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Autor: Kerstin Juchem

Sagengestalten: Von Drachen und Helden

Im alten Kampf zwischen Gut und Böse sind feuerspeiende Bestien legendäre Gegner.

Ein Ritter in glänzender silberner Rüstung kämpft gegen einen Feuer speienden Drachen

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Sie lauern in Schluchten oder Höhlen und bewachen dort Schätze. Mal kriechen sie schlangengleich durch Wälder und Moore, mal beherrschen sie als Sturmgewalten die Lüfte. Ihr Schuppenpanzer ist undurchdringlich, ihre Zähne sind messerscharf. Ihre Augen glühen, ihre Mäuler speien Feuer oder spritzen Gift: Drachen. Fast immer verkörpern die Ungeheuer Chaos und Grauen, das bezwungen werden muss, damit Welten ent- oder bestehen können. Und fast immer gebiert die Geschichte dabei einen Helden.

Der wohl bekannteste Drachentöter im deutschen Sagen- und Legendenschatz ist Siegfried aus dem Nibelungenlied. Darin schlägt der mutige Königssohn mit seinem Schwert Balmung einem Drachen den Kopf ab und badet in dessen Blut. Das macht ihn unverwundbar – bis auf eine Stelle am Rücken, die unbenetzt blieb. 

 

Der Tatzelwurm: Mischwesen aus Schlange und Löwe

Nicht weniger heldenhaft als Siegfried tötete im Christentum der Heilige Georg einen Drachen. Der Ritter befreite mit einer Lanze das Land von der tyrannischen Bestie, damit sich das Volk im Gegenzug dafür taufen ließ.  Die heutige Vorstellung von Drachen als feuerspeienden Schuppentieren mit Flügeln (sowie unser Wort dafür) entwickelte sich aus der Schlange, altgriechisch: drakon. In antiken Mythen tauchten Schlangen als Gegner von Göttern und Helden auf, standen aber auch für Fruchtbarkeit und Erneuerung. In der jüdischen und christlich geprägten Kultur war ihr Ruf schlecht: Eine Schlange verführte Eva zur Sünde.

Deutlich erkennbar ist das Reptil noch im Lindwurm (Drache ohne Flügel) und in der alpenländischen Gestalt des Tatzelwurms. Dem Mischwesen aus Schlange und Löwe kann man unter anderem als Brunnenfigur im Moselort Kobern-Gondorf begegnen, wo es der Legende nach in den Stollen hauste. Der Lindwurm aus der Nibelungensage wacht nach Restaurierungsarbeiten wieder in seiner Höhle in Königswinter neben der Nibelungenhalle auf dem Drachenfels – dort, wo einst der Kampf mit Siegfried stattgefunden haben soll. Passenderweise war der Skulptur der Kopf abgefallen.

Und im bayerischen Furth im Wald lebt bei Deutschlands ältestem Volksschauspiel jeden August der Drache Fanny auf. Der 15 Meter lange ferngesteuerte Laufroboter spuckt beim „Drachenstich“ Rauch und Flammen. Am Ende des fast 500 Jahre alten Spektakels mit 250 Pferden und mehr als tausend Mitwirkenden in Originalkostümen wird Fanny getötet. Ganz so, wie es sich für einen Drachen gehört.