Mythos Erlkönig
Der Erlkönig ist ein Mythos mit vielen Wurzeln. Goethes Ballade machte ihn berühmt.
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Am Ende ist das Kind tot, und Goethe hat es geschafft, dem Leser einen ordentlichen Schauder über den Rücken zu jagen. Seine naturmagische Ballade vom „Erlkönig“ gehört zu den bekanntesten Gedichten überhaupt. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?/Es ist der Vater mit seinem Kind.“ Der Junge fühlt sich von einem Geisterwesen, dem Erlkönig, bedroht.
Die Figur des Erlkönigs hat viele Wurzeln, unter anderem in den nordischen Sagen und Mythen, in denen sich Elfen tummelten. Diese Natur- und Nebelgeister wurden auch Elben oder Alben genannt und haben in dem Wort Albtraum bis heute überdauert. Die Kirche dämonisierte die ehemals freundlichen heidnischen Wesen und verbannte sie in Sümpfe und Moore – dorthin, wo Erlen gerne Wurzeln schlagen. Die Erle ist schon deshalb ein unheimlicher Baum, weil sie (aufgrund eines Oxidationsprozesses) zu bluten scheint, wenn man sie fällt. Böse Menschen wurden daher in Erlenbrüche verbannt.
Der Erlkönig war ursprünglich ein König der Elfen
Dennoch hat der Erlkönig mit der Erle nichts zu tun. Der Begriff ist ein (vielleicht beabsichtigter) Übersetzungsfehler – den Goethe übernahm. Der Stoff der Ballade geht auf die dänische Legende des Ellerkonge zurück, eines boshaften Elfenkönigs. In seiner Adaption „Erlkönigs Tochter“ übersetzte Johann Gottfried Herder „Eller“ mit „Erle“. Vier Jahre später knüpfte Goethe daran an.
Die sagenhafte Gestalt könnte ihren Ursprung außerdem in dem Mythenkomplex der „Wilden Jagd“ haben, deren Anführer im angelsächsischen Raum Herlaking hieß. Daraus entstand im Mittelalter in Frankreich der Herlequin (Harlekin). Herlaking, Herlequin, Erlkönig – im Nebel der Geschichte erhielten diese mystischen Bruchstücke eine neue Identität.
Erlkönige auf vier Rädern
Eine davon fährt heute auf vier Rädern als Geheimnis durch die Lande: Erlkönige werden auch Prototypen von Autos genannt, die als Erprobungsfahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. Damit das neue Design und die Technik unerkannt bleiben, werden sie mit Tarnfolie verschleiert. Der erste motorisierte Erlkönig überhaupt war ein Mercedes 180. Journalisten hatten ihn in den 1950er-Jahren heimlich fotografiert und die Bilder in einem Automagazin unter dem Titel „Erlkönig“ veröffentlicht. Dazu dichteten sie: „Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind? (...) Ist es gar Daimlers jüngstes Kind?“
Bei Goethe steigert sich die Dramatik in wildem, panischem Galopp. Zum Schluss heißt es: „Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind/Er hält in Armen das ächzende Kind/Erreicht den Hof mit Mühe und Not ...“ Wie erwähnt, es nahm kein gutes Ende.





