Reise

Autor: David Krenz

Via Scra: Pilgern ohne Grenzen

Die Via Sacra verläuft entlang alter Handelswege durchs Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien und lädt dazu ein, ohne Hast durch die Jahrhunderte zu reisen.

Ruinen des Klosters Oybin in Sachsen (Deutschland).
Ruinen des Klosters Oybin in Sachsen.

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©iStockphoto.com / Andreas Voelkel

Es fällt schwer, sich an diesem Hungertuch sattzu­sehen. In seiner Museumsvitrine leuchtet es im milden Licht und erzählt auf rund sieben mal acht Metern 90 biblische Geschichten: das Große Zittauer Fastentuch. Die Farben wirken erstaunlich frisch für ein Werk von 1472. Damals verhüllte es in der Fastenzeit den Altarraum, damit nicht nur die Mägen, sondern auch die Augen fasteten. Heute sorgt es für den gegenteiligen Effekt: Es zieht alle Blicke auf sich. Das Fastentuch gehört zu den kostbarsten sakralen Kunstwerken Europas – und ist doch nur einer von vielen Schätzen entlang der Via Sacra. Die vor genau 20 Jahren ins Leben gerufene Pilgerroute verläuft entlang der historischen Via Regia und weiterer alter Handelswege im Dreiländereck. Neun ihrer Pilgerstätten liegen auf deutscher Seite, acht in Tschechien und drei in Polen.

Soldaten bauten mit dem Fastentuch eine Waldsauna

Zittau blühte im Mittelalter als Handelsstadt auf. Ohne diesen Reichtum hätte es das Fastentuch, gestiftet von einem Getreide- und Gewürzhändler, nie gegeben. „Martin Luther nannte es päpstliches Gaukelwerk und wollte so etwas nicht mehr in der Kirche haben, doch die Zittauer hielten sich nicht daran“, sagt Volker Dudeck. Der frühere Leiter der Zittauer Museen erzählt bei seinen Führ­ungen auch die dramatische Geschichte des Tuchs. Er nennt sie das „Wunder von Zittau“. Die Kirche, in der das bemalte Leinentuch 200 Jahre lang hing, ging 1757 in Flammen auf. Zum Glück hatte man es zuvor in ein Kloster ausgelagert. Dort geriet es in Vergessenheit – bis es 1840 zufällig wieder zum Vorschein kam. In einer Kiste auf einem nahen Berg überstand es unbeschadet den Zweiten Weltkrieg – doch nicht die Tage danach. Soldaten der Roten Armee fanden das Tuch und zerrissen es, um damit ihre Behelfssauna im Wald abzudichten. Ein alter Herr entdeckte die verdreckten Fetzen beim Holzsammeln und brachte sie mithilfe des Pfarrers nach Zittau zurück. „Das Tuch hat seinen eigenen Leidensweg erlebt“, sagt Volker Dudeck. Seit 1999 ist das restaurierte Fastentuch – an manchen Stellen ausgeblichen, dennoch in voller Pracht, – wieder öffentlich zu sehen. Um die Jahrtausendwende trieb Volker Dudeck den Plan einer Pilgerroute im Dreiländereck entscheidend voran. Er nennt sie „eine Einladung, durch die Jahrhunderte zu reisen – ohne Grenzen“. Und ohne Hast. Allein auf deutscher Seite umfasst die Via Sacra 14 Tagesetappen. Eine führt von Zittau hinauf ins Zittauer Gebirge. Hinter den letzten Häusern passieren die Pilger den Dreiländerpunkt, wo am linken Neißeufer die deutsche, am rechten die polnische und tschechische Flagge im Wind wehen. Bald darauf erreicht man den Einstieg ins Gebirge. Es geht steil bergauf. Keine schlechte Richtung für einen Pfad, der dazu einlädt, Gott nahezukommen.

Bizarre Felsnadeln und markante Tafelberge

Zur Kreidezeit bedeckte ein Binnenmeer die Region. Später drang Magma aus der Tiefe, erstarrte zu Basalt und Phonolith. Wind und Wetter formten daraus jene bizarren Felsnadeln und markanten Tafelberge, die dieses kleinste deutsche Gebirge auszeichnen. Um die zerklüfteten Steine wächst dichter Mischwald. Man hört in diesem Quell der Ruhe kaum mehr als das Knirschen der eigenen Schritte – bis lautes Pfeifen von den Felsen widerhallt: Die Zittauer Schmalspurbahn schnauft ganzjährig nach Oybin. Wer eine Fahrkarte löst, pilgert sozusagen mit Volldampf – und mit Vollverpflegung: Auch einen Speisewagen zieht die schwarze Lok hinter sich her. Wanderer hingegen steigen über Steinbrocken, balancieren an umgestürzten Birken vorbei – und erklimmen den Töpfer mit seiner Baude, eine der typischen Schutzhütten. Vom Gipfel reicht der Blick weit über nahe und ferne Höhenzüge. Direkt unterhalb schimmert der Olbersdorfer See. Sein Sandstrand wirkt im Winter wie eine Aufforderung, die Region zur Badesaison noch einmal zu besuchen. Nach dem Durchschreiten der Großen Felsengasse führt der Weg ins Tal, wo über dem Kurort Oybin der gleichnamige, 514 Meter hohe Sandstein­monolith aufragt. Er trägt eine lädierte Krone – die Reste einer Burg. Unterhalb der Ruine schmiegt sich die gelbe Bergkirche an den Fels. Aufgrund der Hanglage fallen ihre Bänke wie eine Stadiontribüne zum Altar hin ab. „Zu unseren Gottesdiensten kommen noch bis zu 30 Menschen aus der Umgebung“, erzählt der Kirchenaufseher. Hinter der Kirche weist das Schwert eines geschnitzten Ritters den Weg zur Burg. Sie wurde zum Schutz der Handelswege errichtet, später lebten hier Mönche, klärt das Burgmuseum auf. Zwischen den verfallenen Mauern spürt man die Romantik der Vergänglichkeit. Der Maler Caspar David Friedrich ließ sich hier zu einigen seiner kraftvollsten Werke inspirieren.

Bei den Nachbarn warten faszinierende Pilgerstätten

Von Oybin sind es nur wenige Wanderschritte bis Tschechien. Die Via Sacra sorgt für viele Momente, an denen Ländergrenzen verschwimmen. Zum Beispiel in Görlitz, wo man über eine Brücke in die polnische Schwesterstadt Zgorzelec spaziert (siehe Seite 38). In den Nachbarländern warten faszinierende Pilgerstätten: die Basilika des heiligen Laurentius mit ihrer mächtigen Kuppel in Gabel (tschechisch: Jablonné v Podještědí), Tschechien; die barocke Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung in Haindorf (tschech. Hejnice); das Kloster Grüssau (polnisch: Pocysterskie opactwo) im polnischen Krzeszów, das unter anderem mit meisterhaften Wandmalereien und imposanten Orgeln beeindruckt. Im beliebten Wintersportort Krummhübel (poln. Karpacz) erfahren Besucher der Stabkirche Wang, wie diese aus Norwegen ins Riesengebirge fand. Wer von Oybin auf deutscher Seite weiterpilgert, gelangt nach Großschön­au.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg ließen sich in der Gegend Siedler aus Böhmen, Mähren und Ungarn nieder, viele verdienten als Hausweber ihr Brot. Sie bauten so eigentümliche wie praktische Häuser: Auf eine massive Blockstube, die das Rütteln des Webstuhls dämpfte, setzten sie ein Fachwerkgeschoss zum Wohnen. Viele dieser Umgebindehäuser sind heute liebevoll restauriert und Pensionen. In Bautzen ragen die Türme von St. Petri über die Altstadtdächer. Der Dom ist Deutschlands älteste Simultankirche: Seit der Reformation teilen sich Protestanten und Katholiken das Gotteshaus, das zwei Altäre, zwei Kanzeln und zwei Sakristeien besitzt. Dass Glaube die Kraft hat, Menschen zu verbinden, ist mancherorts noch heute zu spüren. In den Dörfern zwischen Bautzen und Kamenz, wo die Ortsschilder zweisprachig sind, leben seit 1400 Jahren Sorben, eine slawische Volksgruppe mit ihren Bräuchen und Trachten. In ihren Dorfkirchen singen sie sorbische Lieder. Die Flurkreuze an den Straßen sind nicht verwittert, da sie mit Holzlasur und Goldfarbe in Schuss gehalten werden. Wer sie beim Pilgern entdeckt, dürfte sich bestätigt fühlen: Kultur, Glaube und Gemeinschaft werden entlang der Via Sacra besonders gepflegt.