Wanderung: Blaustrümpflerweg in und um Stuttgart
Umgeben von waldigen Höhen, kann man mitten in Stuttgart in herrlicher Natur unterwegs sein, zum Beispiel auf dem Blaustrümpflerweg.
©
Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Datei 
Besucher, die zum ersten Mal in die baden-württembergische Landeshauptstadt kommen und den richtigen Begleiter an ihrer Seite haben, staunen. Nicht über eine romantische Altstadt, sondern über die vielen bewaldeten Höhen, die Stuttgart umgeben. In der Regel dauert es nur wenige Minuten, dann ist man mitten in der Stadt in der Natur.
Eine 7,5 Kilometer lange Rundtour eignet sich perfekt dafür, sich von dem urbanen Grün einen Eindruck zu verschaffen – großartige Aussichtspunkte inklusive: der Blaustrümpflerweg. Er umkreist in ständigem Auf und Ab den Stadtteil Heslach. Der Name des Wegs bezieht sich auf jene Bürger, die 1519 den vertriebenen Herzog Ulrich verraten haben sollen. Nach seiner Rückkehr verdonnerte dieser alle Heslacher dazu, von nun an sonntags zum Kirchgang blaue Strümpfe zu tragen. Startpunkt der Tour ist der Marienplatz im Stuttgarter Süden (erreichbar mit den Stadtbahnlinien U1, U14). Nichts deutet auf dieser lebhaften, zubetonierten Verkehrsinsel, an der sich dennoch einige beliebte Cafés behaupten, darauf hin, was die Wanderer in den nächsten 2,5 Stunden erwartet.
Der Aufstieg zur Karlshöhe erfordert etwas Kondition
Immer der Socke nach – blau auf weißem Grund – geht es vom Marienplatz über Sträßchen und Stäffele, ehemalige Stuttgarter Weinbergtreppen, sofort steil bergan. Es gilt, die Karlshöhe zu erklimmen und dabei gleich einmal 100 Höhenmeter zu überwinden. An der Südflanke der Parkanlage befinden sich die Rebenreihen eines der neun innerstädtischen Weinberge. Etwas außer Atem erreicht man schließlich den Biergarten auf dem bewaldeten Hügel, der zur ersten Rast einlädt, einen zweiten Höhepunkt gibt es umsonst dazu: den grandiosen Blick über die Stadt, die bereits ganz weit weg scheint und doch ganz nah ist.
Steigt man den grünen Hügel auf der anderen Seite hinab, landet man in Stuttgart West. Wieder geht es bergan, nächster Aussichtspunkt, dann biegt der Stadtwanderer in den Blauen Weg ein. Auf dieser Spaziermeile in luftiger Höhe zwischen steilen Obstwiesen und blühenden Gärten reiht sich ein Ausblick an den anderen, bevor der Weg in den Wald abtaucht und über die Ziegelklinge nach Heslach hinabführt.
Den folgenden Anstieg muss, nein sollte man nicht zu Fuß bewältigen, denn unweit des Südheimer Platzes befindet sich die Talstation eines historischen Schmuckstücks: die Standseilbahn. Seit 1929 schnurren ihre Teakholzwagen mit Messingbeschlägen auf der bis zu 28 Prozent steilen Strecke durch den Wald und bringen die Fahrgäste in vier Minuten zum Waldfriedhof. Zahlreiche Stuttgarter Prominente sind dort bestattet, darunter Robert Bosch und der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss. Es lohnt sich nicht nur zur Rhododendronblüte zwischen April und Juni, über den größten Friedhof der Stadt zu streifen. Jenseits einer relativ stark befahrenen Straße schließt sich der Dornhaldenfriedhof an, ein ehemaliger königlicher Schießplatz. Zwei Längswälle der Schießbahnen sind noch gut erkennbar. Dazwischen liegt die Grabstätte der drei RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe, die in Stuttgart-Stammheim inhaftiert waren.
Von nun an wandert man durch den dichten Degerlocher Wald fernab jedes Großstadttrubels, vorbei am denkmalgeschützten ehemaligen Garnisonsschützenhaus, 1893 erbaut aus Ziegelsteinen und Fachwerk im Schweizerstil. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es eine gern besuchte Ausflugsgaststätte, später wurde es als Wohnhaus vermietet, dann drohte der Verfall durch Leerstand.
Inzwischen nutzt der Verein „Raum der Stille“ das Gebäude in der ehemals lärmenden und mit historischer Bedeutung aufgeladenen Umgebung als Ort der Begegnung. Jetzt finden dort Literaturveranstaltungen, Vorträge und Ausstellungen statt, werden Waldführungen angeboten. Ein idyllischer Garten der Stille ist öffentlich zugänglich. Das einsam gelegene Ensemble besitzt eine eigentümliche Anziehungskraft und Schönheit, von der man sich nur schwer lösen will.
Den Abstieg zum Marienplatz erledigt bequem die Zacke
Doch weiter geht’s. Tief ein- und ausatmen. Die Stunden im Wald senken den Blutdruck, bauen Stresshormone ab, hellen die Stimmung auf und – auch das ist wissenschaftlich erwiesen – steigern die Anzahl der Killerzellen im Blut, die erkrankte und veränderte Zellen bekämpfen. Am Ende hat man das Gefühl, viel zu schnell wieder aus dem Wald draußen zu sein.
Unermüdliche kehren über den schönen Schimmelhüttenweg zwischen Weinbergen und Schrebergärten ins Zentrum zurück, andere genießen vom Santiago-de-Chile-Platz im Stadtteil Degerloch eine letzte Aussicht, bevor sie an der Haltestelle Haigst in die „Zacke“ steigen. Die gelbe Zahnradbahn, eine von vier in Deutschland und die einzige in einer Stadt, bringt die von der Stadtnatur beseelten Wanderer wieder hinab zum Marienplatz. Die netten Cafés kommen nun gerade recht.
„Stadt zwischen Wald und Reben“, mit diesem Slogan warb Stuttgart mal, und das ist kein hohles Marketingversprechen. Denn nicht nur auf dem Blaustrümpflerweg werden die Städter mit so viel Natur beglückt. Das lässt sich beim nächsten Besuch überprüfen. Etwa auf dem Talkrabbenweg über die Feuerbacher Höhe. Prädikat: lohnenswert.
Roter-Socken-Weg
Als Ergänzung zum Blaustrümpflerweg haben die Naturfreunde Heslach diese sieben Kilometer lange Tour konzipiert. Sie startet ebenfalls am Marienplatz und führt durch einen Landschaftspark mit Mammutbäumen und Wald zum Weißenburgpark. Beliebt sind dort das Jugendstil- Teehaus und die Plattform mit Rundum-Stadtblick. Am Santiago-de-Chile-Platz berühren sich Blaustrümpflerweg und Roter-Socken-Weg, sodass sich beide Touren auch kombinieren lassen. Mehr Infos zum Rote-Socken-Weg hier...






