Hamburg vom Wasser aus erleben: Zwischen Elbe und Alster
Zwei Flüsse prägen Hamburg. Also ab aufs Wasser und die Hansestadt aus besonderer Perspektive erleben.
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Ein kräftiges „Moin!“ zur Begrüßung ist Pflicht auf einer Hamburger Hafenrundfahrt. „Moin reicht“, stellt der Kapitän beim blubbernden Ablegen seines Schiffs von den St. Pauli Landungsbrücken als Erstes klar. „Moin, Moin wäre schon zu viel.“ Wobei er das Image des wortkargen Norddeutschen in den folgenden zwei Stunden ordentlich zurechtrückt. Viel gibt es zu erzählen über den drittgrößten Hafen Europas, das hochfrequent pulsierende Herz der Metropole mit ihren rund 1,9 Millionen Einwohnern. Dazu serviert der Kapitän die typischen „Döntjes“: Sprüche und Anekdoten, deren Wahrheitsgehalt bisweilen anzweifelbar ist, die allerdings dafür sorgen, dass die Laune unter den Gästen auch bei raueren Elbwellen hervorragend bleibt.
Dank der Elbe wurde Hamburg zum Tor zur Welt. Neben dem großen Strom, der nach gut 100 Kilometern in die Nordsee mündet, prägt die Alster als großes Gewässer mitten in der City die Hansestadt. Mit der Antwort auf die Frage nach dem schönsten Blick auf Hamburg von der Wasserseite aus würden sich vermutlich bereits die Passagiere der Hafenbarkasse, wie das kleine motorisierte Binnenschiff genannt wird, schwertun.
Entscheiden sie sich für die Elbphilharmonie, deren geschwungene Fassade aus riesigen, zum Teil gebogenen Glaselementen mit den Wellen der Elbe um die Wette glitzert? Die Elphi, wie das Konzerthaus mit Hotel, Wohnungen und Aussichtsplattform liebevoll genannt wird, weiß sich als Wahrzeichen von vielen Ecken der Stadt aus in Szene zu setzen. Oder punkten vor allem die mächtigen Containerschiffe, deren bunte Ladungen vom Deck der Barkasse aus wie Hochhäuser wirken?
Die Außenalster ist ein ideales Wassersportrevier
Aber was ist mit all den großartigen Fassaden rund um die Binnenalster, die man nirgends so schön zu Gesicht bekommt wie von Bord eines Alsterdampfers aus? Und mit den prächtigen Jugendstilvillen samt entsprechenden Gärten am Ufer des Feenteichs, durch den man gemütlich paddeln und derweil vom herrschaftlichen Leben träumen kann?
Wie gut, dass man sich bei der Erkundung der Hansestadt vom Wasser aus nicht festlegen muss. Wie Adern ziehen sich die Elbe mit ihren Seitenarmen, die Alster und die einst als Transportwege so wichtigen Fleete durch die Metropole. Prominent im Stadtgebiet sind Binnen- und Außenalster. Sie wirken wie zwei, durch einen Damm getrennte Seen, ein kleiner und ein sehr viel größerer. Dabei ist die Alster ein mehr als 50 Kilometer langer Nebenfluss der Elbe, der vor bald 800 Jahren zur Nutzung der Wasserkraft für eine Kornmühle gestaut wurde.
Die Außenalster ist knapp drei Kilometer lang und bis zu einem Kilometer breit, aber maximal um die vier Meter tief. Ein ideales Wassersportrevier für alle, die mit Segel- oder Ruderboot, Kanu, Tretboot oder SUP unterwegs sein möchten. „Bei Traumwetter im Sommer ist auf der Alster manchmal so viel los, dass man wahrscheinlich von Boot zu Boot hüpfen könnte, um von einer Uferseite zur anderen zu kommen“, sagt Björn Marnholt mit etwas bedauerndem Unterton.
Wie viele Hamburger hat auch er schon früh das Segeln gelernt: auf der Alster in einer Optimisten-Jolle, einem kiellosen Segelboot für Kinder. Heute nutzt der passionierte Hobbysegler lieber die Tage mit nicht so strahlendem Wetter, um etwas mehr in Fahrt kommen zu können, ohne Kollisionen mit anderen Wassersportlern zu riskieren.
Und dann sind da ja auch noch die Alsterschwäne, denen man aus Anstand, aber auch auf Grundlage eines fast 400 Jahre alten städtischen Gesetzes mit Respekt zu begegnen hat. Sogar das Beleidigen der großen weißen Vögel ist demnach verboten. Die Hamburger sind stolz auf die gefiederten Wahrzeichen ihrer Stadt und leisten sich die in Deutschland einzigartige Zentralstelle Schwanenwesen. Der dort angestellte Schwanenvater sorgt dafür, dass die Tiere jährlich in ihr geschütztes Winterquartier und im Frühjahr wieder zurück auf die Alster kommen. Und er ist rund ums Jahr zur Stelle, wenn es darum geht, verletzte Schwäne zu retten oder verwaiste Küken aufzuziehen.
Boote und Schwäne teilen sich die Alster und ihre Kanäle
Die Schwäne und anderen Wasservögel sind Begegnungen mit Ausflugsschiffen, Kanus und anderen Wasserfahrzeugen gewöhnt und bleiben meist entspannt, auch wenn es mal etwas enger wird. Denn auf den Alsterkanälen ist das Navigieren selbst der kleineren und flacheren Barkassen zuweilen eine knappe Geschichte. Außerdem sollte man den Rat „Kopf einziehen!“ ernst nehmen, wenn es unter einigen der Brücken hindurchgeht. Dafür zeigt sich Hamburg hier wohl von seiner vielfältigsten Seite: Eben noch ist das Boot sanft an luxuriösen Villen vorbeigeglitten, ein paar Meter weiter wirken die Uferpartien fast unberührt, dann wiederum blicken die Passagiere auf funktionale Gewerbebauten oder urige Schrebergärten.
Die Alster ist durch Schleusen im Verbindungsfleet zur Elbe von den Gezeiten abgetrennt, ihr Wasserstand bleibt daher konstant. Beim Fahrplan für die Ausflugstouren auf der Elbe und durch die Fleete der Speicherstadt mischen Ebbe und Flut dagegen kräftig mit. Der Fluss ist ständig in Bewegung, alle sechseinhalb Stunden herrschen im Schnitt vier Meter Höhenunterschied. Das bedeutet: Bei Niedrigwasser ist in einigen Fleeten nicht mehr als feuchter Schlick zu sehen. Daher variieren die Abfahrtzeiten für Touren durch das Unesco-Welterbe Speicherstadt.
Besonders stimmungsvoll ist ein Dämmertörn durch die Wasserwege im größten zusammenhängenden Kontor- und Lagerhauskomplex der Welt, der auf Tausenden Eichenpfählen gründet. Selbst in den launigen Sprüchen der Kapitäne schwingen sanfte Töne mit, wenn die wunderbaren Backsteinbauten mit ihren Türmen und Giebeln von der untergehenden Abendsonne angestrahlt werden und sich auf der Wasseroberfläche spiegeln.
Mit der Fährlinie 62 zum Museumshafen und Elbstrand
Wem der Sinn mehr nach Abenteuer als nach Romantik steht, der ist nur eine Ticketbuchung davon entfernt. Hamburgs Wasserbus, ein Amphibienfahrzeug, kombiniert Stadt- und Hafenrundfahrt. Los geht’s auf vier Rädern, von der Speicherstadt aus nach Rothenburgsort. Wenn der Busfahrer plötzlich zum Kapitän wird, ist das Gejuchze auf den Sitzbänken groß. Mit ordentlich Schwung rauscht er über eine Rampe in die Elbe, der Bus wird zum leicht schaukelnden Schiff. Es durchquert besondere Abschnitte des Hafens wie die Billwerder Bucht, vorbei an einem der letzten Süßwasserwattgebiete Hamburgs. Ebenso schwungvoll bekommt das bullige Gefährt wieder Asphalt unter die Räder, tropft noch ein bisschen auf den nächsten Metern und kehrt zum Startpunkt zurück.
Hafenerlebnis pur bieten die zum öffentlichen Nahverkehr der Hansestadt gehörenden Hadag-Fähren. Im Linienbetrieb verbinden die Schiffe die beiden Elbseiten. An Bord sind viele Berufspendler und an den Wochenenden Fahrradausflügler, die den kurzen Weg von der Innenstadt ins Alte Land nutzen. Zackig wird an- und abgelegt, Extras wie bei einer Hafenrundfahrt gibt es nicht. Der Blick von der Reling ist aber genauso schön: ob auf Elphi oder Containerhafen, auf Fischmarkt, Kaispeicher oder Köhlbrandbrücke.
Die Linie 62 bringt die Passagiere in wenigen Minuten von den Landungsbrücken zum Museumshafen Övelgönne. Das Museumsteam hält die schwimmenden Schätze vom alten Segler über den Dampfschlepper bis zum Feuerschiff nicht nur in Schuss, sondern bietet auch Mitfahrgelegenheiten an. Vom Museumshafen sind es nur ein paar Schritte zum Elbstrand. Spätestens dort wird es doch wieder romantisch: mit weichem Sand unter den Füßen, den Prachtbauten der Elbchaussee im Hintergrund und vielleicht einem großen Kreuzfahrtschiff zum Greifen nah, das elbabwärts Hamburg verlässt, um in die große weite Welt aufzubrechen.






