Murmeltiere, die gemütlichen Langschläfer
Die Murmeltiere sind erwacht und bevölkern die Bergwiesen. Wenn sie sich nicht gestört fühlen, lassen sich die alpinen Nager gut beobachten
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Im späten Frühjahr, wenn der Schnee in den Alpen auch oberhalb der Baumgrenze schmilzt und die Bergwiesen wieder saftig grünen, krabbeln sie schläfrig aus ihren Erdlöchern – zerzaust und magerer als vor dem Winter, als sie rund und wuschelig in ihrem Bau verschwanden. Sie richten sich auf und blinzeln mit schwarzen Knopfaugen ins Licht: Die Murmeltiere sind erwacht.
„Anfangs sitzen sie ruhig da“, sagt Friederike Zenth. Die junge Wildtierökologin und ihr Team der Universität Freiburg haben drei Jahre lang Alpenmurmeltiere beobachtet. Die Feldarbeit mit Fernglas begann jeweils im Mai. Früher zeigen sich Murmeltiere nicht. Ihr Winterschlaf dauert rund sieben Monate. In der Schlafkammer des verzweigten Tunnelsystems läuft ihr Körper auf Sparflamme. Der Herzschlag sinkt von 160 auf zehn Schläge pro Minute, die Körpertemperatur auf zehn Grad.
Den Eingang der Baue haben sie zuvor mit Erde, Kot und Steinchen verschlossen, das schützt vor Füchsen und Zugluft. Murmeltiere überwintern als Familien und schmiegen sich eng aneinander. Dieses Gruppenkuscheln sei lebenswichtig, gerade für Jungtiere, sagt Friederike Zenth. „Sie können ihre Temperatur noch nicht gut halten.“
Zuerst wagt sich das erwachsene Männchen ins Freie. „Manche trinken an Schneepfützen“, hat die Ökologin beobachtet. Danach prüfen sie schnüffelnd und spähend die Umgebung. Bald folgen kurze Ausflüge, flink wuseln sie über die Wiesen. Nach und nach zeigt sich der Rest der Familie.
Murmeltiere pfeifen nicht, sondern schreien
Die Männchen patrouillieren entlang ihres Territoriums und wedeln dabei auffällig mit ihrem buschigen Schwanz, als schwenkten sie ein Schild: Pfoten weg, das ist mein Revier! Auch akustisch machen sie auf sich aufmerksam. Anders als ihr Name vermuten lässt, murmeln Murmeltiere nicht leise vor sich hin. „Sie rufen viel und laut“, sagt Friederike Zenth. „Selbst in 500 Metern Entfernung konnten wir sie hören.“ Ihre schrillen Schreie werden fälschlicherweise oft als Pfiffe bezeichnet.
Das muntere Murmeltierkonzert erreicht noch im Mai zur Paarungszeit seinen Höhepunkt. Rivalen dringen in fremde Reviere ein, was zu wilden Verfolgungsjagden über Hügel und Wiesen führt. Bei den Raufereien richten sich die Männchen auf und teilen wie kleine Boxer mit den Vorderpfoten aus.
Das Forscherteam beobachtete aber auch friedliche Szenen. „Murmeltiere sind unglaublich soziale Tiere“, sagt Friederike Zenth. Familienmitglieder begrüßen sich mit Nasenstupsern, auch fremde Tiere beschnuppern sich und putzen einander das Fell.
Und wie kommen Murmeltiere mit uns Menschen zurecht? Das wollte das Freiburger Team herausfinden. Unter anderem untersuchte es, wie diese auf Wanderer reagieren. Dafür zählte es die Murmeltiere im Untersuchungsgebiet, indem es einige in Käfigfallen fing, mit Ohrmarken markierte, vermaß und wieder freiließ. Kurz danach wurden erneut Tiere gefangen. Aus dem Verhältnis von markierten und unmarkierten ließ sich die Populationsgröße hochrechnen.
Murmeltiere sind verspielt und balgen sich gern
Friederike Zenth erinnert sich an das individuelle Aussehen der etwa katzengroßen Tiere: „Manche hatten ein braunes Fell mit Rotstich, andere dunkle Schattierungen, und bei einer Familie war das Fell unglaublich seidig-weich.“ Der dichte Pelz ist ein Erbe ihrer Ahnen: Murmeltiere zählen zu den Eiszeitrelikt-Arten und sind perfekt an Kälte angepasst. Als es auf der Erde wärmer wurde, wanderten die Tiere in die kühlen Berggefilde.
Doch der Klimawandel setzt ihnen auch dort zu. Murmeltiere können weder schwitzen noch hecheln. Bei Hitze ziehen sie sich in ihre Baue zurück. Je mehr heiße Tage, desto weniger Zeit bleibt zum Fressen von Gräsern, Wurzeln und Kräutern. Sie müssen im kurzen Bergsommer aber genug Fettreserven anlegen, um den langen Winterschlaf zu überstehen. Denn anders als ihre Verwandten, die Eichhörnchen, sammeln sie keine Vorräte. Wir sollten sie deshalb möglichst wenig stören.
Friederike Zenths Team fand heraus: Tauchen in Bereichen mit wenig Wanderverkehr Menschen auf, flitzen Murmeltiere in den Bau und verlieren wertvolle Zeit und Energie. Entlang stark genutzter Wege bleiben sie hingegen oft gelassener, weil sie den Trubel kennen. Deshalb hält Zenth es für sinnvoll, einige Gegenden intensiv touristisch zu nutzen und andere eher ungestört zu lassen.
Für die Bergwelt sind Murmeltiere wichtig. Ihre Tunnel lockern den Boden, aufgeworfene Erdhügel schaffen Lebensraum für Insekten. Als Beutetiere, beispielsweise für Steinadler, sind sie ein unverzichtbarer Teil der alpinen Nahrungskette.
Murmeltiere lassen sich etwa in den Berchtesgadener Alpen beobachten. Frühmorgens oder am späten Nachmittag stehen die Chancen gut, wenn man Abstand hält. Flüchten sie in den Bau, hilft es meist, still zu warten, bis sie wieder auftauchen. Die Geduld wird mit putzigen Szenen belohnt. „Murmeltiere spielen gern“, sagt Friederike Zenth. Einmal sah sie zwei Exemplare so wild miteinander balgen, dass sie wie Bälle den Hang hinunterkullerten.






