Dossier Schlaf

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Dossier Schlaf

Schlafen Sie sich glücklich

Immer mehr spricht heute dafür, dass zwischen Schlafstörungen und depressiven Erkrankungen ein Zusammenhang besteht. Eine viel beachtete Metastudie von Freiburger Wissenschaftlern aus dem Jahr 2011 ergab, dass Depressionen bei Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen etwa doppelt so häufig vorkommen wie bei Patienten, die normal schliefen. Eine darauf aufbauende Untersuchung von 2020 belegte, dass beide Leiden wechselseitig miteinander verknüpft sind. So liegt der Schluss nahe, dass eine frühzeitige Therapie von Schlafstörungen helfen kann, Depressionen zu verhindern. Manche Menschen sind an beiden Störungen gleichzeitig erkrankt. „Eine Depression geht oft mit Schlafstörungen einher“, erklärt Psychologe, Psychotherapeut und Schlafexperte Dr. Hans-Günter Weeß, der das Interdisziplinäre Schlafzentrum am Pfalzklinikum in Klingenmünster leitet. „Bis zu 80 Prozent der Depressionspatienten haben gleichzeitig Schlafprobleme.“
Rund die Hälfte der Patienten mit Schlafstörungen hat Anzeichen einer Depression. „Ihr Risiko, eine solche zu entwickeln, ist bis zu dreimal höher im Vergleich zu Personen, die keine Schlafprobleme haben“, fügt Dr. Weeß hinzu. Beide Störungen können die Gesundheit beeinträchtigen. So verfügen Menschen, die über eine längere Zeit nicht schlafen können, eher über ein geschwächtes Immunsystem und werden schneller krank. Auch ihr Risiko für Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist erhöht. Chronisch depressive Patienten sind stressanfälliger, haben häufiger chronische Schmerzen, sind öfter übergewichtig sowie drogen- oder alkoholabhängig. Nicht immer wissen die Personen, was zuerst auftrat – die Schlafstörung oder die Depression. Das spielt letztlich aber auch keine Rolle. Forschungen zeigen, dass sich selbst bei der Behandlung von nur einer Störung die Symptome der anderen bessern können. „Es geht nicht um die Frage, ob das eine Leiden das andere bedingt hat oder nicht“, erklärt Dr. Dan Chisholm, Programmleiter für die psychische Gesundheit des WHO-Regionalbüros in Kopenhagen. „Mit denselben Behandlungsmethoden lassen sich beide Erkrankungen zugleich behandeln.“

Weshalb Schlafstörungen das Risiko einer Depression erhöhen können

Menschen mit Schlafproblemen fällt es oft schwer, abends abzuschalten. „Sie haben einen leichteren Schlaf, aus dem sie immer wieder für Augenblicke aufwachen“, erklärt Prof. Dr. Dieter Riemann, Leiter des Zentrums für Psychische Erkrankungen der Uniklinik Freiburg und Gründer des European Insomnia Network (Netzwerk für Schlafstörungen). Riemann war Mitverfasser der beiden genannten Studien aus den Jahren 2011 und 2020. „Bei guten Schläfern schalten Gehirn und weite Teile des übrigen Nervensystems in einen Ruhemodus. Dagegen wird dieser Tiefschlafzustand des Gehirns bei anhaltender Schlaflosigkeit vermutlich nicht erreicht.“ Nachts regelmäßig wach zu liegen, kann auf die Stimmung schlagen. „Tagsüber sind die Betroffenen gereizt, sie fühlen sich schlapp, lustlos und ziehen sich eher zurück als sonst“, so Dr. Chisholm. Begleitet wird die Schlaflosigkeit von der Sorge, wie man den nächsten Tag überstehen soll. „Wir haben gern alles unter Kontrolle. Aber der Schlaf lässt sich nicht willentlich steuern“, sagt Riemann. „Chronische Schlaflosigkeit bedeutet, sich hilflos zu fühlen. Und dieses Gefühl ist ein typisches Merkmal der Depression.“

Warum leiden Patienten mit Depressionen häufiger unter Schlaflosigkeit?

„Ob jemand depressiv ist, wird in der Regel mithilfe eines Fragenkatalogs ermittelt. Mithilfe der Checkliste sollen Schlafprobleme, Nervosität, Niedergeschlagenheit und dergleichen aufgedeckt werden“, erläutert Dr. Chisholm. „Es besteht ein klarer Zusammenhang zwischen einer Depression und den genannten Symptomen.“ Mitunter kann ein traumatisches Erlebnis zu Depressionen und Schlaflosigkeit führen. „Trauer und Stress sind bekannte Auslöser“, erklärt Dr. Alexander Sweetman, der an der Flinders University in Adelaide, Australien, zum Thema Schlafmedizin forscht. „Corona hat zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen wie Depression und Insomnie geführt“, ergänzt Riemann. „Angst war dabei der beherrschende Faktor: Angst vor einer Ansteckung, vor sozialer Isolation und finanzieller Unsicherheit. Außerdem haben Homeoffice und Kinderbetreuung die Alltagsstruktur der meisten Familien verändert, jedenfalls vorübergehend.“

Beide Erkrankungen lassen sich therapieren

Unter Schlafstörungen oder Depressionen zu leiden, ist kräftezehrend. Komplizierter wird es, wenn beide zusammen auftreten. Glücklicherweise existieren zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten für beide Leiden. Betroffene sollten – wenn möglich – professionelle Hilfe hinzuziehen. „Wenn Sie depressiv sind und zusätzlich Schlafstörungen haben, nehmen Sie diese ernst“, rät Riemann. „Viele Ärzte verschreiben Schlaftabletten für vielleicht eine Woche, ohne dem Problem auf den Grund zu gehen und es im Zusammenhang mit der Depression zu behandeln. “Eine Reihe von Heilmethoden kommt grundsätzlich für beide Störungen infrage. Das ist von Vorteil, wenn der Patient auch an einer Schlafstörung beziehungsweise einer Depression leidet.

Folgende Behandlungen haben sich bewährt:

Schlaflosigkeit früh bekämpfen.

Die deutsche Studie aus dem Jahr 2011 deutet darauf hin, dass Schlafprobleme ein Frühsymptom einer Depression sein können. Außerdem hat sie gezeigt, dass chronische Schlaflosigkeit das Risiko für eine Depression verdoppeln kann. „Es gibt Hinweise dafür, dass eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Schlafproblemen eine bestehende Depression lindern kann. Mit einer rechtzeitigen Therapie kann zudem verhindert werden, dass sich eine Depression verstärkt“, bestätigt Dr. Sweetman.

Gewohnheiten ändern.

Bereits kleine Veränderungen helfen dabei, Depressionen und Schlafprobleme zu vermeiden. „Nicht jeder braucht professionelle Hilfe. Es gibt einfache Wege und Mittel, wie wir unsere körperliche und seelische Gesundheit stärken können“, erläutert Dr. Dan Chisholm. „Bewegung ist sehr wichtig für einen guten Schlaf und schützt vor Depressionen, ebenso wie gesunde Ernährung und der Verzicht auf Alkohol. Seien Sie körperlich aktiv, und nehmen Sie sich Zeit für Hobbys oder tun Sie Dinge, die Ihnen Spaß bereiten.“ Oft hilft es, mit einer vertrauten Person über die Schlaf- oder Stimmungsprobleme zu reden. „Sich einer anderen Person zu öffnen, kann sehr heilsam sein“, empfiehlt Dr. Chisholm. „Wenn das jedoch nicht ausreicht, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.“

Schlafmittel nur kurze Zeit nehmen.

Wenn überhaupt sollten Schlaftabletten nur für kurze Zeit eingenommen werden, da die Gefahr der Abhängigkeit besteht. Außerdem bekämpfen die Medikamente zwar die Symptome, nicht aber die Ursache der Schlaflosigkeit. Riemann warnt deshalb: „Schlafmittel können Schlafprobleme kurzfristig lindern, zur Dauermedikation sind sie aber nicht geeignet. Ihre Wirkung hält nur an, solange sie eingenommen werden.“

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) erlernen.

Diese Technik kann Sie darin unterstützen, besser zu schlafen. Sie eignet sich sowohl bei Schlaflosigkeit als auch bei Depressionen. Die Europäische Gesellschaft für Schlafforschung und -medizin empfiehlt Erwachsenen mit chronischer Schlafstörung die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) als Therapie. „Studien haben gezeigt, dass KVT-I nicht nur bei der Behandlung von Schlafstörungen sehr effektiv ist, sondern auch depressive Symptome reduzieren kann“, sagt Dr. Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). „Bestimmte verhaltenstherapeutische Maßnahmen, beispielsweise die Gedankenstopp-Methode oder körperliche und mentale Entspannungsübungen, haben eine positive Wirkung auf beide Störungen.“ Therapeuten, die KVT-I anwenden, werden Folgendes empfehlen: Verzichten Sie auf ein Schläfchen während des Tages. Sorgen Sie für Ruhe und Entspannung vor dem Schlafengehen. Schauen Sie, wenn Sie im Bett sind, nicht auf die Uhr. Halten Sie sich nur zum Schlafen und zum Sex im Bett auf. Wenn Sie nicht (ein)schlafen können, dann stehen Sie wieder auf. Lesen Sie oder gehen Sie einer anderen, ruhigen Beschäftigung nach. Und stehen Sie morgens immer zur gleichen Zeit auf.

Psychotherapie in Verbindung mit Antidepressiva.

Für Patienten, die sowohl an Depressionen als auch an Schlaflosigkeit leiden, kann eine Kombination aus Gesprächstherapie und Antidepressiva hilfreich sein. „Ein Antidepressivum mit sedierender Wirkung, das am Abend eingenommen wird, zeigt gute Erfolge“, sagt der Psychologe Weeß. Allerdings kommt es dabei auf die Wahl des richtigen Medikaments an. Antidepressiva aus der Gruppe der sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die bei Depressionen mit am häufigsten verschrieben werden, können Schlafprobleme sogar auslösen. „Einige dieser Mittel können bei 20 bis 30 Prozent der Patienten den Schlaf stören“, gibt Riemann zu bedenken. „Sie sollten deshalb möglichst morgens eingenommen werden, um die Nachtruhe nicht zu beeinträchtigen.“

Falls Sie an Schlafstörungen und depressiven Stimmungen leiden, gehen Sie zu Ihrem Arzt. Denken Sie daran, dass auch Selbstfürsorge helfen kann, die Krankheit zu überstehen. „Es gibt einen Weg aus der Krise“, sagt Dr. Dan Chisholm.

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