvollen Fontänen, Seen und Parkburgen, die Schloss Nymphenburg zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk werden lassen. Dort wurde flaniert und mit fanatischer Leidenschaft Passe gespielt, bei dem man Kugeln mit einem Holzhammer durch Tore schlagen musste. Die Hofgesellschaft amüsierte sich bei Heckentheater und Bootsfahrten in venezianischen Gondeln. Zeitweise fuhren bis zu 80 Gondeln und Prunkboote im Schlosskanal. Eine romantische Fahrt über den Mittelkanal kann man noch heute machen und dabei wie die höfische Gesellschaft dem Alltag entschweben.

Versteckt in den Gärten: vier kleine Parkburgen

Der ganzjährig geöffnete Nymphenburger Park ist eine Oase der Ruhe – für Städter wie für eine Vielzahl von Tieren, die sich hier wohlfühlen. Ein Spaziergang durch die weitläufige barocke Parkanlage in der Mittelachse und den sich daran anschließenden waldigen englischen Landschaftsgarten mit lauschigen Ecken und Wasserarmen ist auch im Winter schön. Dabei kann man sich auf die Suche nach den vier versteckten kleinen Parkburgen machen, die im April wieder ihre Türen öffnen: die Badenburg mit Schwimmbecken, die kostbare Rokokoschöpfung Amalienburg, die exotische Pagodenburg sowie die Magdalenenklause. Dorthin konnten sich die Regenten zurückziehen, um der Welt eine Zeit lang zu entfliehen.
Wenn die nur 50 Zentimeter tiefen Nymphenburger Schlosskanäle zufrieren, trifft sich dort heute das gewöhn­liche Münchner Volk zum Eislaufen und Eisstockschießen vor märchenhafter Kulisse. Wohl dem, der bei seinem Schlossbesuch seine Schlittschuhe dabei hat. Schließlich ist das Gleiten übers Eis auch eine Art Tanz. Im besten Fall in vollkommener Eleganz. Und ganz ohne Knicks und das Korsett knallharter Etikette.