Im Tal der Schlösser
Wohlhabende Unternehmer und romantiksuchende Adelige bauten im Hirschberger Tal im heutigen Polen Schloss neben Schloss.
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Ein Brunnen plätschert im Schlosshof. Der Kiesweg lädt zum Spaziergang in den Park ein. Riesige Bäume werfen Schatten auf die Wiesen: Stieleichen, Lärchen, Zirbelkiefern … Von einem steinernen Brückchen aus öffnet sich der Blick über den Teich, in dem sich der zum Schwimmbad umgebaute Speicher und die Galerie, einst der Kuhstall, spiegeln. Falls sich trotz des kühlen Wetters Gäste auf die Terrasse von Schloss Stonsdorf (polnisch: Staniszów) wagen, breitet die Kellnerin weiße Tischtücher aus. Der Ausblick von hier ist der schönste des ganzen Anwesens: In der Ferne schwebt die Schneekoppe (poln. Śnieżka), der Gipfel des Riesengebirges (poln. Karkonosze). Damit das immer so bleibt, schuf der berühmte Gartenkünstler des 19. Jahrhunderts Peter Joseph Lenné bei seinen Planungen eine Sichtachse. Auch der aktuelle Schlossinhaber Wacław Dzida weiß um den Zauber dieser Perspektive und ließ 200 Jahre nach Lenné die inzwischen gewucherten Bäume wieder fällen.
Fast überall im Hirschberger Tal – benannt nach der Stadt Hirschberg (poln. Jelenia Góra) ganz im Südwesten Polens – lohnt es sich, nach der Schneekoppe Ausschau zu halten. Oder nach den anderen Bergkuppen rings um den Talkessel: Im Westen begrenzt das Isergebirge (poln. Góry Izerskie) den Landstrich, im Osten und Nordosten der Landeshuter Kamm (poln. Rudawy Janowickie). Im Schutz dieser Umarmung gedeiht eine liebliche Landschaft. Den Gebirgen entspringende Bäche vereinen sich zu Flüssen, die breite Täler durchfließen und vielerorts zu Teichen oder Seen gestaut wurden.
Wie in dieser Region eine Schlösserlandschaft gedieh, beschreibt Gästeführer Emil Mendyk so: „Ein paar Burgen entstanden schon im Mittelalter mit dem Bergbau und dem Bestreben der Herrscher, die Handelswege, über die Gold, Silber, Kupfer und Edelsteine transportiert wurden, im Blick zu behalten. Die mehr als 30 Schlösser auf einer Fläche von gerade einmal 20 mal 25 Kilometern kamen erst im 18. und 19. Jahrhundert dazu.“
Weil auf den steinigen Böden nicht viel mehr wuchs als Flachs, blühte in Schlesien die Leinenherstellung. Die Webstühle klapperten meist in den Hütten der Weber. Für andere Arbeitsgänge bei der Herstellung von zarten Leinenstoffen bauten die Schleierherren genannten Unternehmer Manufakturen – und prachtvolle Schlösser, um zu repräsentieren.
Hirschberger Tal: angesagter Ort für Adel und Geldadel
Als Österreich die Region nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1742 großteils an Preußen verloren hatte, war man am Potsdamer Hof bestrebt, seinen Einfluss in dieser Ecke des Königreichs zu stärken. Für die Wohlhabenden, zu jener Zeit bereits der Romantik verfallen, und für die Mitglieder des Königshauses wurde das Hirschberger Tal zum angesagtesten Ort schlechthin. Bald verteilten sich Schlösser und Schlösschen, Parks und Gärten im ganzen Tal, oft nur einen Ausritt oder einen Spaziergang weit voneinander entfernt. Das schlesische Elysium war entstanden, eine Insel der Glückseligkeit.
All diese Bauwerke ereilte, vor allem nach 1945, ein bewegtes Schicksal. Meist wurden sie geplündert, gingen in den Besitz der Kommunen über und dienten, sofern sie nicht verfielen, als Wohnungen, Büros oder Schulen.
Eine abenteuerliche Sanierungsgeschichte kann Wacław Dzida auch über sein Schlosshotel Stonsdorf erzählen, ein spätbarockes, zweistöckiges Gebäude. Der Hotelier kaufte das lange von der Ortsfeuerwehr genutzte und ziemlich robust behandelte Gemäuer vor mehr als zwei Jahrzehnten und baut seitdem unentwegt. Deshalb nennt er sich auch nicht Schlossherr, sondern Restaurator.
Ziemlich am Anfang dieses Abenteuers restaurierte er den Ballsaal für seine eigene Hochzeit und beherbergte die ersten Hotelgäste. Inzwischen lädt das Schloss zum Träumen ein – auf hölzernen Böden, zwischen schweren Truhen, glänzenden Tapeten und gerafften Vorhängen.
Hirschberger Schleierleinen: dünn, weich, kostbar, begehrt
In jedem dieser Gebäude herrschen andere Gegebenheiten, die Bauzustände reichen von stilvoll saniert bis ruinös. Manche sind von Familien bewohnt und unzugänglich, andere mit oder ohne Absprache zu besichtigen. Ein Museum und Sitz einer Stiftung ist eines der beiden Schlösser von Lomnitz (poln. Łomnica). Leiterin Ewa Rzempała führt durch die Räume, als blättere sie in der Chronik des Hauses: Die lange als Küche und Eiskeller genutzten Gewölbe entstammen vermutlich der spätmittelalterlichen Burg. Andere Räume erinnern an die Kanzlei des Gutsherrn, an Nachmittage im Damensalon oder Festlichkeiten im Gartensaal. Und immer scheint es, als seien die Herrschaften nur mal eben für einen Moment nach nebenan gegangen.
Zu den hotelgewordenen Schlössern gehört auch Wernersdorf (poln. Pakoszów). Vor der hellgrauen Fassade erstreckt sich eine riesige, fast baumlose Wiese, durch die von der Schlossmauer zum Portal eine schnurgerade, von Rabatten gesäumte Pflasterstraße führt. Wer die Historie kennt, sieht hier in seiner Fantasie zahllose Leinenbahnen dicht an dicht auf dem Rasen zum Bleichen ausgebreitet. Kostbares Hirschberger Schleierleinen, dünn, weich und in ganz Europa begehrt.
Um bei dieser Menge sehenswerter Gemäuer den Überblick zu behalten, hilft der Miniaturen Park in Schmiedeberg (poln. Kowary). Dort lassen sich rund 60 niederschlesische Baudenkmäler im wahrsten Sinne des Wortes überblicken. Man entdeckt die Schlösser, die man besucht hat, und viele, für welche die Zeit nicht ausreichte: Erdmannsdorf (poln. Mysłakowice) zum Beispiel, vom preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel zur Sommerresidenz der Hohenzollern umgebaut und heute eine Schule, oder das Wasserschloss Fischbach (poln. Karpniki).
Aber nicht nur Schlössern lässt sich so aufs Dach schauen. Modelle der Altstadt von Hirschberg, von Kirchen, die Religionsgeschichte schrieben, von einer alten Papiermühle machen neugierig auf die Originale – einschließlich der über allem schwebenden Schneekoppe.
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