Die Kulturgeschichte des Buchs
Dick, dünn, gebunden oder als Taschenbuch: Das gedruckte Buch ist auch nach 500 Jahren ein wichtiges Kulturgut. Eine Reise vom Papyrus zum E-Book.
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Die bedeutendste Erfindung des letzten Jahrtausends, schrieb das „Time“-Magazin. Eine Entdeckung, die die Welt veränderte. Eine Medienrevolution. Nein, es ist nicht die Rede vom Smartphone. Es ist die Rede von Büchern, von Bleisatz und von Johannes Gutenberg. Um das Jahr 1450 hatte der Mainzer, über dessen Leben nur wenig bekannt ist, die Idee, Bücher mithilfe beweglicher Lettern aus Blei in einer Druckpresse mit einer zähen Schwärze aus Ruß, Terpentin und Öl serienmäßig herzustellen. Danach war nichts mehr wie zuvor.
Wurden Bücher vor Gutenberg im Auftrag von Kirche und weltlichen Herrschern handschriftlich kopiert, ließen sie sich nun schnell und in großen Mengen produzieren: Information und Wissen für jeden, der lesen konnte.
Eine Erfindung, die 500 Jahre lang die Buchwelt prägte
Dabei war Gutenbergs Erfindung so neu nicht: Bereits ab dem 8. Jahrhundert wurden in China, Korea oder Japan Bücher mit Holzdruckstöcken hergestellt, später kamen bewegliche Lettern aus Ton, Keramik oder Metall hinzu. Der entscheidende Unterschied war Gutenbergs Handgießinstrument, mit dem Bleilettern schnell, gleichbleibend gut und in beliebig großer Zahl gegossen und so immer wieder neu miteinander kombiniert werden konnten.
500 Jahre lang wurden Bücher auf diese Weise produziert, zunächst in Europa und dann auf der ganzen Welt. Erst der Offsetdruck Anfang des 20. Jahrhunderts verdrängte langsam Gutenbergs Erfindung. Bei dem inzwischen weltweit am häufigsten genutzten Verfahren wird die Farbe zuerst auf einen Gummituchzylinder und von dort auf Papier gedruckt – ein weiter Weg von den in Klöstern handkopierten, zum Teil reich verzierten Bänden aus dem Mittelalter.
Das Bedürfnis von Menschen, Geschichten, Wissen, Sagen und Legenden oder ihre Einnahmen und Ausgaben festzuhalten, geht aber noch viel weiter zurück. Die Sumerer schrieben Jahrtausende vor Christi Geburt auf Tontafeln, die Inder auf Palmblätter und die Maya fertigten ihre Bilderhandschriften auf Amatl-Papier.
In Ägypten, im antiken Griechenland und in Rom wurde auf Papyrus- und später auch auf Pergamentrollen geschrieben. Die erste schriftliche Fassung von Homers „Odyssee“ dürfte in Form von Buchrollen erschienen sein.
Diese wurden nach und nach abgelöst: Der sogenannte Kodex fasste einen Block Papyrus- oder Pergamentblätter zwischen zwei Holztafeln zusammen. Die Kodizes waren die ersten Bücher in der Form, wie wir sie heute kennen. Sie ließen sich stapeln, waren robuster als Rollen, und man konnte darin blättern und schneller Textstellen finden.
Die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts veränderte die Gesellschaft, weil die größere Verbreitung von Büchern das Wissen demokratisierte. Am Übergang von der Antike zum Mittelalter ab dem 3. Jahrhundert nach Christus war noch das Gegenteil der Fall: Kirche und weltliche Macht entschieden, welche antike Literatur es wert war, auf teures Pergament aus Tierhaut übertragen zu werden.
Neue Inhalte: Märchen, Romane und Reiseberichte
Wie groß der Verlust an Literatur aus der Antike tatsächlich ausfällt, darüber ist sich die Forschung nicht einig. Ein großer Teil blieb wohl auf der Strecke: nicht kopiert, in Kriegen verbrannt, wegen unliebsamer Inhalte vernichtet oder schlicht verrottet, weil der Papyrus Feuchtigkeit und dem Zahn der Zeit nicht standhalten konnte.
Mit dem Buchdruck aber hatte die Zeit keine Macht mehr über die Bücher, zumal Papier zur kostengünstigen Alternative für die Vervielfältigung wurde. Damit änderten sich auch die Inhalte: Märchen, Romane, Abenteuergeschichten oder Reiseberichte fanden ihre Leser, und nicht mehr nur theologische oder wissenschaftlichen Themen. Und noch etwas kam mit der „Schwarzen Kunst“, wie Gutenbergs Handwerk genannt wurde. Weil unterschiedliche Schriftschneider die Bleilettern herstellten, entstanden individuelle Schriften: Die Typografie war geboren. Ihre Grundprinzipien sind selbst in den E-Books von heute noch gültig.
Die Digitalisierung ist die nächste Revolution in der Buchgeschichte. Der Geruch des Papiers, das Gewicht eines Bandes, der Akt des Blätterns, all das löst sich auf in Codes aus Einsen und Nullen. Wird es noch einmal solch geheimnisvolle Bände wie das zweite Buch von Aristoteles’ Poetik geben, das verschollen sein soll und eine entscheidende Rolle in Umberto Ecos Mittelalter-Thriller „Der Name der Rose“ spielt? Oder das Voynich-Manuskript, das im 15. Jahrhundert in einer unbekannten Schrift und Sprache verfasst wurde und als rätselhaftestes Buch der Welt gilt?
Mit der Digitalisierung der Gutenberg-Bibel, dem ersten mit beweglichen Lettern gedruckten Buch der westlichen Welt, schließt sich ein Kreis. Doch das gedruckte Buch, das den Erfindergeist der Renaissance atmet, lebt weiter – weil sich Menschen wieder opulent gestaltete Bände ins Regal stellen. Die Faszination, die von Büchern ausgeht, verblasst nicht.






