Röttingen im Taubertal, die „Stadt der Sonnenuhren“
Auf dem zwei Kilometer langen Rundweg des Städtchens kann man 20 Sonnenuhren bewundern. Alle sind unterschiedlich gestaltet und bei Sonnenschein die Zeit abzulesen wird zum Spaziervergnügen.
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Wenn sich am Himmel über Röttingen die Sonne hinter Wolken versteckt, dann bleibt in dem Städtchen im Taubertal die Zeit stehen. Genauer gesagt zeigen die Zeitmesser auf dem Sonnenuhrenweg dann nichts mehr an. Da trifft es sich gut, dass die Sonne im Taubertal rein statistisch gesehen ganz besonders oft und lange vom blauen Himmel scheint. Der Naturraum in Franken, den sich Bayern und Baden-Württemberg teilen, zählt zu den trockensten und wärmsten Gegenden in Deutschland. Einer der Gründe dafür: Viele der von Westen kommenden Regenwolken bleiben an den Höhen des benachbarten Odenwalds hängen. Somit kann die Sonne über Röttingen eben das tun, was Grundvoraussetzung für die Funktion der kreativen Zeitmesser des Ortes ist: Schatten werfen. Mit dessen Hilfe lässt sich die Uhrzeit ablesen, man braucht nur einen parallel zur Erdachse ausgerichteten Stab und ein nach Stunden eingeteiltes Zifferblatt. Weshalb Sonnenuhren streng genommen eigentlich Schattenuhren sind.
Schon in der Antike konnte man auf diese Weise die Uhrzeit bestimmen. Besser gesagt: die wahre Ortszeit. Denn Breiten- und Längengrad, die Neigung der Erdachse und die daraus resultierenden Jahreszeiten spielen ebenfalls eine Rolle. Und da die Bewegung des Tagesgestirns nicht gleichmäßig ist, gehen Sonnenuhren bis zu 16 Minuten vor oder nach – was jedoch vor Erfindung der mechanischen Uhr keine Rolle spielte.
Zur „Stadt der Sonnenuhren“ wurde Röttingen 1984 durch einen Schlossermeister aus dem nahe gelegenen Bad Mergentheim. Kurt Fuchslocher, der 2010 starb, hatte seine Freizeit der Gnomonik gewidmet, wie die Lehre von der Sonnenuhr nach dem Gnomos, dem schattenwerfenden Stab, heißt. Den setzte der Schöpfer der Röttinger Sonnenuhren, von denen es zu Hochzeiten bis zu 30 gab, besonders kreativ ein – mal als weiße Metallkante, mal als Glasbruchstück, bei dem die Lichtbrechung die Uhrzeit anzeigt, mal in Form verschieden langer Stifte auf einer Kugelsonnenuhr.
Überhaupt bestehen seine Kreationen aus allen möglichen Materialien, aus Schrott und Fliesen, aus feinstem Edelstahl oder alten Wagenrädern. Auch bei den Formen und der künstlerischen Ausgestaltung gibt es keine Grenzen, ob als ausgeschmückte Tafeln an Hauswänden, in Blattform, als halber oder ganzer Globus.
Mittelalterromantik zwischen Weinreben und Stadtmauer
„Ohne Sonne schweige ich“, heißt es auf einer von Fuchslochers Uhren, von denen viele mit passenden Sinnsprüchen versehen sind. Wer den nummerierten Exemplaren vom Marktplatz aus folgt, entlang der Stadtmauer und der Hauptstraße, sieht auch ganz viel von Röttingen.
Sieben Wehrtürme ragen über der Stadtmauer auf, die das 900 Jahre alte Städtchen umgibt, Fachwerkhäuser flankieren am Marktplatz das prächtige barocke Rathaus. Und wer an einem samtweichen Sommerabend vor der Kulisse der Burg Brattenstein ein Theaterstück bei den Frankenfestspielen erlebt, wird endgültig zum Schwärmer für mittelalterliche Romantik.
Der Blick von oben, von Spazier- und Wanderwegen rund um die Stadt, eröffnet ganz neue Perspektiven. Wanderer wähnen sich hier tief im Süden. Zikaden und Grillen zirpen, es duftet mineralisch nach Stein und würzig nach Kräutern. Über den Felsen an den Südhängen flirrt die Luft, die Sonne leistet ganze Arbeit. An den Reben, die schnurgerade ins Taubertal hinunterziehen, reifen Trauben der Lese im Herbst entgegen. Und dort, wo die Weinberge in die Flussauen übergehen, kuschelt sich Röttingen ins Taubertal. „Heute ist die beste Zeit“, heißt es auf der Sonnenuhr an der Brücke über den Fluss. Kämen jetzt Wolken auf, dürfte sie stillstehen, die Zeit.






