Unterwegs auf dem Fontane-Radweg in Brandenburg
Barocke Bauwerke, romantische Seen, verträumte Landschaften: Entlang des Fontane-Radweges reist man auf den Spuren des Schriftstellers durch dessen Heimat.
©
Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Datei 
Die dritte Etappe des Fontane-Radwegs führt in eine romantische Seenlandschaft. Wie eine Insel erhebt sich Schloss Rheinsberg, mit sandfarbener Fassade, goldenen Balkonen und den zwei markanten Rundtürmen, die von noblen Grünflächen und dem Seeufer umspielt werden. Ein traumhafter Anblick – der Theodor Fontane einst zu einem schriftstellerischen Geniestreich inspirierte.
Als er im Jahre 1858 durch Schottland reiste, erblickte er dort eine Schlossruine, die sich – ganz wie Schloss Rheinsberg! – stolz im Wasser spiegelte. Der Romancier spürte Sehnsucht. „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“, befand er. Zurück in Preußen, reifte aus dieser Erkenntnis ein Entschluss: Er schnappte sich Stock und Hut – und brach zu seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auf. Die fünf Bände mit mehr als 5000 Seiten gelten als Meilenstein der Reiseliteratur. Einige der verewigten Routen bilden die Grundlage des vor sechs Jahren eröffneten Fontane-Radwegs.
Er verläuft im Nordwesten Brandenburgs auf einer Länge von 284 Kilometern. In acht Etappen führt er von den barocken Bauwerken Oranienburgs bis zu den prächtigen Parks Potsdams. Dazwischen quert die Route vielfältige Landschaften: das Ruppiner Seenland, die östliche Prignitz und das Havelland. Radelnde durchfahren Kiefernwäldchen und blühende Linden- und Ahornalleen, setzen bei Ketzin mit der Fähre über die Havel und entdecken verträumte märkische Städtchen wie Altlandsberg. Klöster, Gutshäuser und Rittergüter erzählen von der Geschichte der Region, während das „Havelländische Luch“, ein Niedermoor, das Fontane als paradiesisch pries, mit Sumpf- und Zugvogelscharen fasziniert. Abstecher und Alternativetappen erweitern das Streckennetz – und der Dichter reist stets mit: 60 Infotafeln entlang der Route erläutern Fontanes Bezug zu den Orten und zitieren aus seinem Werk.
Etappe 3 eignet sich als Kostprobe – sogar zu Fuß
Die gesamte Tour dauert acht Tage. Wer sich herantasten möchte, kann ebenjene dritte Teilstrecke von Rheinsberg nach Neuruppin probieren, deren 26 Kilometer man alternativ zu Fuß zurücklegen kann. Erster Pflichtstopp: natürlich das Rheinsberger Schloss. Einst war es das Kronzprinzenpalais Friedrichs des Großen. Im lichtdurchfluteten Spiegelsaal schweift der Blick hinauf zum farbenfrohen Deckengemälde des Hofmalers Antoine Pesne, während unter den Füßen schlichter Holzboden knarrt. Schallendes Lachen im Treppenhaus verrät: auch Kinder kommen gern her. „Früher gab es zwischen Stadt und Schloss eine gewisse Distanz“, berichtet Schlossassistent Michael Fröhlich, „die möchten wir abbauen und die Menschen zum Verweilen einladen.“ Familien empfiehlt er die Rucksackrallye, um mit Rätseln spielerisch Schloss und Park zu erkunden.
Erlebnisse beim Wandern dienten Fontane als Rohstoff
Hinter Rheinsberg wird die Reise zum Naturerlebnis. Der Weg führt in eine von der Weichsel-Kaltzeit geformte Landschaft entlang des Lindower Rhins, einem munteren Flüsslein inmitten feuchter Wiesen. Das Wasser wirkt klar, Licht und Schatten wechseln unter Erlen, blaue Libellen schwirren umher, mit Glück fliegt ein Eisvogel vorbei.
Im Fischerdorf Zippelsförde werden Lachsforelle und Saibling offen über Erlenholz geräuchert. Weiter geht es nach Molchow. In der Mitte des ursprünglichen Runddorfs steht ein dunkler Turm. Die jahrhunderte alte Glocke darin trägt die Inschrift „Ave Maria“ – doch eine Kirche gibt es nicht. Schon Fontane wunderte sich darüber und hielt fest, die Dorfbewohner hätten die Glocke zufällig auf einer nahen Feldmark entdeckt: „Sie erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm.“
Der Radweg schlängelt sich dicht an den Ufern entlang. Wer durchs Schilf späht, kann Anglerkähne und Ausflugsboote zählen. Ein benachbartes Gewässer wurde dank Fontane gar berühmt: Am kristallklaren Stechlinsee (Etappe 2) spielt Fontanes letzter Roman „Der Stechlin“. Ein Schlüsselwerk über den Niedergang des Adels und den gesellschaftlichen Wandel, der sich damit verband. Überhaupt dienten dem Schriftsteller viele seiner Wandereindrücke – Gespräche, Landschaftsbilder, Lokalkolorit – als Rohstoff. So hörte er im kleinen Ribbeck die Geschichte vom gütigen Gutsherrn und seinem Birnbaum, die er zur Ballade „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ formte. Der originale Birnbaum wurde 1911 zum Sturmopfer, doch hinter dem sanierten Schloss wächst eine ganze Sammlung historischer Sorten, die im Frühjahr weiß und rosa blühen. Der Ort liegt auf dem sechsten Teilstück des Radwegs.
Doch zunächst gilt es, Etappe 3 zu beenden – Ziel: Neuruppin. Dort sollte auch wer nicht kränkelt, die Löwen-Apotheke im Zentrum aufsuchen, das Geburtshaus Fontanes. Schon sein Vater betrieb hier eine Apotheke. „Man denkt nicht jedes Mal daran, aber es ist schon etwas Besonderes, als Neuruppiner hier reinzuspazieren,“ sagt ein älterer Kunde.
Auf dem nahen Wochenmarkt lässt sich frischer Proviant besorgen. Wer damit zum Fontaneplatz rollt, rastet in prominenter Gesellschaft: Auf einer Granitbank sitzt Theodor Fontane in Bronze. Er hat ein Bein übers andere geschlagen, Hut und Wanderstab beiseitegelegt – und den Stift gezückt. Seine Reiseschilderungen ermuntern Menschen bis heute, selbst loszuziehen. Inzwischen gerne auf zwei Rädern, aber mit der gleichen Neugier für Land und Leute, mit der Fontane einst zu Fuß durch die Mark Brandenburg ging.






